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Von Inseln der anderen Art

08.10.2019

Aus einem Betrieb mit drei Mitarbeitern erschuf Erich Erber in 35 Jahren die Erber Group, einen Konzern in Familienbesitz, der in mehr als 130 Ländern aktiv ist. Er erzählt, warum er bei wichtigen Entscheidungen seinen Kopf, seinen Bauch und seinen Feng-Shui-Berater befragt, wieso er locker führt und trotzdem scharf werden kann und in welchem chinesischen Sternzeichen er geboren ist.

Erich Erber, Erber Group
ERICH ERBER SETZT AUF:
  • Insead Business School
  • Meditation
  • Pionierkraft
  • Stabilität

Als sich Erich Erber 1983 selbstständig machte, war er mit seinem Angebot ein Pionier: „Antibiotikafreie Fütterung war damals noch kein Thema.“ Mit Biomin vertrieb Erber als Erster einen solchen antibiotikafreien Futtermittelzusatz, der das Wachstum der Tiere förderte. Damit bewies er Pioniergeist und einen Sinn für die frühe Erkennung von Trends: „Ich bin im chinesischen Sternzeichen eine Schlange, und die hört Schritte sehr früh.“ Heute ist seine Erber Group mit Hauptsitz in Getzersdorf und dem Forschungs- und Entwicklungsstandort in Tulln sowie weiteren Hauptstandorten in den USA, Südamerika, Singapur und China Weltmarktführer in ihrer Sparte. Erich Erber lebt seit circa 15 Jahren vorwiegend in Singapur. Eine Offenheit gegenüber fernöstlichen Traditionen hatte er aber schon vorher. So fragt er in wichtigen Entscheidungen, etwa bei einer Standortwahl, auch seinen Feng-Shui-Meister um Rat, wofür er im Unternehmen auch schon mal schief angeschaut wird. Kurz nach der Jahrtausendwende etwa war er auf der Suche nach einer Produktionsanlage in Schanghai. Nach fünf Besichtigungen war immer noch nichts Passendes dabei, doch die Zeit drängte, und so entschied er sich für eine der Anlagen. Doch kurz bevor er zusagte, befragte er doch noch einmal den Feng-Shui-Meister, der ihm ein klares Nein gab und sagte: „Vergiss es, keine von denen passt.“ Da dies seinen eigenen Instinkt bestätigte, entschied er sich trotz des Drucks und der Häme der Belegschaft, die meinte, „der Erich hängt jetzt einer Sekte an“, gegen die Anlage. Doch zum Glück kam es zum Happy End: Nur zwei Monate später war die passende Location gefunden, die nachweislich besser, größer und sogar billiger war.

Bauch und Kopf im Einklang

Die meisten Entscheidungen trifft Erber mit Kopf und Bauch, denn er hat festgestellt, wenn nur Kopf oder nur Bauch Ja sagen, erwies sich die Entscheidung meist als ungünstig. „Ich gehe meistens zuerst kognitiv an eine Sache heran und schaue dann, was der Bauch dazu sagt. Wenn das im Einklang ist, ist es fast immer am besten.“ Auch die Bereitschaft, ein gewisses Risiko einzugehen, gehört für Erber zu den wichtigsten Voraussetzungen unternehmerischen Erfolgs. Schon bei der Gründung war das entscheidend. Erber war verheiratet und Vater und entschied sich dennoch, das Experiment Selbstständigkeit zu wagen: „Ich habe mir gesagt, ich kann es mir leisten, maximal ein Jahr kein Einkommen zu haben. Das Risiko kann ich eingehen. Und auch der Bauch hat Ja gesagt.“

Erbers Führungsstil ist locker und direkt. So sind im Unternehmen von Anfang an alle per Du, auch mit dem Inhaber: „Eine Offene-Türen-Policy ist mir ganz wichtig.“ Doch manchmal missinterpretieren das neue Mitarbeiter und meinen, es sei so lässig hier und sie müssten sich nicht anstrengen. Erber: „Da werde ich sehr unruhig und auch scharf. Das Ergebnis muss stimmen – bei der Art und Weise, wie man zum Ergebnis kommt, pflege ich Flexibilität.“

„Eine Offene-Türen- Policy ist mir ganz wichtig.“ Erich Erber, Erber Group

Inspiration für sein Management holt sich Erber gern an der Insead Business School. „Das ist eine Klasse für sich. Von den dort präsentierten Fallbeispielen und Computer-Simulationen habe ich sehr viel mitgenommen, was mir die Sicherheit für Entscheidungen in der Praxis gibt.“ Wichtig ist es Erber, auf dem Laufenden zu bleiben und zu sehen, wohin der Trend geht, aber auch Stabilität. Nicht „alle 14 Tage auf einen neuen Trend aufzuspringen“, sondern bei dem zu bleiben, was man ist und kann, hat sich für Erber bewährt. Einmal traf er eine gravierende unternehmerische Fehlentscheidung, weil er diesen Grundsatz nicht beherzigte. Er wollte in den Getreidegroßhandel einsteigen, weil dort besonders hohe Renditen winkten, obwohl er dieses Geschäft nicht gut genug kannte: „Du glaubst, bis jetzt ist alles gutgegangen, also muss alles Weitere auch gutgehen. Du fühlst dich stark und gut, aber auf einmal dreht sich der Markt gegen dich, und du kriegst links und rechts Watschen. Das hat den Fast-Untergang herbeigeführt.“

Und woher nimmt Erber seine Kraft für den fordernden Alltag? So richtig abschalten kann er bei Fastenkuren und Meditationsretreats, wo er sich aus dem täglichen Leben herausnimmt und sich „ganz anderen Dingen“ zuwendet. In diesen Zeiten passiert es ihm immer wieder, dass ihm die zündende Idee für ein Problem kommt, ohne angestrengt darüber nachzudenken. Außerdem spielen Inseln eine Rolle für Erber, aber nicht so wie für sonnenhungrige Urlauber. „Mein Vorgänger hat mir vor langer Zeit gesagt, man braucht Inseln im Leben.“ Eine solche Insel war das Lesen. Früher hat Erber sehr viel gelesen, doch irgendwann las er nur noch, was für den Beruf wichtig war. „In dem Gespräch ist mir bewusst geworden, dass das Lesen eine solche Insel für mich ist.“ Daraufhin las er „Nachtzug in Lissabon“ und hat gemerkt, wie sehr ihm diese „Insel“ abgegangen ist. Fazit: Wer seine Inseln pflegt, wird nie reif für eine solche.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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