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Wachstum neu denken

08.10.2019

Erfolgreich wirtschaften = Wachstum. Diese Gleichung scheint heute beinahe ein Naturgesetz zu sein, dabei hat die Ära nach dem Wachstum, wie wir es bisher kannten, längst begonnen. Wie aber kann ein Wirtschaften jenseits des klassischen Wachstums konkret aussehen? Dieser Frage widmet sich der Vordenker neuer Wachstumsmodelle André Reichel.

Wachstumsfetisch auf der einen, brachiale Kapitalismuskritik auf der anderen Seite: Kaum ein Thema wird in der Wirtschaft so kontrovers diskutiert wie die Fixierung auf reine Wachstumsmaximierung. „Grünes Wachstum“, Postwachstum, Abschaffung des freien Marktes – die Fronten sind verhärtet. Zukunftsfähig sind diese extremen Sichtweisen allerdings nicht. „Es ist Zeit für ein neues Verständnis von Wachstum – nicht ‚grün‘, nicht antikapitalistisch, sondern anders. Ein Verständnis, das verbindet und mit dem wir Frontalpositionen überwinden“, meint André Reichel, Herausgeber der Trendstudie „Next Growth“. Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 hat sich das jährliche globale Wachstum deutlich reduziert. Bis zur Jahrhundertmitte werden globale Wachstumsraten von unter 1 Prozent erwartet. Es steht aber weniger das Ende des Wachstums bevor als vielmehr der Beginn einer Ära, die völlig neue, umfassendere Formen des Wachstums eröffnet.

DIE ÄRA DES NEXT GROWTH

Was die Wirtschaft von morgen braucht, ist laut Reichel ein neues Verständnis, das Wachstum nicht als eine rein ökonomische Kategorie begreift, sondern als Kombination mit gesellschaftlichen, ökologischen – und menschlichen Aspekten. Eine Perspektive, die Wachstum weder glorifiziert noch problematisiert, sondern als Lösung begreift, um unsere Systeme resilienter und nachhaltiger zu machen. Dieses Wachstumsverständnis verlangt, Wirtschaft generell anders zu denken: systemisch und zyklisch, sich evolutionär zu höherer Komplexität und Qualität entwickelnd. Die Vision ist eine nachhaltige Balance zwischen Demokratie und Marktwirtschaft, zwischen Menschheit und Umwelt – und zwischen Mensch und Mensch. Eine ökonomische Realität, die TEXT STEPHAN STRZYZOWSKI Foto: metamorworks / Getty Images WACHSTUM NEU DENKEN Erfolgreich wirtschaften = Wachstum. Diese Gleichung scheint heute beinahe ein Naturgesetz zu sein, dabei hat die Ära nach dem Wachstum, wie wir es bisher kannten, längst begonnen. Wie aber kann ein Wirtschaften jenseits des klassischen Wachstums konkret aussehen? Dieser Frage widmet sich der Vordenker neuer Wachstumsmodelle André Reichel. keine künstlichen Bedürfnisse erzeugt, sondern Resonanz und Beziehungen fördert. Und die hilft, höhere soziale, emotionale und kulturelle Dimensionen zu erschließen. Was heißt das konkret? Laut Reichel ginge es nicht um die Abschaffung des Kapitalismus, sondern vielmehr um die Frage, wie wir alle dabei mitwirken können, den Kapitalismus zukunftsfähig zu machen. Tatsächlich sei Wachstum kein in Stein gemeißeltes Konzept. Es sei nicht festgelegt auf materielle Maximierung, sondern es könne mit neuem Leben, mit neuen Werten gefüllt werden. Der große Wertewandel hin zu einer nachhaltigeren Gesellschaft ebnet auch den Weg für ein zukunftsweisendes Verständnis von Wachstum, das Unternehmen bislang verschlossene Möglichkeiten des Wirtschaftens – und Wachsens – in Zeiten des Postwachstums eröffnet. „Das ist die Idee von Next Growth“, meint Reichelt.

VIER THESEN von André Reichel für ein zukunftsweisendes Verständnis von Wachstum

1 WACHSTUM Wirtschaftliches Wachstum ist unsicher geworden. Brüche, Einbrüche und Umbrüche prägen die wirtschaftliche Landschaft. Gleichzeitig kann einseitiges Wachstumsdenken in eine mentale Sackgasse führen. Unhinterfragte Mindsets sind gefährlich für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen – vor allem, wenn sich Umwelten und Kontexte radikal und unüberschaubar ändern. Immer weiter verbreitet sich deshalb ein neues Mindset, das „Wachstum“ jenseits rein ökonomisch- materieller Kategorien versteht.

2 STRATEGIE Strategie ist schon immer ein Gesellschaftsspiel gewesen: Man kann es nur mit anderen zusammen spielen. In der Wachstumsökonomie des 20. Jahrhunderts war dies nur eine Spielregel unter vielen. Im Kontext einer komplex vernetzten Wirtschaft des Next Growth wird sie zur zentralen Maßgabe. Unternehmen müssen lernen, sich zu öffnen, um die Anschlussfähigkeit an ihre Umwelten – auch an ihre natürliche Umwelt – zu erhöhen. Nur so wird eine Organisation aufnahmefähig für die neuen gesellschaftlichen Wertesets.

3 INNOVATION Next Growth wird vorangetrieben von einem reflexiveren und nachhaltigeren Verständnis von Innovation – eine Innovation der Innovation, frei von den Scheuklappen einseitiger Wachstumszwänge. Im Gegensatz zum traditionellen Innovationsdenken, das stets eindimensional auf „neu“ und „mehr“ ausgerichtet gewesen ist, revitalisieren Next- Growth-Innovationen eine eigentlich altbewährte Erkenntnis: Wahre Innovationen sind nicht technischer, sondern sozialer Natur. Sie reflektieren den Wandel sozialer Praktiken und entwickeln sie weiter.

4 WERTSCHÖPFUNG Der Wohlstand von morgen beruht auf neuen Werten. Die Wirtschaft des Next Growth basiert auf einem neuen Verständnis von Wertschöpfung. Für Unternehmen wird die Frage zentral: Welche Werte, welche Emotionen treiben die Organisation an? Denn Unternehmen sind von Menschen gemacht und keine automatisierten Systeme, die der kühlen Logik von Maschinen unterliegen. Organisationen, die von den neuen Dimensionen des Next Growth profitieren wollen, müssen den Wandel der Wirtschaft und der Werte der nächsten Gesellschaft verstehen – und ihn als unternehmerische Akteure selbst mutig vorantreiben.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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