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Die Pioneers of Change wollen Wirtschaft und Gesellschaft reformieren.

Von Innen verändern

04.09.2019

Seit zehn Jahren begleiten die „Pioneers of Change“ innovative Start-ups. Jetzt wollen sie Organisationen von innen verändern und eine kritische Masse der Veränderung aufbauen, um Wirtschaft und Gesellschaft zu reformieren.

Wir leben in einer extrem herausfordernden Zeit. Es werden W Lösungen für Probleme gesucht, wie wir sie in dieser Form noch nicht hatten. Klimawandel, Artensterben, Umweltzerstörung, damit verbundene Migrationsbewegungen, Ausbeutung des Planeten, irreversible Veränderungen.“ Diese Worte stammen aus einer Grußbotschaft von Bundespräsident Alexander Van der Bellen an die „Pioneers of Change“, deren Arbeit und Initiativen er lobend erwähnt.

Wie geht man als mittelständischer Betrieb mit den skizzierten Problemen um? Wie lässt sich die Zukunft gestalten und die enorme Komplexität bewältigen? Wissen die Pioneers of Change mehr dazu? Sie sind vor zehn Jahren von Martin Kirchner, Sylvia Brenzel und Alfred Strigl ins Leben gerufen worden mit dem Ziel, Menschen in ihrer Potenzialentfaltung, Visionsfindung und beim Aufbau innovativer und nachhaltiger Projekte zu begleiten. Gut 200 Personen sind so ihrem Wunschprojekt, ihrem Start-up, ihrem Lebenstraum nähergekommen oder haben ihn bereits realisiert.

Zum Ausbildungslerngang, der stark auf Persönlichkeitsentwicklung gesetzt hat, ist vor drei Jahren auch ein Onlinekongress hinzugekommen. Pioneers-Gründer Martin Kirchner interviewt dabei Menschen, die etwas zum gesellschaftlichen Wandel zu sagen haben. David Steindl-Rast, Otto Scharmer, Fritjof Capra, Jane Goodall, Joanna Macy, Christian Felber und andere illustre Namen standen Rede und Antwort. Im ersten Jahr haben 10.000 Leute diesen Onlinekongress besucht, im nächsten Jahr 20.000, heuer waren es schon fast 30.000. „Der Kongress hat Aufbruchsstimmung verbreitet, die Rückmeldungen waren euphorisch“, sagt Kirchner.

VOM KONGRESS ZUR BEWEGUNG Die Pioneers sind ein Non-Profit-Verein, der Menschen unterstützt, die es „anders machen wollen“, aber der große Erfolg des Onlinesummit hat die Wahrnehmung und offenbar auch die Erwartungen verändert. „Da kommen jetzt Leute auf mich zu und sagen: Macht was gegen 5G. Oder: Wir wollen Grundeinkommen einführen, den Klimanotstand ausrufen. Seid Ihr dabei?“ Martin Kirchner spürt, dass er reagieren muss. Aber wie? „Es brodelt in der Gesellschaft, aber werden wir deshalb jetzt ein Social Player?“, grübelt er. Auf jeden Fall tragen die Pioneers of Change dazu bei, „eine kritische Masse aufzubauen, um eine gesellschaftliche Bewegung zu erzielen.“ Der sozialpolitische Anspruch wäre längst da, meint Sylvia Brenzel, MitGründerin und Leiterin des Jahrestrainings. „Ich will, dass etwas wächst, dass sich Menschen und Organisationen weiterentwickeln. Da bin ich auch bereit, anzuecken.“

Anstatt wie bisher vor allem Entrepreneure und Aktivisten bei ihren Initiativen und Start-ups zu unterstützen, zielt das nächste Jahrestraining der Pioneers auch auf „Intrapreneure“ ab, wie Kirchner das nennt. Das sind Entscheidungsträger, die in bestehenden Organisationen und Unternehmen arbeiten und diese von innen verändern wollen. Das hat natürlich subversive Kraft. „Es gibt viele Menschen, die reif sind für das Neue“, sagt Brenzel, „das System ist es aber oft noch nicht.“

Ich will, dass sich Menschen und Organisationen weiterentwickeln. Da bin ich auch bereit, anzuecken. Sylvia Brenzel, Mitgründerin

Durch gezielte Unterstützung von Entscheidungsträgern, Firmenchefs, führenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollen sich die Systeme von innen verändern, menschlicher, nachhaltiger und damit fit für die Zukunft werden.

Ein Unternehmer hat Kirchner gegenüber gesagt, dass er seine Mitarbeiter nicht zum Jahrestraining schicken könne, denn wer weiß, mit welchen Gedanken die da heimkämen. Mit solchen, die das Unternehmen in die Zukunft führen, verspricht Kirchner. Das heute Ungewöhnliche müsse normal werden. Aber natürlich macht Veränderung auch Angst.

Der Begriff der Intrapreneure gefällt auch Mitbegründer Strigl, denn es ginge darum, in bestehenden Kontexten Transformation anzuregen. Schwierig? „It’s always impossible until it’s done“, zitiert Brenzel Nelson Mandela.

MEHR ALS BERIESELUNG Beim Onlinekongress wollte Kirchner auch, dass die Leute nicht nur „Inspiration konsumieren“ und sagen: „Toll, was es alles gibt.“ Darum hat er die 30.000 User eingeladen, doch aktiv tätig zu werden. Sie mögen doch in Eigeninitiative Regionaltreffen durchführen, um das, was sie beim Onlinekongress gehört haben, weiter zu besprechen – und vielleicht gar etwas tun. Der Erfolg ist erstaunlich. 2017 hatten sich auf seinen Aufruf binnen drei Tagen 50 Personen gemeldet, um solche Treffen zu organisieren. 2019 gibt es in Österreich, Deutschland und Schweiz schon 250 Regionaltreffen unterschiedlichster Größe. Dort kommen Leute zusammen, die in ihren Gemeinden und in der lokalen Ökonomie etwas verändern wollen. In Vöcklabruck ist daraus zum Beispiel ein Stadtentwicklungskonzept entstanden. „Viele haben zuerst gesagt, das funktioniert nicht mit diesen Regionaltreffen“, lacht Kirchner, „da habe ich einfach ein Google-Formular hineingeklopft und gesagt, ihr könnt euch eintragen. Denn das habe ich mit Pioneers of Change gelernt: Prototyping! Einfach machen.“

„Wir können die Augen nicht mehr verschließen, nicht mehr mit den Schultern zucken“, kommentiert Alexander Van der Bellen in seiner Botschaft an die Pioneers of Change, „wir brauchen Veränderung. Unsere Art, zu wirtschaften, muss sich ändern. Hier und jetzt. Ich freue mich über Pioniere, die Wege aus der Krise aufzeigen.“

„So etwas wie die Pioneers hätte ich mir zu meiner Zeit gewünscht“, sagt Max Schachinger, Inhaber des großen, nachhaltig ausgerichteten Österreichischen Branchenlogistikers Schachinger. Jetzt sponsert er Studienplätze und unterstützt den Verein ideell.

Alfred Strigl, wohlwollender Mentor der Pioneers, meint: „Das Beste wäre jetzt eine millionenschwere Stiftung, die sagt: Super, was ihr da macht. Wir wollen euer Modell skalieren. Das Geld ist da. Lasst uns Regionen umbauen, Unternehmen umbauen.“ Dann wäre Change wirklich im Herzen unserer Gesellschaft angekommen, nämlich beim Geld.

Autor/in:
Harald Koisser
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