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Von ruchlosen Kriegern und Tauben mit Krallen

15.05.2019

Europa verliert gegenüber China und den USA zunehmend an Relevanz. Woran das liegt, auf welche Werte wir uns besinnen müssten und warum das sogar zur Überlebensfrage wird, erklärt der Netzwerkforscher Harald Katzmair von FASresearch.

Sie haben kürzlich analysiert, wie stark die globalen Verflechtungen der 500 wichtigsten Kliniken im Lifescience- Bereich sind und entdeckt, dass Europa gegenüber China und den USA den Anschluss verliert. Ist das ein Effekt, der sich auch in anderen Branchen widerspiegelt? Davon müssen wir ausgehen. Wir haben die Kooperationen der 500 wichtigsten Kliniken im Lifescience-Bereich unter die Lupe genommen und dabei zeigt sich, dass es sehr intensive Beziehungen innerhalb der USA und auch innerhalb Chinas gibt. In Europa ist die Integration dagegen nicht so dicht. Darüber hinaus interagiert China intensiv mit den USA, aber nicht mit Europa.

Wie wirkt sich das aus? Netzwerke, auf die es in unserer innovationsbasierten Wirtschaft ankommt, haben immer ein Zentrum und eine Peripherie. Das Zentrum wächst und generiert ein Momentum. In der Peripherie passiert das Gegenteil. Von dort strebt alles weg. Genau das ist es, was gerade global im Bereich Forschung und Entwicklung passiert. Europa entwickelt sich immer stärker zur Peripherie.

Was machen China und die USA anders? Diese Märkte schaffen es, eine innere Kohärenz aufzubauen. Es ist ein Kooperationsspiel innerhalb der Märkte, die den Rest der Welt reinsaugen. Da entsteht ein echter Pull-Effekt rund um die Topfirmen und Topunis. Die USA und die Chinesen schaffen es, interne Märkte und Kooperationsstrukturen aufzubauen, die eine hohe Dichte aufweisen. Aus diesen Ökosystemen gehen wieder neue Topakteure hervor. Wenn jemand etwas entdeckt, bleibt es drinnen. Wenn es bei uns zu einem Durchbruch kommt, wird er dorthin gesaugt. Dadurch konzentrieren sich in China und den USA Wissensökologien. Und dort passiert dann auch die Monetarisierung. Wir forschen und fördern und sie verwerten.

Ist das eine gesteuerte Strategie? Dieser Saugeffekt von Wissen und Mitteln ist selbstorganisierend. Und wir spielen dabei keine Rolle mehr. Zwischen China und den USA entwickelt sich gerade ein Duopol in vielen Bereichen wie Life- Science, Digitaltechnologie oder Künstliche Intelligenz. Sie schaukeln sich wechselseitig auf und saugen lediglich das Wissen von Europa auf. In den USA ist alles auf orientierte Grundlagenforschung ausgerichtet. Sie wird von den Investoren der Wallstreet, dem Silicon Valley und dem Militär finanziert. Für diese drei Akteure forschen die Wissenschaftler. Darauf ist die Ausbildung der Unis ausgerichtet.

Was macht Europa falsch? Wir lassen zu, dass Europa gespalten wird – was von China und den USA gewünscht wird. Wir bezahlen einen sehr hohen Preis für die Renationalisierung. Wir sehen zu, wie die als Globalisierer verschrienen Eliten geschwächt werden, die nichts anderes tun, als den Markt im geopolitischen Kontext zu schützen. Die fehlende politische Einigkeit in Europa kommt uns wirtschaftlich teuer zu stehen. Man muss begreifen, dass es sich um realpolitische Achsen zwischen China und den USA handelt. Denken wir etwa an die Produktion der Apple-Produkte. Die Materialwissenschaften und viele weitere Aspekte passieren zwischen denen.

Politisch ist das Verhältnis zwischen China und den USA aber nicht gerade rosig. Natürlich entstehen auch Spannungen rund um die protektionistischen Aktionen beider Länder. Doch die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen sind extrem stark. Wenn Trump die Achse zerstören würde, könnte es anders aussehen. Aber die Europäer mit ihrer Wurschtelei haben dem aktuell nichts entgegenzusetzen. Wir haben in Europa noch nicht einmal ein durchgängiges Schienennetz – um nur ein Beispiel zu nennen.

Womit kann Europa sich denn global positionieren? Mit einer ökosozialen Marktwirtschaft? Einem Modell der nachhaltigeren Wirtschaft? Es gibt keinen digitalen Humanismus. Von dem hohen Ross werden wir runterkommen müssen. Auch unsere Akademiker müssen ihre selbst organisierten Zirkel verlassen. Unsere Chance liegt im Aufbau von selbstbewussten, eigenständigen Ökologien mit eigenen Statussystemen und eigener Währung. Wir brauchen ein System, in dem unsere Wissenschaftler in den USA und China arbeiten und wieder zurückkommen. Genauso wichtig wären klare Strategien, für wen wir attraktiv sein wollen. Wir könnten für Afrika etwa eine große Rolle spielen. Aber wenn wir immer versuchen den Chinesen und Amerikanern ähnlicher zu werden, sterben wir. Dann werden wir eine Zulieferkolonie. Wir brauchen einen eigenständigen Weg.

Wer kann dabei den Takt vorgeben? Anleihen finden wir bei den Hidden Champions. Sie entwickeln sehr eigenständige kulturelle Normen, sie halten auch ihre Topmitarbeiter und pflegen ihre Tugenden. Diesen Mindset braucht es auch für Europa. Die Chance liegt darin, es nicht wie Google und wie die Chinesen zu machen.

Die zunehmende globale, wirtschaftliche Dominanz Chinas beweist aber doch, dass sie einiges richtig machen. Auch im Bereich der Green Technology. Man darf aber nicht übersehen, dass China eine weltpolitische Agenda hat und dort investiert, wo es sich lohnt. Dazu zählen auch Öko-Entwicklungen und die Batterieproduktion. Europa befasst sich dagegen politisch mit dem Brexit und die Firmen orientieren sich noch zu wenig in diese Richtung. Dadurch können die europäischen Konzerne leicht zurückfallen. Eigentlich müsste Europa als Erfinder der ökosozialen Marktwirtschaft aber aufzeigen. Unser Beitrag zu einer nachhaltigen Zukunft ist recht dürftig.

Ist die EU mit ihren behäbigen Mechanismen und der wechselseitigen Blockade schuld? Wir bringen nur so wenig auf den Boden, weil wir uns mit den Nationalismen im Weg stehen. Ich kann natürlich verstehen, dass sich jeder schützen will. Das funktioniert aber nicht. Europa hatte 2008 noch einen Anteil am globalen Bruttosozialprodukt von 22 %, heute liegen wir auf 16 % und das geht noch runter. Wir verlieren Marktanteile. Den Bürger interessiert das nicht mit seinen Schulden und seiner Angst vor Migranten. Nur, so schaffen wir kein Europa, das sich auf der Welt behaupten kann.

Wie kommen wir das raus? Abschottung kann es nicht sein. Europa braucht ein neues Wirgefühl. Wir müssten auf eine ökosoziale Marktwirtschaft setzen. So aggressiv wie die chinesische Wirtschaft zu werden ist keine Lösung. China ist eine große Selektionsmaschine mit permanenter Konkurrenz geworden. Nur die Besten setzen sich durch. Das ist ein System, das Exzellenz produziert, aber viele Verwundete hinterlässt. So etwas geht, wenn nicht gewählt werden muss und Geld keine Rolle spielt. Das ist brutal dort; wie sie mit Minderheiten umgehen, wie wenig Wert das Individuum hat.

Wenn Europa zurückfällt und sich global ein Turbokapitalismus durchsetzt: Welche Konsequenz ergibt sich daraus? Wir müssen uns jetzt auf ein Gesellschaftmodell einigen, das es uns ermöglicht, auf dem Planeten zu überleben. In dem Duell der Besten eskalieren wir ja immer mehr. Wir zerstören die Grundlagen des Planeten. Wir müssen zu einem Modell kommen, das solidarisch funktioniert. Die ständige Auslese der immer ruchloseren Krieger ist eine echte Gefahr. Wir eskalieren uns damit an eine letzte Grenze: die der Ökologie. Deshalb sind wir jetzt in einer Situation, wo wir den Unterschied zwischen Wachstum und Ressourcen erkennen. Dabei stehen aber nicht alle auf der gleichen Seite. Wir sind in einer kriegerischen Situation. Jonny Cash hat einmal ein Konzert für Richard Nixon gegeben und sich dabei als Taube mit Krallen bezeichnet. Genau das muss Europa werden.

Europa ist allerdings weit davon entfernt, wirklich geeint zu sein. Dort müssen wir aber hin. Wir müssen uns als Weggefährten und weniger als Beutegemeinschaften um Budgets aus Brüssel begegnen. Wir brauchen Horizontlinien, die wir durch die Ökologie haben, durch die Frage, wie wir miteinander leben wollen, durch die Spaltung, durch Stadt und Land, durch die spirituelle Krise, durch die Entfremdung von uns selbst. Vom Menschen zu sich selbst, zu den anderen und von der Natur. Für all diese Bereiche brauchen wir Projekte, die man als Einzelner nicht realisieren kann.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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