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Vom Lehrherrn zum Erzieher

10.03.2017

Viele Unternehmer müssen ihre Fachkräfte von Lehrlingsbeinen an selbst heranziehen. Eine Aufgabe, die immer schwieriger wird. Wir haben bei drei Unternehmen nachgefragt.  

Nein, leicht fällt es gerade wirklich nicht, passende Lehrlinge zu finden. Manche Lehrberufe wecken einfach kein Interesse bei den Jugendlichen, und wenn sich doch welche melden, entsprechen sie in vielen Fällen nicht den Erwartungen. Ein großes Problem, da viele Unternehmen darauf angewiesen sind, ihre Facharbeiter selber auszubilden. Josef Mayer, Geschäftsführer der Traditionsmarke Spitz, hat eine Erklärung, woran es krankt. Er sieht die demografische Entwicklung als Nadelöhr. „Es gibt weniger Jugendliche als noch vor Jahren beziehungsweise Jahrzehnten, und diese entscheiden sich immer häufiger für weiterbildende Schulen“, meint Mayer. Das eher schwache Image und das niedrige Prestige von Lehrberufen verschärfen diesen Umstand noch zusätzlich.

In dieselbe Kerbe schlägt auch Petra Herzog. Sie ist Human ­Ressource Manager der NÖM. Die Lehre genieße ihrer Beobachtung nach einfach nicht den Stellenwert, der ihr zustünde. Nicht selten seien es auch recht triviale Gründe, warum eine Lehrestelle nicht gut ankomme. „Früher hat es Molkereifachmann geheißen, das war nicht so der Bringer für die Jungen“, erzählt Herzog. Dagegen komme die neue Bezeichnung Milchtechnologe doch wesentlich besser an. Oft hakt es allerdings auch an den Eltern. Sie wollen nur das Beste und eine sichere Zukunft für ihre Kinder, die sie eher durch ein Studium abgesichert sehen. Zudem würden auch die Schulen regelrecht um die Jugendlichen buhlen, weil sie ihre Lehrerzahlen halten wollen und entsprechend Werbung machen. 

Aus dem Konkurrenzkampf um die immer schmaleren Jahrgänge als Sieger herauszukommen, ist für viele Unternehmer eine echte Überlebensfrage. Und wenn Unternehmen junge Menschen von einem Lehrberuf überzeugen können, fängt die echte Arbeit überhaupt erst an. Denn bei Weitem nicht jeder Kandidat ist auch geeignet. Lernbereite, motivierte und interessierte Jugendliche für freie Lehrstellen zu finden, werde von Jahr zu Jahr schwieriger, beobachtet Markus Tomaschitz, Vice President Corporate Human Resources von AVL List.

Fremdwort Benehmen

Schon Sokrates wusste zu berichten, dass die Jugend schlechte Manieren hat, die Autorität verachtet, keinen Respekt vor den älteren Leuten hat und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. „Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Eine Entwicklung, die bereits 469 vor Christus für Ärger gesorgt hat, wird auch heute wieder in Unternehmen schmerzlich wahrgenommen: Mit den Kulturtechniken der Jugend ist es nicht weit her. Und: Es werde immer schlimmer. Kulturelle Dinge könne man längst nicht mehr voraussetzen, stellt Herzog fest. Die Folge ist, dass Lehrlingsausbildner zunehmend den Job von Erziehern übernehmen müssen. Das, was früher die Eltern gemacht haben, landet jetzt beim Lehrherrn. Von privaten Problemen bis zur Unterstützung bei schulischen Schwächen. Denn auch diese nehmen zu, stellt Markus Tomaschitz fest und zählt sie auf: „Mängel in Deutsch, Lesen, Rechnen.“ Dabei gehe es um simple Grundkenntnisse auf Pflichtschulniveau, ärgert sich Tomaschitz über das sinkende Bildungsniveau an Österreichs Schulen.

Muss man die Jungen etwa wirklich abschreiben? Die Ehrenrettung der Jugend kommt vonseiten Josef Mayers. „Die Qualifikation der Bewerberinnen und Bewerber ist in den meisten Fällen toll – hier kann ich über nichts Negatives berichten. Wir achten aber bereits bei der Anwerbung auf zielgerichtete, punktgenaue Methoden, wie die Zusammenarbeit mit Schulen. Das ist wirklich effizient.“ Kann es also sein, dass doch ein Kraut gegen die Lehrlingsmisere gewachsen ist? Es scheint so. Mit der richtigen Strategie werden zwar die Herausforderungen nicht gerade kleiner, aber die Lösung des Problems rückt zumindest in greifbare Nähe. 

Fördern statt sudern

Um auf das nötige Niveau zu kommen, hat etwa AVL List ein besonders umfangreiches Ausbildungsprogramm in Form von Schulungen mit Basiskompetenztrainings, Englisch, Soft Skills und vielen weiteren Modulen implementiert, das während der gesamten Ausbildungszeit läuft. Auch die Vermittlung von richtigem Verhalten und Benehmen läuft über die gesamte Dauer der Ausbildung. 

Bei Spitz setzt man dagegen besonders auf persönliche und individuelle Betreuung. „Wir möchten die beruflichen Skills, aber auch die persönliche Entwicklung fördern“, erklärt Mayer. Die Lehrlinge sind ein wichtiger Teil des Teams, und das sollen sie auch durch den täglichen Umgang sowie durch Teambuilding-Aktivitäten spüren. Daneben bietet das Unternehmen den Auszubildenden auch Zusatzangebote, wie kostenlose Outdoortrainings, um für entsprechenden Ausgleich neben dem Job zu sorgen. 
Aber nicht nur die Lehrlinge müssen die Schulbank drücken. Auch die Ausbildner von Spitz absolvieren regelmäßige Weiterbildungen, um den Lehrlingen eine Ausbildung garantieren zu können, die immer auf dem aktuellsten Stand ist. Ein Maßnahmenmix, der das Unternehmen zu einem beliebten Arbeitgeber macht, was wiederum die halbe Miete ist.

Und Hand aufs Herz: Alternativen zur Ausbildung bieten sich ohnedies nicht. Weder könnte man die Stellen aus externen Quellen besetzen, noch wolle man sich aus der sozialen Verantwortung stehlen, erklärt Herzog. „Man kann sich nicht über einen Mangel beschweren und selber nichts tun.“
Doch wenn sie einen Wunsch frei hätte, wüsste sie sofort, was sich ändern sollte. Der Lehrberuf müsse in der Gesellschaft deutlich aufgewertet werden. Entsprechend aktiv ist Herzog, wenn es darum geht, Vorteile aufzuzeigen, in Schulen und auf Messen zu präsentieren und Eltern über die Chancen aufzuklären.   

Denn so viel steht fest: Es gibt viele spezialisierte Lehrstellen, bei denen die Jugendlichen ihre Talente deutlich besser zur Geltung bringen können als bei einer schulischen Weiterbildung. Josef Meyer ist sich sicher, dass es neben dem persönlichen Aspekt auch noch einen wirtschaftlichen gibt, den man nicht vergessen darf: "Lehrlinge sind eine ganz zentrale Säule der Wirtschaft. Diese wichtige Rolle sollte in der Gesellschaft entsprechend honoriert und angesehen werden."

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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