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Von wegen abgesandelt

15.05.2019

Der Wirtschaftsstandort Österreich kann sich durchaus sehen lassen. Ein Überblick zu Konjunkturentwicklung, Energiepreisen und altbekannten Problemfeldern.

Christoph Badelt, Wifo
Martin Kocher, IHS

Österreich bleibt eine „Insel der Seligen“ – zumindest wenn man das große Bild bei der konjunkturellen Entwicklung Europas und international betrachtet. In Deutschland rufen Wirtschaftsforscher schon das Ende des Aufschwungs aus, das Wachstum der USA bewegt sich großteils seitwärts und der Weltmarkt wird vom Handelskonflikt zwischen Washington und China in Atem gehalten. Währenddessen geben sich die Chefs der beiden großen heimischen Institute Wifo und IHS beim Blick auf das aktuelle Geschehen in Österreich demonstrativ gelassen. „Wir sind immer noch ganz brav unterwegs“, so Wifo- Chef Christoph Badelt bei der Präsentation der jüngsten Prognosen im Frühjahr. IHS-Chef Martin Kocher wählt vor dem Hintergrund der internationalen Entwicklung diese Metapher: „Das österreichische Konjunkturschiff steuert mit relativer Stabilität durch raues nachbarstaatliches Gewässer. Es gibt keinen Grund zum Alarmismus.“

KONJUNKTURELL BESSER ALS DEUTSCHLAND

Tatsächlich steht Österreich derzeit sogar besser da als Deutschland – auch wenn zum Gesamtbild die Tatsache gehört, dass der Abschwung auch hierzulande bereits stattfindet. Denn beim Wachstum erwarten Wifo und IHS für heuer lediglich einen Wert zwischen 1,7 und 1,5 Prozent. Das ist deutlich weniger als das Plus von 2,7 Prozent im Vorjahr, aber immer noch weit von einer Rezession entfernt. Eine Spur weniger optimistisch sind die Konjunkturexperten der Bank Austria für heuer. Für nächstes Jahr erwarten sie ein Wachstum von 1,3 Prozent. Eine Umfrage von Creditreform unter rund 1700 heimischen mittelständischen Unternehmen bestätigt das Bild: Die Geschäftslage bei heimischen KMU sei nach wie vor sehr gut, „aber die Erwartungshaltung für die kommenden Monate etwas gedämpft“, heißt es bei Creditreform.

INTERNATIONALE „ABWÄRTSRISIKEN“ UNÜBERSEHBAR

Die „Abwärtsrisiken“ am Weltmarkt sind allerdings unübersehbar. Bekanntlich sind mit großem Abstand Deutschland sowie die USA, Italien, die Schweiz und Frankreich die wichtigsten Handelspartner Österreichs, und bei gleich drei davon nehmen die Turbulenzen zu. In Deutschland haben die fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute im April ihre Prognose für heuer massiv von 1,9 auf 0,8 Prozent nach unten korrigiert. Die extrem exportorientierte Wirtschaft spürt die Flaute am Weltmarkt besonders stark.

Dazu kommt in der Autoindustrie als der wichtigsten Branche der Faktor WLTP. Die Umstellung auf diesen neuen Messstandard für Abgaswerte hat vorigen Herbst monatelang die Produktion gebremst – was auch in Österreich mit seiner großen Autozulieferindustrie bis heute direkt spürbar ist. Ebenfalls spürbar wird allmählich die Flaute in Italien. Der drittwichtigste Partner Österreichs und die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone steckt in einer Rezession, die Stimmung der italienischen Wirtschaft ist zuletzt auf ein Vier-Jahres-Tief gesunken.

KAUM AUSWIRKUNGEN DER SCHWANKUNGEN IN ÜBERSEE

Dagegen betrifft weder der Brexit noch das relativ schwache Wachstum der USA die Alpenrepublik besonders stark. In den USA prägt vor allem der Handelskonflikt mit China das Geschehen. Jenseits allen Säbelrasselns steht dahinter der Versuch der Regierung Trump, die massive Schieflage im Außenhandel zuungunsten der USA zu korrigieren. Diese Entwicklung am Weltmarkt wiederum „schlägt nur mäßig auf Österreich durch, weil die Flaute zu einem erheblichen Teil aus spezifischen Effekten des Handelsstreites zwischen China und den USA resultiert“, so das Wifo. Auch der in den Medien omnipräsente Brexit sei für Österreichs Konjunktur weit weniger relevant, als es den Anschein habe, so Wifo-Chef Badelt. Sowohl ein weicher als auch ein harter Brexit wirke sich „mit maximal 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten auf das BIP aus.“

Jenseits dieser Verwerfungen weisen die Wirtschaftsforscher der Bank Austria jedoch auf die langfristige Perspektive hin: „Die aktuelle Schwäche der Weltwirtschaft ist die 18. dieser Art seit 1960 und nur eine, nämlich jene von 2008, führte in eine Krise. Die anderen 17 Schwächeperioden endeten nach einigen Quartalen geringeren Wachstums mit einem erneuten Durchstarten der globalen Wirtschaft. Wir können daher spätestens 2021 wieder mit höheren Wachstumszahlen rechnen.“

ENERGIEPREISE: TURBULENTE ENTWICKLUNG

Ein wichtiger Standortfaktor sind die Energiepreise – und hier ist die Situation weit weniger entspannt. Bei den Erzeugerpreisen liegen die Kosten für Energie derzeit schon vier Prozent über Vorjahresniveau, meldet die Statistik Austria. Vor allem Strom und Gas haben sich im Vorjahr nach Daten der E-Control kräftig verteuert, und zwar sowohl im Großhandel als auch im Massenmarkt. Neben dem Preisanstieg bei Öl, Gas und Kohle wirkt sich vor allem die Verteuerung der Emissionszertifikate aus, zusätzlich angetrieben von Diskussionen um Atomstrom in Frankreich und dem Kohleausstieg in Deutschland.

„Ein weicher oder auch ein harter Brexit wirkt sich mit maximal 0,1 bis 0,2 % auf unser BIP aus.“ Christoph Badelt, Wifo

STROM FÜR DIE WIRTSCHAFT TEURER

Ein anderer wichtiger Faktor war die Auftrennung der gemeinsamen deutsch-österreichischen Stromhandelszone, die Berlin wegen zu großer Schwankungen in den eigenen Netzen durchgesetzt hat. Die APG verweist auf einen anderen Faktor: Weil der Strompreis aus Erneuerbaren im deutschen Großhandel stark gefördert ist, während er für Endverbraucher immer weiter steigt, konnte sich Österreichs Industrie jahrelang an der Leipziger Strombörse EEX daraus bedienen – nun wollte Deutschland wieder „marktwirtschaftliche Bedingungen“ schaffen. Das Ergebnis: Die heimische Industrie muss nach Angaben des Verbundes rund 400 Millionen Euro mehr für Strom zahlen als früher. Die Preisdifferenz zu Deutschland pendelt zwischen drei und acht Euro je Megawattstunde – ist im März aber wegen der guten Wasserführung der Donau auf 2,6 Euro gesunken.

„Es gibt keinen Grund zum Alarmismus.“  Martin Kocher, IHS

SPRITPREISE: FEHLENDE TRANSPARENZ

Wohin die Entwicklung bei Erdöl und damit bei Spritpreisen zeigt, ist schwer abzuschätzen. Die Förderpolitik des Ölkartells Opec sowie der USA und Russlands, aber auch von Staaten wie Venezuela und Saudi-Arabien folgt weniger dem Markt als eigenen machtpolitischen Interessen – entsprechend stark schwanken die Ölpreise am Weltmarkt. An heimischen Zapfsäulen zeigt der langfristige Trend jedenfalls seit Monaten nach oben, auch wenn laut Zahlen des Wirtschaftsministeriums Eurobenzin hierzulande immer noch um 19 Cent und Diesel um 13 Cent billiger ist als im Durchschnitt der gesamten EU. Die Mineralölindustrie begründet die Verteuerungen an österreichischen Zapfsäulen jedenfalls immer noch mit der stärkeren Nachfrage am Weltmarkt. „Dieser Argumentation stehen wir skeptisch gegenüber“, heißt es dazu beim ÖAMTC. Die Industrie solle stattdessen für echte Transparenz sorgen, so der Autofahrerclub weiter – sprich für Preissenkungen. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass Mineralölmultis praktisch nie ohne massiven Druck von außen ihre Preise senken.

GUTE PLÄTZE IN INTERNATIONALEN RANKINGS

Damit zur Wettbewerbsfähigkeit des Standorts insgesamt. Der namhafte „Global Competitiveness Report 2018“ des World Economic Forum listet Österreich unter 140 Ländern auf dem 22. Platz. Besonders positiv hervorzuheben sei die öffentliche Infrastruktur im Verkehr, in der Wasserversorgung, das hohe Sozialkapital, öffentliche Sicherheit sowie Schutz geistiger und anderer Eigentumsrechte. Auffällig ist auch das Thema Innovationsstärke: Hier liegt Österreich auf einem hervorragenden 15. Platz weltweit. Weit weniger gut sind die Bereiche rund um Digitalisierung – hier landet die Alpenrepublik nur auf dem 46. Platz, wobei das Ranking vor allem die Nutzung von Breitbandkommunikation betrachtet. Deutlich verbessert hat sich der heimische Standort auch in der Einschätzung österreichischer Manager. In einer repräsentativen Umfrage des „Future Business Austria Report 2019“ sagen 51 Prozent der Führungskräfte, das Land sei „sehr“ oder „gut“ wettbewerbsfähig – vor vier Jahren waren nur 29 Prozent dieser Meinung.

AKTUELL GRÖSSTE SORGE DER HEIMISCHEN WIRTSCHAFT

Weitaus größere Sorgen machen der heimischen Wirtschaft freilich weder die Digitalisierung noch die Innovation, sondern der Mangel an Fachkräften – und gemeint sind damit nicht ungelernte Arbeiter mit mangelnden Sprachkenntnissen, sondern Spezialisten, vor allem im technischen Bereich. „Mehr als die Hälfte der Mittelständler beklagt Umsatzeinbußen aufgrund des Fachkräftemangels“, so eine Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young. Demnach sagen Befragte jedes dritten KMU, große Probleme bei der Rekrutierung von Fachkräften zu haben. Aktuell fehlen der heimischen Industrie nach Angaben der WKBundessparte Industrie 60.000 Fachkräfte, wodurch Umsätze sinken und Aufträge nicht angenommen werden können. Gleichzeitig würden aber Bewerber für technische Ausbildungen trotz bestandener Aufnahmeprüfungen abgewiesen, weil nicht genug Kapazitäten bei Fachhochschulen und HTLs vorhanden seien.

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