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Vom Fuhrpark zur digitalen E-Flotte

11.06.2018

Der Kostenfaktor allein entscheidet künftig nicht mehr über die Aufstellung der Firmenflotte. Vielmehr sparen Digitalisierung, Corporate Carsharing und E-Mobilität Geld und steigern die Effizienz.

Der Fuhrpark zählt bei vielen Unternehmen zu den top drei der höchsten Kostenfaktoren. Wer seine Flotte effizient nutzt oder sogar neu aufstellt, kann also ordentlich einsparen. Doch was sind die wichtigsten Eckpfeiler, um nicht nur die Kosten zu senken, sondern auch ökologisch zu reüssieren? Sicher ist: Die Automobilbranche befindet sich im Umbruch. Allein die Abgasaffäre hat das Vertrauen in die Branche stark erschüttert. Die Debatten über Fahrverbote für Dieselfahrzeuge bringen Unternehmen hinsichtlich der Aufstellung ihres Fuhrparks zusätzlich ins Grübeln.

Nicht nur an Kosten denken

„In den vergangenen Jahren ist es den Unternehmern bei ihrer Fuhrparkanalyse primär um die Kosten gegangen“, weiß Raimund Wagner, der 2015 das Beratungsunternehmen Carsulting gegründet hat und insgesamt schon auf 40 Jahre internationale Branchenerfahrung zurückblicken kann. Das Augenmerk künftig weiterhin nur auf Faktoren wie Restwerte, Versicherungen, Leasing- oder auch Reparaturkosten zu legen wäre laut Wagner zur kurzsichtig. Auch dann, wenn viele versteckte Kostentreiber berücksichtigt werden. „Dazu zählen zum Beispiel eine falsche Bereifung oder ein falsches Tank- oder Fahrverhalten der Mitarbeiter“, erklärt Martin Kössler, Geschäftsführer der ALD Automotive Fuhrparkmanagement und Leasing GmbH. Weltweit verwaltet das Unternehmen rund 1,5 Millionen Fahrzeuge in mehr als 40 Ländern und zählt damit zu den Spitzenreitern seiner Branche. Auch die falsche Nutzung der Fahrzeuge ist ein Thema, das laut Kössler immer wieder auftaucht: „Sie werden zu lange gefahren, Kilometerleistung und Laufzeit müssen passen.“

E-Mobilität wird günstiger

Worauf es künftig ankommen wird, ist laut Wagner klar: „Die Umweltkomponente – Stichwort E-Mobilität – wird noch mehr an Einfluss gewinnen. Und auch die Digitalisierung wird die Fuhrparksysteme grundlegend ändern.“ Dass neben sinkendem Treibstoff- und Energieverbrauch sowie CO2-Emissionen auch andere wirtschaftliche Komponenten für Elektrofahrzeuge sprechen, zeigte jüngst eine Studie des Instituts für Automobilwirtschaft (IFA) und der Prüfgesellschaft Dekra. Sie sagt voraus, dass die Gesamtkosten eines E-Autos weiter sinken und schon im Jahr 2020 ohne zusätzliche staatliche Förderungen unter den Kosten eines Fahrzeugs mit Verbrennungsmotoren liegen werden. Passend dazu auch ein Kostenvergleich, den der ADAC heuer in Deutschland erstellt hat. Bei einer Laufleistung von 10.000 Kilometern im Jahr kostet der e-Golf 63,2 Cent pro Kilometer. Im Vergleich dazu ist die Benzinervariante um 0,3 Cent teurer, beim Diesel beträgt der Mehrpreis 5,7 Cent. „Höhere Stückzahlen und weiter sinkende Kaufpreise lassen Elektrofahrzeuge in den nächsten Jahren noch stärker den Flottenmarkt erobern“, ist Wagner überzeugt.

Bleibt die vieldiskutierte Frage, ob der bis dato noch sehr begrenzte Radius eines E-Autos für den Einsatz im Fuhrpark reicht. „Die Unternehmer machen sich hier zu wenig Gedanken, wie die Autos im Einsatz sind“, so der Mobilitätsexperte. In der Praxis heißt das beispielsweise: Ein Handwerks- oder Lieferbetrieb, dessen Mitarbeiter rund 70 Kilometer pro Tag in der Stadt unterwegs sind, ist mit einem Elektrofahrzeug gut beraten. „Für solche KMU sind E-Autos eine kosten- und umweltfreundliche Alternative“, so Wagner.

Für Kössler fehlt derzeit noch die Mittelklasse bei den E-Autos. „Die Hersteller haben noch nicht die richtigen Fahrzeuge im Angebot“, meint der Geschäftsführer. Auch die Lieferzeiten seien im Moment – auch bei den Hybridfahrzeugen – zu lang. „Derzeit sind wir in einer Umbruchphase. Die Nachfrage nach Elektrofahrzeugen steigt. Künftig wird der Anteil um 25 bis 30 Prozent zunehmen“, meint Kössler.

Durch Kontrolle Fahrten sparen

Welches Potenzial die Digitalisierung in diesem Bereich hat, zeigt sich an einem einzigen Beispiel, das Wagner ins Treffen führt. Ein Unternehmen mit 500 Fahrzeugen konnte sich allein durch die Einführung eines elektronischen Fahrtenbuchs 800.000 Kilometer pro Jahr und damit 350.000 Euro sparen. Wie das möglich war? „Die Mitarbeiter haben die Fahrzeuge oft auch für Privatfahrten verwendet. Durch die exakten elektronischen Aufzeichnungen wurden diese Fahrten nun extra ausgewiesen – oder die Mitarbeiter haben gleich darauf verzichtet“, sagt Wagner.

„Evolution“ durch Corporate Carsharing Doch das elektronische Fahrtenbuch ist erst der erste Schritt, wie Aiko Langaditis vom oberösterreichischen Softwareentwickler AMV Networks weiß. Das Unternehmen digitalisiert Fuhrparks und bietet Corporate Carsharing als „nächste Evolu­tion des Firmenfuhrparks“ an. Die dafür entwickelte Hard- und Software ermöglicht ein einfaches Buchen und die schlüssellose Verwaltung der Poolfahrzeuge. Dieses Modell zahlt sich laut dem Experten ab einem Fuhrpark von zehn Fahrzeugen aus. „Ab hundert Autos sind die positiven Effekte sofort spürbar“, so Langaditis.

Zum Beispiel durch eine bessere Auslastung. Da die Verfügbarkeit der einzelnen Fahrzeuge digital ständig ersichtlich ist, können bis zu 30 Prozent des Fuhrparks eingespart werden. Der administrative Aufwand bei den Mitarbeitern lässt sich sogar um bis zu 60 Prozent reduzieren. „So fällt die Abholung der Autoschlüssel weg, auch die mühevollen händischen Aufzeichnungen sind Geschichte“, meint Langaditis. Je nach Bedarf des jeweiligen Fuhrparkinhabers kann auch eine Vielzahl von Daten gesammelt und zur Verfügung gestellt werden: vom GPS-Signal über den Kilometerstand bis hin zum Reifendruck. „Das alles können wir auslesen und in die Cloud schicken“, so der Marketing-Chef.

Weitere Entwicklungsmöglichkeiten sieht Kössler im Full-Service-Leasing. „Da liegen die heimischen KMU noch hinter Deutschland oder den Niederlanden“, so der Geschäftsführer. Wagner sieht den Trend, dass E-Autos immer mehr zum Standard bei den Dienstfahrzeugen werden, die herkömmlichen Wagen bleiben jedoch vereinzelt noch im Pool. Wer derzeit über eine Neuaufstellung seiner Flotte nachdenkt, dem rät Langaditis: „Speziell KMU sollten über einen eigenständigen, automatisierten Fuhrpark verfügen und Spitzenzeiten wie etwa bei Messen über Mieten abdecken.“ 

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