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Vorteil Österreich

30.05.2005

Österreich hat in allen kürzlich durchgeführten Studien über die Qualität europäischer Standorte gut abgeschnitten. Teilweise sogar besser, als der große Nachbar Deutschland - gleich, ob bei Produktivität, Lohnstückkosten oder Innovationsgrad.

Von Tonja Wagner
Foto ABA

"Österreich bietet gerade für anspruchsvolle Produktionsunternehmungen ein hervorragendes Preis-Leistungsverhältnis", meint Henner Lüttich, Autor einer Studie des Beratungsunternehmens Contor, das kürzlich einen Standortvergleich zwischen Österreich und Deutschland durchgeführt hat. Seien es nun die Standortfaktoren Produktivität, Lohnstückkosten, Innovationsgrad oder die Unternehmenssteuern: Österreich hat im direkten Vergleich der Standorte mit Deutschland offenbar nach langen Jahren des "Nachlaufens" die Standortführerschaft übernommen.
René Siegl, Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA), einer Tochter des Wirtschaftsministeriums, die sich mit Betriebsansiedelungen im österreichischen Bundesgebiet befasst, führt die Hauptargumente an, weshalb sich ausländische Betriebe dieser Tage für einen Standort in der Alpenrepublik entscheiden: "In erster Linie verfügen wir über eine hervorragende Qualität und Motivation der Arbeitskräfte, weiters hat für viele Investoren der Standort Österreich immer noch die Funktion einer Zentrale für Ihre Aktivitäten in Mittel- und Osteuropa. Als zusätzlichen Vorteil im Vergleich zu manchen osteuropäischen Nachbarn verfügen wir über eine ausgeprägte Stabilität und Berechenbarkeit der politischen Verhältnisse im Land und last but not least ist unsere letzte Steuerreform für viele als Motivationsschub hinzugekommen."
Die Fakten geben Siegl recht: Seit dem ersten Januar 2005 beträgt die Körperschaftssteuer in Österreich nur mehr 25 Prozent. Im direkten Vergleich mit den östlichen Nachbarn ein durchaus kompetitiver Wert, werden doch in Ungarn 16 Prozent und in der Slowakei 19 Prozent eingehoben. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Zahl der Anfragen ausländischer Unternehmen aus, die sich von der ABA beraten lassen wollen. Haben zu Beginn des Jahres 2004 nur knapp 300 Unternehmungen seriös über eine Betriebsansiedelung in Österreich nachgedacht, so sind es in diesem Jahr bereits um hundert mehr. "Dazu kommt, dass wir im Vergleich mit Deutschland über niedrigere Arbeitnehmerentgelte und eine tendenziell höhere Produktivität verfügen. Aufgrund der höheren Jahresleistungszeit (Anm.: durchschnittliche geleistete Arbeitsstunden pro Jahr) führt dies zu einer erheblich geringeren Gesamtarbeitskostenbelastung als in Deutschland", betont der Geschäftsführer der ABA.

Ein Bayer in Österreich
Das lockt Firmen nach Österreich: Werner Pfadler, Geschäftsführer der Firma Usenet, eines Firmengeflechts, das sich mit IT-Sicherheit befaßt, hat vor kurzem den Weg von Bayern nach Österreich angetreten. "Wir haben es hier in Österreich mit sehr motivierten Leuten zu tun, insbesondere die Art und Weise wie Neuansiedelungen gefördert werden und mit welcher Unterstützung das abgewickelt wird, hat uns besonders angesprochen. Wobei ich gar nicht von der finanziellen Förderung sprechen möchte, die in unserem Fall nicht so intensiv ausgefallen ist. Aber bei der Ansiedlung wurde einem jeder Stein aus dem Weg geräumt, das war sicherlich sehr attraktiv, hinzu kam, dass ich die politische Aufbruchsstimmung in Österreich sehr schätze". Dass er sich als IT-Dienstleister in einer Branche bewegt, die besonders nahe am Kunden agieren muss, um erfolgreich zu sein, war ein Hauptmotiv, nach Österreich zu kommen. Hier in der Steiermark sind im Automobilcluster all jene großen Player zusammengefasst, die zu seinen Hauptkunden zählen. "Man muss erwähnen, dass wir Kunden wie Daimler Chrysler oder BMW immer noch von Deutschland aus betreuen", betont Pfadler, "unser größter Neukunde in der Region ist die Steiermärkische Krankenanstalt, ebenso gibt es intensive Gespräche mit Magna, AVL und anderen Automobilzulieferern, die sich sehr positiv entwickeln. Eine wichtige Entscheidungsgrundlage, weshalb wir den Schritt nach Österreich gewagt haben, war eine Marktstudie, die vom Land Steiermark gefördert wurde, um überhaupt feststellen zu können, ob unser Angebot in Deutschland auf den österreichischen Markt passt."

Ideal für Nischenplayer?
"Das Lohnargument spricht eher gegen uns", meint René Siegl von der ABA. "Wir sind ein eher teurer Standort, was Lohn und Gehalt anlangt und können uns nur auf der Qualitätsschiene behaupten. Investoren, die einen größeren Produktionsstandort suchen, werden sich nicht in Österreich niederlassen. Da ist es uns schon länger nicht mehr gelungen, ein neues Automobilprojekt oder auch einen Zulieferbetrieb zu gewinnen." Wer also eine rein kostengetriebene Standortentscheidung zu treffen hat, bei der es weniger auf den Qualitätsanspruch ankommt, ist in der Alpenrepublik nicht so gut aufgehoben. "Beim Standortfaktor Lohnkosten kommen wir im Vergleich zu den osteuropäischen Nachbarn ohnehin nicht zum Zug", ist sich Siegl bewusst. "Das Lohngefälle ist zu groß und wird sich auch nicht so schnell angleichen. Unseren Schätzungen zufolge, wird das noch zwei bis drei Jahrzehnte dauern."
Dennoch haben im Jahr 2004 um 30 Prozent mehr Unternehmer als im Jahr zuvor ihre Ansiedlung in Österreich durchgeführt. Insgesamt wurden 107 Investitionsprojekte mit einem Gesamtvolumen von rund 283 Millionen Euro realisiert. Auf Branchen verteilt, sind mehr als die Hälfte dieser Unternehmen im Dienstleistungssektor tätig, der Rest setzt sich aus neu angesiedelten Produktionsbetrieben und Unternehmen im Bereich der Forschung und Entwicklung zusammen.
Selbstverständlich ist der Standortwettbewerb auch ein Wettbewerb der Regionen. Und zwar nicht nur innerhalb Europas, sondern auch innerhalb Österreichs. So wurden im Jahr 2004 die meisten Investitionen in Wien getätigt, gefolgt von Oberösterreich, Niederösterreich, Salzburg, Kärnten, Steiermark und Tirol. Dabei versuchen die Regionalgesellschaften ihre individuellen Vorteile den Investoren gegenüber bewusst zu machen.
So kann die Ansiedlungsgesellschaft Ecoplus für die Region Niederösterreich insbesondere als attraktiver Technologiestandort punkten und das in gleich in drei Städten: In Krems, Tulln und Wiener Neustadt konnten sich zu den Themen Biomedizin, Umwelt- und Agrarbiotechnologie sowie Modern Industrial Technologies (MIT) wichtige Investitionsschwerpunkte bilden. Zudem ist in Niederösterreich der Aufbau und das Management von Clustern als Startschuss für betriebliche Kooperationen besonders ausgeprägt. Beispiele hier für sind der Holz Cluster Niederösterreich, der Ökobau Cluster und Kunststoff Cluster, um nur einige zu nennen.
In jedem Fall wird von allen österreichischen Regionen viel getan, um die Attraktivität der Standorte zu erhalten. Über die nächsten Jahre sind mehr als zwei Milliarden Euro von Bund und Ländern für anstehende Infrastrukturprojekte geplant, um das Schienen- und Straßennetz an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen. Wer also einen hochqualitativen Standort für Produktion, Dienstleistung oder Forschung zu hervorragenden, steuerlichen Bedingungen sucht, ist in Österreich gut aufgehoben.
(6/05)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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