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Vom Rand ins Herz

08.10.2019

Volatile Umfelder machen es für Unternehmer immer wichtiger, sich Inspiration aus verschiedenen Quellen zu holen, um nicht stehenzubleiben. Diese kann sich auch aus ungewöhnlichen Aktivitäten wie Trommeln oder Kalligrafie speisen, sollte aber nie zum Incentive verkommen.

Inspiration. Ist das wirklich wichtig für einen Unternehmer oder Geschäftsführer eines ambitionierten Unternehmens? Sind im Businessalltag auf höchster Ebene nicht viel eher Dinge wie Durchsetzungsvermögen, Verhandlungsstärke, klare und rasche Entscheidungsfindung und Führungsqualitäten wichtig? Mag sein, aber es gibt auch eine Verschiebung des Anforderungsprofils an Top-Manager. Christian Rois, Managing Partner bei Edelweiss Consulting, beobachtet die Tendenz, dass Inspiration immer wichtiger wird: „Wenn man heute eine Führungsposition übernimmt, ist man in einer deutlich volatileren und unsichereren Lage als früher. Es geht darum, schnell für sich und das Team Schub zu geben. Und das bedeutet, ich muss von Tag eins an die Leute inspirieren und mitnehmen.“ Und wer inspirieren will, sollte erstmal selbst inspiriert sein.

Rois ortet drei dominierende Inspirationsquellen von Managern: den eigenen Innenraum, technische Entwicklungen und die Ränder. „Viele Top-Manager und Top-Führungskräfte, vor allem die, die schon länger im Job sind und bereits das erste oder zweite Burnout durchtaucht haben, entdecken irgendwann die Meditation für sich“, sagt Rois. Aber auch Aktivitäten wie Joggen oder Wandern gehören zum Bereich Innenraum – oder anders gesagt: alles, wo es um Stille, um „mich in Ruhe“, um einen „ruhigen Wellengang“ geht. Denn dabei entstehen bewusst und unbewusst neue Verknüpfungen im Kopf.

KINDLICHES DRAUFSCHAUEN

Inspiration aus neuen technischen Entwicklungen würden Unternehmerinnen und Unternehmer vor allem aus dem Dialog mitnehmen, sehr oft im eigenen Unternehmen und mit Teammitgliedern. Das Neue entsteht so meist aus der Alltagsarbeit, aus Diskursen und sachlichen Konflikten. Sich immer wieder auszuprobieren und zu hinterfragen ist für diese Inspirationsquelle entscheidend. Rois: „Dazu braucht’s das frische Draufschauen, so als wäre es das erste Mal. Je mehr einem dieser kindliche Zugang gelingt, desto stärker sind die Früchte der Inspiration.“

Der dritte Bereich, den Rois als „Ränder“ bezeichnet, sind Ideen und Anstöße, die man aus völlig anderen Bereichen für den eigenen Beruf mitnimmt. Das kann zum Beispiel sein, sich durch ein Hobby, durch die Biologie, die Kunst oder Philosophie inspirieren zu lassen. Allerdings ist das, was von den Rändern kommt, laut Christian Rois erstmal per se komisch. Doch es kann sehr lohnend sein, weil es oft wirklich innovative Ideen generiert. Aber es ist auch nicht ganz einfach, Sinnvolles von den Rändern mitzunehmen. Rois: „Die meisten versuchen panisch in diesem Bereich Ideen zu generieren, dabei ist aber der Transfer die Herausforderung. Es braucht oft eine lange Zeit, bis sich Ideen, die von den Rändern inspiriert waren, durchsetzen.“

Man muss aufpassen, dass der Lego - Workshop nicht zum Incentive wird., Christian Rois, Edelweiss Consulting

LEERZEITEN FREISCHAUFELN

Für Inspiration bei strategischen Überlegungen sind Leerzeiten wichtig, in denen die Alltagsprobleme erstmal hintangestellt werden. Dort sieht Rois oft eine Schwierigkeit: „Im Vergleich dazu, wie wichtig dieser Bereich ist, ist es oft erbärmlich, wie wenig Zeit Unternehmenslenker für Strategie, das Durchdenken von Optionen und das Sichhineinfühlen in die Frage, wie die Zukunft aussehen soll, aufbringen.“ Es sei manchmal beunruhigend, „wie vollgefüllt sie mit repräsentativen Aufgaben, dem operativen Geschäft und politischen Spielchen zwischen Abteilung eins und zwei sind“. Teilweise müsse man sich zwingen, Zeit für strategische Überlegungen freizuschaufeln, denn: „Das ist nicht wirklich delegierbar.“

Was diese Aufgabe heute auch tendenziell herausfordernder macht, ist die Tatsache, dass so etwas wie Gemeinwohl und ethische Richtlinien und nicht mehr nur Wachstum auf Teufel komm raus in die Entscheidungen einfließen sollten. In Zeiten von Bewegungen wie Fridays for Future, der Debatte um eine CO2-Steuer und Flugscham mag es auch immer mehr Unternehmensführern ein Anliegen sein, der Welt mit ihrem Handeln nicht zu sehr zu schaden – und selbst, wenn das nicht der Fall ist, können unethische Entscheidungen dem Image von Unternehmen gravierend schaden.

Gleichzeitig verlangen die sich so rasch wandelnden Bedingungen auch eine enorme innere Stärk und Stabilität bei gleichzeitiger maximaler Flexibilität. Um dem und vielen anderen Anforderungen gerecht zu werden, heißt es, an seiner persönlichen Entwicklung zu arbeiten. Rois: „Wachstum im Äußeren gelingt nachhaltig am besten, wenn Wachstum im Inneren möglich ist.“ Für echte High Performance sei es unumgänglich, dass die persönliche und die unternehmerische Entwicklung in einem engen Tanz passieren. Natürlich könne man auch ohne diese Arbeit an der eigenen Entwicklung zum Beispiel für zwei Jahre ein Strohfeuer in einem Unternehmen entfachen und die Leute inspirieren und elektrisieren. Aber wirklich auf den Weg mitnehmen könne man Menschen nur, wenn man mit ihnen eine gemeinsame Vision verfolge.

TRENDS ERSPÜREN

Viele Weltmarktführer, CEOs und Führungskräfte lassen sich coachen, lesen die neueste Managementliteratur und besuchen regelmäßig Weiterbildungskurse an den angesehensten Adressen. Es kommt auch gut, wenn man Managementgurus eloquent zitieren kann. Doch manchmal dienen auch auf den ersten Blick ganz seltsame Methoden der Inspiration. Ein bekannter Unternehmensberater geht etwa immer wieder inkognito in Co-Working- Spaces und hört sich dort von Start-up-Gründern deren Ansichten auf Welt und Wirtschaft an, um zu erfahren, wohin der Trend geht. Eine andere Führungskraft sitzt regelmäßig meditierend und trommelschlagend mit einer Gruppe Gleichgesinnter zusammen und schöpft daraus viel Kraft für die beruflichen Herausforderungen. Für Steve Jobs war etwa die Kalligrafie eine wichtige Quelle der Kreativität, die Einfluss auf die besondere Schriftgestaltung in den Mac- und Apple- Geräten hatte. Im Gegensatz zu Jobs hängen aber viele andere Unternehmer solche ungewöhnlichen Hobbys nicht an die große Glocke. Wer etwa in seiner Freizeit selbst Kunst macht, verschweigt das besonders gern. Rois: „Bei Kunst besteht oft eine Unsicherheit, ob das, was man produziert, für jemand anders relevant sein könnte.“ Rois selbst macht einmal im Monat bewusst etwas Neues und Ungewöhnliches, das ihn durchaus auch mal Überwindung kosten kann. Das kann zum Beispiel der Besuch eines Straßenkunstfestivals sein. So kommt er immer wieder auf neue Gedanken. Kürzlich besuchte er zum Beispiel ein Restaurant in Schweden, in dem die Bestellung mittels Tablet geordert wird, und er fragte sich, wie man das auch auf andere Dienstleistungsmärkte umlegen könnte.

Doch von solch außergewöhnlichen Aktivitäten zu sehr die großen Aha-Erlebnisse fürs Business zu erwarten birgt im unternehmerischen Kontext ein gewisses Risiko. Rois: „Man muss aufpassen, dass der Lego- oder Dirigierworkshop nicht zum Incentive wird, der das Team zwar eine Woche lang motiviert, aber danach die große Enttäuschung eintritt, weil nichts weiter passiert ist.“ Die große Herausforderung für die meisten Führungskräfte sei daher, „die Inspiration vom Rand ins Herz zu bringen“ – und das gilt bestimmt nicht nur für ihre Mitarbeiter, sondern auch für sie selbst.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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