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Wall Street in Innsbruck?

15.04.2014

Finanzierung: Für die meisten KMU ist ein Börsengang kein Thema. Ein Schweizer will das ändern und in Tirol eine Börse für Mittelständler eröffnen. Doch am Projekt scheiden sich die Geister.

Der klassische Bankkredit ist noch immer die beliebteste Finanzierungsform der heimischen KMU. Dieser mache bei kleinen und mittleren Unternehmen rund ein Viertel des Gesamtkapitals aus, kalkuliert die KMU-Forschung. Das Altbewährte ist allerdings heutzutage immer schwieriger zu bekommen. Denn gerade wenn es um Innovationsfinanzierungen geht, sind mittlerweile jene Banken rar gesät, die bei schwerer zu kalkulierenden Risiken noch mitgehen. Alternativen sind gefragt.

Hohe Börsenkosten
Eine von vielen KMU meist im Voraus ausgeschlossene Option ist eine Erhöhung des Eigenkapitals über die Börse. Dabei kann es durchaus sinnvoll sein, darüber nachzudenken – zumindest wenn sehr kapitalintensive Investitionen wie Übernahmen anstehen, wie Wiener-Börse-Vorständin Birgit Kuras meint. Um auch KMU den Weg an die Börse schmackhaft zu machen, veranstaltet die Wiener Börse darum laufend Workshops, bei denen über die Rahmenbedingungen von Aktienemissionen und börsennotierten Anleihen informiert wird. Kuras stellt allerdings klar: „Ein Unternehmen muss eine innere Börsenreife erlangen, bevor es die vollen Vorteile eines Börsenganges ausschöpfen kann.“ Fakt ist, dass die Firmen bei der Umwandlung des Unternehmens in eine AG der Öffentlichkeit tiefe Einblicke geben müssen. Dazu zählt die Veröffentlichung von kursrelevanten Informationen ebenso wie eine periodische Berichtspflicht sowie die Offenlegung von Beteiligungen. Was manche abschreckt, kann im Nachhinein aber auch ein Vorteil sein, wie Kuras folgert: „Viele der Unternehmen betonen noch Jahre nach ihrem Börsengang, dass sie von diesem Mehr an Transparenz und – damit verbunden der Bekanntheit in der Öffentlichkeit – profitiert haben.“ Was bleibt, sind allerdings die Kosten, welche sich bei einer Kapitalerhöhung auf einmalig zehn Prozent des Emissionsvolumens plus laufende Kosten von jährlich mehr als 100.000 Euro belaufen. Laut Einschätzung von Finanzierungsexperten ist ein klassischer Börsengang so erst ab einem Kapitalbedarf von mindestens 20 bis 30 Millionen Euro sinnvoll.

Idee der Alpenbörse
Unternehmen, deren Finanzierungsbedarf weit unter dieser Börsengrenze liegt, will Kurt Beatus Müller mit seinem Projekt „Alpenbörse“ zu mehr Kapital verhelfen. Geht es nach dem gebürtigen Schweizer, soll in Tirol künftig eine Börse für KMU die Tore öffnen.

 „Die Eigentümerfamilien, die Banken und auch die Förderstellen fallen zunehmend aus, wenn es um die Finanzierung von Innovation geht“, beklagt er. Darum sollen viele Einzelaktionäre den Mittelstand finanzieren. Wie das angesichts der hohen Kosten gehen soll? Bis zu 20 KMU könnten sich zu einem Cluster zusammenschließen, eine Holding gründen und somit gemeinsam an die Börse gehen, meint Müller. Der Vorteil bei dieser Konstellation: Die Unternehmen könnten ihre Rechtsform der GmbH beibehalten und müssten nur etwa 25 Prozent der Anteile zur Verfügung stellen. Laut Müllers Vorstellungen könnte sich so jedes einzelne KMU über die Börse zwei bis zwölf Millionen frisches Eigenkapital holen. Geclustert soll übrigens nach Branchen und Regionen werden. Die Alpenbörse würde nach Müllers Vorstellungen einmal die Woche in Innsbruck für den Handel geöffnet und für alle KMU des Alpenraums – also Schweiz, Südtirol, Süddeutschland und Österreich – zugänglich sein.

Einziges Problem: Bislang konnte der Schweizer nicht die von der FMA verlangte Grundfinanzierung von 15 Millionen Euro, die über fünf Bankhäuser als Teilhaber erfolgen muss, aufstellen. Nachdem Müller bei den heimischen Banken keine Partner gefunden hatte, stand das 2009 gestartet Projekt schon vor dem Aus. Jetzt glaubt der frühere Fondsmanager aber mithilfe von Partnern aus der Schweiz und Deutschland vor dem Durchbruch zu stehen. „Einzelne Bankvorstände haben wir schon überzeugt. Nun muss die Sache nur mehr von den Aufsichtsräten abgesegnet werden. In spätestens vier Monaten sind wir so weit“, prophezeit Müller, der aufgrund des liberalen Börsengesetzes unbedingt am Standort Österreich festhalten will. Das anschließende Prüfverfahren der FMA würde eine Öffnung der Alpenbörse frühestens in etwa einem Jahr erlauben. Vorausgesetzt, es läuft alles glatt.

Wenig Liquidität und Transparenz
Ob eine KMU-Börse tatsächlich große Zugkraft bei Investoren entwi-ckeln kann, ist allerdings zu unklar. Tatsächlich ist bekannt, dass gerade Großanleger wie Versicherungen und Rentenfonds schon jetzt große Bögen um illiquide Märkte machen. Ein weiterer Grund: fehlende Berichte und zu wenig Einblicke in die Geschäftsgebaren. Müller entgegnet diesen Einwänden, indem er seine Alpenbörse als Finanzplatz des nachhaltigen Unternehmertums positionieren will. „Der Mittelstand im Alpenraum performt jetzt schon besser als die großen Konzerne, obwohl sie es von den Rahmenbedingungen schwerer haben.“ Wenn die KMU eine Nachhaltigkeitsstory erzählen könnten, würden sie auch die auf grünes und ethisches Investment fokussierten Investoren ansprechen – und deren Zahl sei stark im Steigen, meint Müller.

Weitere Alternativen
Skeptisch gegenüber Plänen, Mittelständler über Cluster an die Börse zu bringen, zeigt sich dagegen Finanzexperte Peter Voithofer von der KMU-Forschung. Seiner Meinung nach sei das Zusammenwürfeln in Clustern ein Problem: „Woher weiß ein Aktionär, dass dort nicht einzelne faule Unternehmen drinnen sind?“ Voithofer glaubt, dass KMU auch abseits der Börse einige eigenkapitalähnliche Instrumente finden können, die je nach Größenordnung des Finanzbedarfs besser geeignet sind als Börsengänge. Er meint dabei den Mittelstandsfonds sowie unterschiedliche Arten der stillen Beteiligung oder Minderheitenbeteiligung, die mittlerweile schon weit verbreitet sind.

 
Text: Daniel Nutz

 

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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