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Vorsorge: Mit Profit die Welt retten

13.11.2018

Die Pensionsvorsorge kann nicht nur den persönlichen Wohlstand absichern, sondern auch die nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft fördern. Und zwar ohne Verzicht auf Rendite. Im Gegenteil.

Rene Schmidpeter, CASM
ALLE BETRIEBLICHEN VORSORGEKASSEN

• Allianz Vorsorgekasse AG (früher Bawag-Allianz)
• APK Vorsorgekasse AG
• Bonus Vorsorgekasse AG
• BUAK Betriebliche Vorsorgekasse GesmbH
• Fair-Finance Vorsorgekasse AG
• Niederösterreichische Vorsorgekasse AG
• Valida Plus AG (früher: ÖVK bzw. auch Siemens MVK)
• VBV – Vorsorgekasse AG

Sie gilt seit 2003: die sogenannte Abfertigung Neu. Das Gesetz schreibt vor, dass Arbeitgeber monatlich 1,53 Prozent des Bruttoentgelts für jeden Arbeitnehmer in eine Betriebliche Vorsorgekasse einzahlen müssen. Deren Aufgabe ist es, die Beiträge zu verwalten und zu veranlagen. Und zwar vorsichtig. Denn die Vorsorgekassen müssen sowohl auf Sicherheit als auch auf Rentabilität achten, wobei der maximale Aktienanteil 40 Prozent nicht übersteigen darf. Sinn der Sache ist eine möglichst langfristige Veranlagung, die einen wesentlichen Teil des österreichischen Pensionsmodells darstellt. Insgesamt acht Vorsorgekassen bemühen sich in Österreich um die Unternehmen, die eine davon für ihre Angestellten auswählen müssen. Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens Mercer mit Stand März 2018 verwalten sie rund 10,6 Milliarden Euro für 3,37 Millionen Kunden. Auch wenn von Nachhaltigkeit im Abfertigungsgesetz keine Rede ist, spielt das Thema doch mittlerweile eine tragende Rolle. Aus gutem Grund.

WO SICH ÖKOLOGIE UND ÖKONOMIE TREFFEN

Der Klimawandel wird immer stärker spürbar, und die Sensibilität der Gesellschaft für soziale Schieflagen steigt. Faktoren, die zunehmend auch das Verhalten großer Anleger beeinflussen. „Institutionelle Investoren verfolgen diese Entwicklung sehr genau“, bestätigt Prof. René Schmidpeter. Der Direktor des Center for Advanced Sustainable Management (CASM) der Cologne Business School beobachtet eine Trendwende: „Wichtige Investoren reagieren mit einem veränderten Anlageverhalten auf Klimawandel und gesellschaftliche Herausforderungen, und sie suchen bewusst neue Chancen in der gesellschaftlichen Veränderung.“ Als ein Beispiel von vielen nennt er Pimco, einen der größten globalen Geldverwalter. Das Unternehmen investiert neuerdings vermehrt in Emittenten mit erstklassigen Nachhaltigkeitsstrategien. Auch der inzwischen eine Billion schwere norwegische Staatsfonds will laut Schmidtpeter nur noch in nachhaltige Firmen investieren. Selbst das Fondsschwergewicht Blackrock würde mittlerweile einsehen, dass Nachhaltigkeit einen Mehrertrag für das Unternehmen und seine Shareholder bedeutet. Grund genug auch für die Politik zu reagieren: Sowohl der französische Pensionsfonds als auch die Europäische Investitionsbank machen Nachhaltigkeit zur Bedingung ihrer Geldanlage und Kreditvergabe. Wenig verwunderlich also, wenn auch heimische Vorsorgekassen, die per se zu Vorsicht angehalten sind, diesem Trend folgen.

AUSSCHLIESSEN UND PRÄFERIEREN

Konkret nach der Bedeutung der Nachhaltigkeit in der Veranlagungsstrategie gefragt, erklärt etwa die VBV Versicherung, dass die nachhaltige und transparente Ausrichtung des gesamten Unternehmens seit der Unternehmensgründung in der Vision, im Mission-Statement und im Unternehmensleitbild strategisch verankert ist. Neben dem ertragreichen Aufbau von Vorsorgekapital stellt das Unternehmen die Veranlagung mit ökonomischen, sozialen und ökologischen Grundsätzen ins Zentrum der Arbeit. Konkret gesprochen, müssen alle Investments positiven Kriterien entsprechen und dürfen auch nicht gewissen Ausschlusskriterien tangieren. Durch diese Kriteriologie werden die Kapitalströme genau dorthin gelenkt, wo nachhaltig, ressourcenschonend und mit Compliance gewirtschaftet wird. Um das zu gewährleisten, hat die VBV vor mittlerweile 16 Jahren auch einen eigenen Ethikbeirat ins Leben gerufen. Gemeinsam mit externen Experten wird dort festgelegt, in welche Bereiche und unter welchen Voraussetzungen die Kundengelder investiert werden. Auch bei der Valida Holding spielt die Nachhaltigkeit in der Veranlagungsstrategie eine bedeutende Rolle, wie der Vorstandsvorsitzende Mag. Martin Sardelic bestätigt. „Bei uns können sich die Kunden in der Abfertigung Neu sicher sein, dass ihre Guthaben nach Environment-Social-Governance-(ESG-)Kriterien veranlagt sind. Um dies zu garantieren, lassen wir unser Portfolio regelmäßig vom unabhängigen Spezialisten „rfu“ überprüfen und wurden bereits sechs Mal in Folge mit Ögut-Gold, also dem bestmöglichen Nachhaltigkeitszertifikat, ausgezeichnet“, erklärt Sardelic. Ausgeschlossen werden unter anderem Nuklearenergie, Waffen und passive Klimapolitik.

„Positive finanzielle Rendite wird zu einem Teil von nachhaltigem Wirtschaften und umgekehrt.“ Rene Schmidpeter, CASM

NUR NOCH NACHHALTIG

Die Fair-Finance Vorsorgekasse hat sich sogar zu einer zu hundert Prozent nachhaltigen Kapitalanlage verpflichtet. Im Auswahl- und Investitionsprozess werden die Optionen ebenfalls aufgrund von Ausschlusskriterien reduziert. „Mittels Best-in-Class werden anhand von Positivkriterien nur noch jene Investitionsmöglichkeiten ausgewählt, die einen wesentlichen Beitrag zum nachhaltigen Wirtschaften leisten und ihren ökonomischen Erfolg unter Einbeziehung sozialer, ethischer und ökologischer Aspekte erreichen“, erklärt Unternehmenssprecher Rainer Ladentrog. In einem weiteren Schritt fallen unter Anwendung der ESGKriterien mindestens 50 Prozent der schlechtesten Emittenten weg. Zuletzt fokussiert das Unternehmen noch auf Impactstarke Themen wie Mikrofinanz, alternative Energie und ganz aktuell auf Aufforstung und Social-Business-Finanzierung.

WENIGER RISIKO, MEHR RENDITE

Ein aufwendiger Prozess, für den es auch abseits des guten Gewissens Gründe gibt. Was für nachhaltige Investments spricht ist neben der ethischen Komponente etwa auch ihr geringeres Risiko. Gründe für ein massives Wachstum sind also gegeben. Weshalb Experten das weltweite Vermögen, das in irgendeiner Weise Nachhaltigkeit bei der Anlageentscheidung berücksichtigt, auf über 20 Billionen Dollar schätzen. In absehbarer Zeit wird sogar die Hälfte aller weltweiten Anlagen in nachhaltige Investments gehen, prophezeit Schmidtpeter. Geht es den Investmentbankern aber wirklich darum, die Welt zu retten? „Wahrscheinlich nicht“, lautet Schmidtpeters Befund. „Vielmehr nehmen sie wissenschaftliche Studien ernst, die aufzeigen, dass man mit nachhaltigen Investments nicht weniger, sondern in den meisten Fällen sogar mehr Rendite erzielt.“ Dies gelte vor allem dann, wenn das jeweilige Anlagerisiko der Investition mitberücksichtigt werde.

LANGE DAUER, GROSSE WIRKUNG

Eine Entwicklung, die zur Bekämpfung des Klimawandels weit mehr beitragen könnte, als viele andere Maßnahmen. Kommt doch der Anlage eine weit größere Bedeutung für die Umwelt zu, als mancher denken würde. So zeigen laut Schmidtpeter erste Analysen auf, dass die Pensionsanlage im Vergleich zu Fragen wie, welches Auto man fährt, wie viele Fernreisen man unternimmt oder ob man sich klimaneutral ernährt, die wichtigste Einzelentscheidung darstellt, die ein Konsument treffen kann, um einen positiven Impact auf die nachhaltige Entwicklung zu gerieren. Mit der Wahl der Pensionsanlage werden darüber hinaus auch die Strategien der Unternehmen hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft beeinflusst. Der Effekt dieser Entscheidung ist laut Schmidtpeter um das 30-Fache höher allen anderen Maßnahmen, die man als Konsument treffen kann. Zugegeben, die Wahl der Mitarbeitervorsorge wird vom Unternehmen getroffen und nicht von jedem einzelnen Angestellten, doch das positive Beispiel der verpflichtenden Anlage könnte leicht Schule für den privaten Bereich machen. Schmidtpeter zeigt sich überzeugt, dass Pensionskassen dieser Entwicklung immer stärker Rechnung tragen werden und die Konsumenten dabei unterstützen, ihre eigenen Interessen nach Rendite und zugleich den Wunsch nach einer nachhaltigen Welt für ihre Enkel zu erfüllen.Ein Trend, der auch von Reinhard Friesenbichler, einem Spezialisten für nachhaltiges Investment, bestätigt wird. Auch er prognostiziert eine konstante Entwicklung bei der nachhaltigen Veranlagung der Vorsorgekassen. „Das Volumen wächst kontinuierlich mit den Vorsorgekassen, aber auch die Qualität der Anlage steigt. Dadurch werden die betrieblichen Vorsorgekassen zum Innovationstreiber in Österreich“, erklärt Friesenbichler. Womit auch alte Denkmuster aufbrechen: „Positive finanzielle Rendite wird zum Teil von nachhaltigem Wirtschaften und umgekehrt. Dieses integrative Nachhaltigkeitsdenken überwindet jahrzehntelanges Gegensatzdenken und schafft neue Realitäten für Management und Finanzanlagen“, meint Schmidtpeter. Und davon profitieren letztlich alle.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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