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Wer eine Entscheidung trifft , muss die Auswirkungen und die Konsequenzen tragen können, meinen Achim und Adrian Hensen von Purpose.

Volle Verantwortung

12.09.2018

Die gemeinnützige Purpose GmbH will verhindern, dass Unternehmen zu Spekulationsobjekten werden. Mit welch klugen Tricks Ethik und Profit in Einklang gebracht werden.

Eigentum heißt Verantwortung. Das weiß jedes EPU und KMU. Verantwortung für die Mitarbeiter, die Umwelt und natürlich für die eigene Geldbörse. Das Unternehmen blüht und gedeiht, und irgendwann ist Zeit, um die Nachfolge zu regeln. Eine heikle Situation. Wird das Unternehmen seine Werte behalten, oder wird es ein Spekulationsobjekt? Jetzt oder eine Generation später? Wer kann das schon wissen? Solche Fragen stellen sich heute auch Start-ups, die von Anfang an gewährleistet haben wollen, dass der Unternehmenszweck erhalten bleibt und nicht plötzlich der Gewinn zum einzigen Zweck wird.

„Der Sinn und Zweck einer Firma ist, etwas zu tun, was Gemeinschaft, Gesellschaft und Kunden zugutekommt“, sagt Colin Mayer, Professor an der University of Oxford. „Als Nebenprodukt dieses Prozesses generiert der Eigentümer Einkommen und Gewinne, aber Gewinn ist nicht als solcher Zweck der Firma.“

Firmen, die Gewinn als ausschließlichen Zweck haben, sind eine Erfindung der jüngsten ökonomischen Entwicklung. Das Paradigma des Shareholder-Values hinterlässt ein Verantwortungsvakuum durch Eigentümer, die das entsprechende Unternehmen häufig nie von innen gesehen haben. Der Manager versteht sich nur noch als Erfüllungsgehilfe der Shareholder, die aber sind ohne jede emotionale Verbundenheit und wollen nur Profite. Das Unternehmen ist zum sinnentleerten Geldlieferanten geworden. Mit bekannten Folgen wie Aktienblasen und Systemcrashes. Und solche Sinnentleerung kann auch erfolgreichen KMU schneller passieren, als ihnen lieb ist.

KEINE SPEKULATION, KEINE VERÄUSSERUNG

Nicht aber, wenn es nach dem Willen von Purpose geht. Der englische Name heißt „Sinn und Zweck“, und das Team von Purpose zieht wortgewaltig durch Europa und Amerika, um eine „Vollverantwortung“ von Unternehmen nicht nur anzustoßen, sondern Unternehmern dabei zu helfen, sie auch zu realisieren und nachhaltig zu verankern.

Vollverantwortung. Das heißt, dass „Unternehmertum und Eigentum zusammenfallen müssen“, erklärt Achim Hensen, einer der Purpose-Gründer, „die Stimmrechte sollen bei jenen liegen, die aktiv im Unternehmen tätig sind.“ Wer mitgestaltet, ist mit dem Unternehmen verbunden. Und nur wer mit ihm verbunden ist, trifft nachhaltige Entscheidungen. Und es gibt ein zweites Prinzip: Gewinne sollen dem Sinn des Unternehmens dienen – also: Gehälter bezahlen, Reinvestitionen, Rücklagen bilden, vielleicht Spenden. Sonst nichts: keine Spekulationen, keine Veräußerungen.

„Die Unternehmen müssen sich selbst gehören! Die wirkliche Verantwortung muss in die Unternehmen zurück. Wir wollen Entscheidung, Ausführung und Konsequenz wieder zusammenbringen“, so Achim Hensen. Wer eine Entscheidung trifft, muss die Auswirkungen kennen und die Konsequenzen tragen. Ein Zustand, der heute oft nicht mehr gegeben ist. Es ist gar nicht einfach, diesen Zustand dauerhaft zu sichern. „Man kann alles in ein Statut oder einen Gesellschaftervertrag hineinschreiben“, weiß Achims Bruder Adrian Hensen, „und man kann es genauso wieder herausstreichen.“

Die 33-jährigen Hensen-Brüder haben Purpose mit ins Leben gerufen, um Unternehmen dabei zu helfen, auf einfachem Wege eine dauerhafte Sicherung von Eigentum und Verantwortung in Unternehmen zu garantieren. Sie scheinen damit durchaus einen Nerv zu treffen. Nach eigenen Angaben hat Purpose mittlerweile rund 500 Unternehmen ganz unterschiedlicher Größe inspiriert, 30 Firmen werden derzeit von Purpose begleitet, und zehn davon setzen ganz konkret die Purpose-Lösung vertraglich um. Zum Beispiel Sharetribe, ein finnisches Start-up. Ein anderer Kunde ist Waschbär, ein Versandunternehmen mit mehr als 360 Mitarbeitern. „Als Purpose-Unternehmen haben wir die Freiheit, im Sinne des Unternehmens, der Kunden und der Mitarbeiter zu handeln“, sagt Waschbär-Verantwortungseigentümerin Katharina Hupfer, „unsere Firma wird nie ein Spekulationsgut werden.“

Neben den Unternehmen, die den von Purpose angebotenen Weg gewählt haben, gibt es weltweit hunderte Firmen, die vielfältige Lösungen gefunden haben, mit denen sie die zwei Prinzipien von Verantwortungseigentum rechtsbindend umsetzen.

„Lieber Geld verlieren als Vertrauen“, meinte einmal Robert Bosch. Der bekannte Technikkonzern Bosch ist ebenfalls durch eine ausgeklügelte Stiftungsstruktur gegen Übernahmen abgesichert. Vor allem in Dänemark gibt es viele Unternehmen, die ähnliche Lösungen gewählt haben. Es ist dem Purpose-Team nicht wichtig, ob genau seine Lösung angewendet wird. „Es geht um die Prinzipien, nicht um unseren Weg“, betont Adrian Hensen, „wir brauchen aber einfache Lösungen. Ein Start-up kann sich nicht jahrelang mit einem Anwalt zur Diskussion über komplexe Firmenkonstrukte zusammensetzen. Verantwortungseigentum muss mit geringem Aufwand von Beginn an in der DNA eines Unternehmens verankert werden.“

Die Stimmrechte sollen bei jenen liegen, die aktiv im Unternehmen tätig sind.“ Achim Hensen, Purpose-Gründer

SCHUTZ DURCH VETO

Und so funktioniert es: Die Purpose- Stiftung dient in einem sogenannten Golden-Share- Modell als Veto-Dienstleister. „Wir übernehmen ein Prozent der Stimmrechte und sind selbst dazu verpflichtet, immer dann, wenn jemand die Prinzipien aushebeln möchte, mit Nein zu stimmen.“ Mit diesem einfachen Trick bleibt das Unternehmen vor Spekulation geschützt.

Schnell wurde klar, dass diese Unternehmen eine Investitionskultur benötigen, die eben jenes Eigentumsverständnis unterstützt. Darum hilft Purpose beim Aufbau eines Investorennetzwerks. Das Geld kommt von Privatpersonen, Impact-Investoren und Family-Offices, die durchaus auch angemessene Renditen im Sinn haben, aber dabei an den langfristigen Erfolg von Eigentümerverantwortung glauben. Dazu investiert Purpose auch selbst. Mehr als zehn Investments wurden bereits getätigt, weitere sollen folgen.

Mit ihrem Eigentumsverständnis beruft sich Purpose auf Vordenker wie Ernst Abbe, Miteigentümer von Zeiss, der vor gut 130 Jahren meinte, der Wert, den er geschaffen habe, hätte nur durch seine Mitarbeiter erreicht werden können. Die Gesellschaft habe ihm die entsprechende Bildung ermöglicht. Er hätte jetzt im fortgeschrittenen Alter die Möglichkeit, das alles teuer zu verkaufen, aber das wäre ihm unmöglich. Daher brachte er alles in eine Stiftung ein. Ein ethischer Akt? Achim Hensen: „Wenn Wirtschaft dem Menschen und der Gesellschaft dient, sind Profite und Ethik keine Gegensätze. Wir wollen zeigen, dass Wirtschaft eine positive Kraft darstellen kann. Das passiert immer dann, wenn Profit ein Mittel zum Zweck darstellt.“

Autor/in:
Harald Koisser
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