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Die längste Rolltreppe der Welt verbindet Problembezirke mit der Innenstadt.

Vom Drogensumpf zum Vorbild

10.10.2018

Medellín hat sich von der gefährlichsten Stadt der Welt zur innovativsten Stadt gemausert. Ein steiniger Weg im Rückblick.

Kürzlich wurde Wien vom britischen Wirtschaftsmagazin „Economist“ zur „Lebenswertesten Stadt der Welt“ gekürt. Die österreichische Hauptstadt führt das Ranking des internationalen Beratungsunternehmens Mercer nun schon zum neunten Mal in Folge an. Grund genug, stolz zu sein – umso mehr wird sich Wien aber auch für den Erhalt der herausragenden Stadtqualitäten einsetzen müssen. Die Stadt hat diverse Herausforderungen durch soziale, demografische, ökonomische und ökologische Veränderungen jetzt und in naher Zukunft zu meistern. Damit steht Österreichs Bundeshauptstadt allerdings nicht allein da.

MASSIVER TREND ZUR URBANISIERUNG

Prognosen zufolge werden 2050 rund 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Eine enorme Herausforderung. Wie aus Städten lebenswerte Orte für alle werden können, stand im Oktober 2016 in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, im Mittelpunkt der von den Vereinten Nationen (UN) ausgerufenen Städtekonferenz „Habitat III“, die nur alle 20 Jahre ausgetragen wird. Nach Vancouver (1976) und Istanbul (1996) fand die Konferenz zum ersten Mal in einem südamerikanischen Land statt. Delegierte aus 160 Ländern und knapp 45.000 Besucher diskutierten über Möglichkeiten und Wege für eine nachhaltige Zukunft durch verantwortungsvolle Stadtentwicklung im Sinne der 17 Globalen Nachhaltigkeitsziele (SDGs) und wohnten der Verabschiedung einer „Neuen urbanen Agenda“ bei. Vertreter von Stadtregierungen aller Mitgliedstaaten brachten Beiträge ein ebenso wie zahlreiche relevante Interessenvertreter, einschließlich Parlamentariern, Organisationen der Zivilgesellschaft, Vertretern von Gebietskörperschaften und Gemeinden, Fachleuten und Forschern, Hochschulen, Stiftungen, Frauenund Jugendgruppen, Gewerkschaften und der Privatwirtschaft sowie Organisationen der UN.

DOCH WIE WACHSTUMSPROBLEME BEKÄMPFEN?

Medellín, Kolumbiens zweitgrößte Stadt mit 3,7 Millionen Einwohnern, ist ein international herausragendes Beispiel für innovative und gleichzeitig nachhaltige Stadtentwicklung und kann auf zahlreiche Vorzeigeprojekte verweisen.

In den 1970er-Jahren Kolumbiens wichtigste Industriestadt, war Medellín in den 1980er- und 1990er-Jahren die weltweit berüchtigtste Drogenmetropole, die Stadt von Pablo Escobar. Seine Verhaftung 1993 stellt einen Meilenstein in der Geschichte der Stadt dar. Als dieser nach jahrelanger Jagd durch amerikanisch-kolumbianische Sondereinheiten im Kugelhagel der Polizei stirbt, trauern die durch seine Killer jahrzehntelang terrorisierten Bewohner der „gefährlichsten Stadt der Welt“ um den als „Robin Hood“ verehrten Verbrecher. Die von ihm gestifteten 500 Sozialwohnungen für Slumbewohner wiegen scheinbar schwerer als die tausenden Toten, die sein Drogenkartell verursachte. Seine nun „arbeitslos“ gewordenen Auftragsmörder und Kartellmitglieder schließen sich den Paramilitärs an – und das Morden geht weiter. Es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Stadtverwaltung erkennt, dass dagegen mit Waffengewalt nichts auszurichten ist.

INNOVATIV – UND UNKONVENTIONELL

Doch dann fand sich 2004 eine Gruppe Stadtpolitiker unter Bürgermeister Sergio Fajardo zusammen und beschloss, neue „Waffen“ im Kampf um eine lebenswerte Stadt einzusetzen – und für Medellín begann eine neue Zeitrechnung.

In einem ersten Schritt übersiedelte 2004 die gesamte Stadtverwaltung in den Problembezirk Popular. Escobar hatte dort seine Killer ausbilden lassen, die Lebenserwartung der jungen Männer, die an den Konflikten beteiligt waren, lag damals bei 21 Jahren, und nach Einbruch der Dunkelheit trauten sich die Bewohner nicht mehr auf die Straße. Auch das Polizeihauptquartier übersiedelte in den Bezirk. Sukzessiv wurden die zahlreichen Drogenbosse und Gangster verhaftet und die kriminellen Geschäfte dadurch erschwert und gestört. Gleichzeitig suchte die Stadtverwaltung das Gespräch mit den Bewohnern und Bürgern, in partizipativen Prozessen wurden sie nach ihren Bedürfnissen befragt und nach jenen Dingen, die für sie eine Lebensverbesserung ausmachten.

„Erst drangen wir mit der Straßenbahn in die Viertel der Ärmsten ein, dann bauten wir Schulen.“ César Hernández, Medellíns Stadtbaudirektor

KAMPF MIT FLÄCHENNUTZUNGSPLÄNEN, SEIL- UND STRASSENBAHN

Medellín hat den Turnaround mit einem intelligenten Planungskonzept geschafft. Statt auf Gewalt mit Gegengewalt zu antworten, entschieden sich die Stadtverantwortlichen dazu, „den Ärmsten nur das Beste“ zukommen zu lassen. César Hernández, Medellíns Stadtbaudirektor, meint rückblickend dazu: „Erst drangen wir mit der Straßenbahn in ihre Viertel ein, dann bauten wir Schulen.“ Heute verbinden Seil- und Straßenbahn sowie die größte Rolltreppe der Welt die Problembezirke mit der Innenstadt. Und nicht nur die inklusive Planung von Infrastrukturprojekten, also mit weitgehender Zustimmung der Betroffenen, kann man von den Verantwortlichen lernen, sondern auch, wie man diese Projekte schnell abschließt. Straßenbahnlinien werden in Medellín in ein bis zwei Jahren fertig gebaut, die Seilbahnen innerhalb eines Jahres. Inzwischen ist die Geschäftsführung der Metro Medellín in ganz Südamerika ein gefragter Ratgeber bei der Entwicklung von Nahverkehrskonzepten. 2012 wurde die Stadt vom „Wall Street Journal“ als „Most innovative City in the World“ ausgezeichnet. Auch futuristische Kindergartenbauten, Bibliotheken, Schulen und Sportstätten bewirkten nachhaltig positive Veränderungen in dem armen Stadtteil. Heute gehören den Menschen nicht nur die einstmals illegal gebauten Hütten, sondern auch das Land, auf dem sie stehen – und für das auch die Armen Steuern auf ihre Grundstücke zahlen.

ÖFFNUNG DER PROBLEMVIERTEL

Seither ist die Mordrate drastisch gesunken und die Lebenserwartung von in Gewaltkonflikte verwickelten jungen Männern stark angestiegen. Die unkonventionelle und bis dahin weitestgehend unübliche Vorgehensweise, öffentliche Einrichtungen bewusst in problematischen Stadtteilen unterzubringen, hat sich in Medellín bewährt. Bibliotheken, Sportstätten und öffentliche Verkehrsmittel trugen maßgeblich zur Veränderung bei. Die Stadtverantwortlichen gingen noch einen Schritt weiter und schufen durch ein Netz von Musikschulen die Möglichkeit für Jugendliche, sich kreativ zu beschäftigen. Zahlreiche Fußballplätze und ein Grüngürtel dienen der Freizeitaktivität und Erholung der Bewohner. Um zu verhindern, dass in Medellín bedingt durch die Verbesserungen der Lebensqualität der Stadt auch die Mieten ansteigen, wurde ein Mieterhöhungsverbot erlassen.

WIRTSCHAFT UND UMWELT

Die Stadtentwicklung muss natürlich finanziert werden: Die Steuer- und Abgabenbelastungen für Unternehmen sind verhältnismäßig hoch. Doch dafür lassen sich in einem stabilen Umfeld auch bessere Geschäfte machen. Zudem verfügt Medellín über eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten für Kleinunternehmer. Das Geld für den Ausbau der Infrastruktur, die Wirtschaftsförderung und die Bildungsoffensive kommt zum größten Teil aus den Steuereinahmen der Stadt. Wesentliche Einnahmenquelle sind hierbei die Abgaben des regionalen Versorgungsunternehmens EPM: Ein Drittel der Gewinne aus den Einnahmen aus dem Verkauf von Trinkwasser, der Abwasserentsorgung, der Versorgung mit Breitbandkabeln, Strom und anderen öffentlichen Dienstleistungen fließt in die Stadtkasse. Unter dem seit Mai 2018 amtierenden Präsidenten Iván Duque scheint Kolumbiens nachhaltige Entwicklung vorerst gesichert: Nach dem Ende des Bürgerkriegs hat das Land die Chance, sein Wirtschaftspotenzial zu heben. Auch 2018 stehen Investitionen in urbane Technologie, Umwelttechnologie und Energiewirtschaft im Fokus. Internationale Investoren sehen diese Entwicklungen mit Wohlwollen: Seit 2013 tätigten sie Direktinvestitionen in der Höhe von knapp 73 Milliarden Dollar.

Autor:
Karin Huber-Heim

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