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Viel zu gewinnen

28.02.2018

19.000 Unternehmen müssten Menschen mit Behinderungen einstellen, nur ein Drittel tut es. Woran das liegt, und was ihnen entgeht, erklärt Günter Schuster, Amtsleiter des Sozialministeriumservice im Interview.

WELCHE PROGRAMME UNTERSTÜTZUNG BIETEN

Das „Netzwerk Berufliche Assistenz“, kurz NEBA, bietet zahlreiche kostenlose Unterstützungsleistungen. Sie sollen die bezahlte Arbeit am regulären Arbeitsmarkt sicherstellen und erhalten. Sowohl Menschen mit Behinderung als auch ausgrenzungsgefährdete Jugendliche, aber natürlich auch Betriebe können diese Angebote nützen. www.neba.at

 

fit2work ist das Programm für eine gesunde Arbeitswelt, das von Personen mit gesundheitlichen Problemen und von Betrieben in Anspruch genommen werden kann. fit2work bietet Information, Beratung und Unterstützung bei Fragen zur seelischen und körperlichen Gesundheit am Arbeitsplatz. www.fit2work.at

 

STEPHAN STRZYZOWSKI FOTO RICHARD TANZER

Die Digitalisierung macht den Arbeitsalltag immer schneller und gleichzeitig viele Jobs obsolet. Für ältere, kranke und behinderte Menschen wird es dadurch vermutlich schwieriger am Arbeitsmarkt. Welche Auswirkungen beobachten Sie?
Ich würde die Entwicklung nicht nur negativ sehen. Für Menschen mit Sinnesbehinderungen eröffnet die Digitalisierung auch neue Chancen. Man denke etwa an Software für Blinde oder auch an Kommunikationslösungen für Gehörlose. Durch die zunehmende Möglichkeit, von überall aus zu arbeiten, können auch mobile Einschränkungen ausgeglichen werden. Digitalisierung bedeutet aber gleichzeitig auch Komplexität in der Kommunikation und Automation von einfacheren Arbeitsabläufen. Dieser Trend kann etwa für Menschen mit einer Lernbehinderung einen Nachteil darstellen.

Welchen Beitrag können Unternehmer in diesem Zusammenhang leisten?
Sie können Arbeitssuchenden offen begegnen. Leider wird Krankheit oder Behinderung aber meistens lediglich als Einschränkung wahrgenommen. Dieses Vorurteil verhindert aber eine qualitative Auseinandersetzung im Einzelfall; oft ist die Eignung für eine Aufgabe davon unabhängig.

Wo steht Österreich im internationalen Vergleich, wenn es um die Inklusion von Menschen mit Assistenzbedarf geht?
Was die Erwerbsquote von Menschen mit Behinderung anbelangt, liegen wir im EU-Vergleich nicht schlecht. Es gibt auch nur wenige Länder, die es geschafft haben, flächendeckend ein so durchgängiges Unterstützungssystem aufzubauen wie Österreich. Wir wollen aber die Wirtschaft noch stärker als Partner einbinden. Aktuell fokussiert die Förderstruktur noch stark auf die Betroffenen. Da lässt sich das System noch optimieren.

Wie viele begünstigte, behinderte Arbeitnehmer gilt es, aktuell in Betrieben unterzubringen?
Es gibt ungefähr 100.000 Begünstigte in Österreich. Voraussetzung dafür ist ein Behinderungsgrad von 50 Prozent. Die Antragstellung ist allerdings immer eine persönliche Entscheidung. Selbst wenn es diverse Förderungen gibt, wollen sich nicht alle betroffenen Menschen deklarieren, da sie Nachteile befürchten.

Wie viele Unternehmen müssten Behinderte anstellen? Wie viele tun es wirklich?
Verpflichtet sind grundsätzlich all jene Unternehmen, die mehr als 25 Dienstnehmer beschäftigen. Das sind circa 19.000 Unternehmen. Rund ein Drittel dieser Unternehmen kommt der Verpflichtung nicht oder nur teilweise nach. Der Rest zahlt die Ausgleichstaxe. Interessant ist, dass Kleinbetriebe, die nicht verpflichtet sind, sehr häufig Menschen mit Behinderung beschäftigen. In diesem Segment liegt auch noch ein hohes Potenzial.

Woran liegt es, dass zwei Drittel der verpflichteten Unternehmen lieber bezahlen, als Behinderte einzustellen?
Ist der erhöhte Kündigungsschutz ein Hemmschuh? Das glaube ich nicht, denn er ist erst ab dem vierten Jahr wirksam. In der Zeit davor können sich alle klar werden, ob es passt oder nicht. Der entscheidende Punkt ist eher, dass Behinderung und Krankheit immer ausschließlich als Leistungseinschränkung gesehen werden. Diesen Punkt sollten Unternehmen aber im Einzelfall hinterfragen. Es gibt wirklich sehr viel zu gewinnen. Menschen mit Krankheiten und Behinderungen danken es den Unternehmen mit besonderer Loyalität und hohem Engagement, wenn diese ihnen ihr Vertrauen schenken. Darüber hinaus wirken sich Krankheitsbilder oder Behinderungen in vielen Fällen überhaupt nicht negativ auf die Leistungserbringung aus.

Denken Sie, dass eine höhere Ausgleichstaxe zu mehr Einstellungen führen würde?
Ein Argument, das dafür spricht, ist die Tatsache, dass alle Geschäftsbereiche einer betriebswirtschaftlichen Betrachtung unterliegen. Höhere Kosten würden jedenfalls die Aufmerksamkeit der Betriebe erhöhen; gleichzeitig erhöhen sich damit die Fördermittel.

Setzt die neue Regierung Akzente bei dem Thema?
Eine Erhöhung der Ausgleichstaxe ist jedenfalls im Regierungsprogramm nicht vorgesehen; es forciert aber eine stärkere Integration von Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt.

Sie haben bereits positive Effekte der Inklusion genannt. Fehlt schlicht die Awareness dafür?
Entscheidungsträger in der Wirtschaft sind mit vielen Themen befasst und jedes zusätzliche erhöht die Komplexität. Das schafft eine Herausforderung in der Aufklärung. Aufgrund der demographischen Entwicklung wird das Thema aber relevanter. Die Arbeitnehmerschaft wird immer älter. Krankheiten und erworbene Behinderungen gehören dadurch immer öfter zum Alltag. In diesem Sinne sollten sich Personalabteilungen rechtzeitig mit betrieblicher Gesundheitsförderung, aber auch mit dem betrieblichen Umgang bei Auftreten von Behinderungen und Krankheiten beschäftigen.

Braucht es dafür das Commitment der Geschäftsführung?
Wenn die Bemühungen nachhaltig sein sollen, ja. Noch ist es oft so, dass sich das Commitment aufgrund persönlicher Betroffenheit etwa im privaten oder beruflichen Umfeld ergibt. Eine strategische Beachtung wäre aber für jedes Unternehmen zu empfehlen.

Die Konjunktur zieht gerade wieder kräftig an, viele Unternehmen suchen dringend Personal. Steigt damit auch die Nachfrage nach Arbeitskräften mit Behinderungen? Ja, wir beobachten, dass die allgemeine Arbeitsmarktlage generell von Relevanz für Behinderte ist. Arbeitslosigkeit trifft sie härter, und wenn Mangel an Arbeitskräften herrscht, steigen natürlich die Chancen für benachteiligte Gruppen.

Wenn sich Behinderte im Bewerbungsprozess outen, ist das Interesse oft sofort weg.

Bei Behinderungen denkt man oft als erstes an Rollstuhlfahrer. Um welche Einschränkungen geht es darüber hinaus?
Jeder hat seine Bilder im Kopf. Tatsächlich ist das Thema Behinderungen aber so heterogen wie das Leben selbst. Es gibt Erscheinungsformen wie körperliche Behinderungen, Sinnesbehinderungen, aber auch schwere Erkrankungen wie Krebs, die nachhaltige Auswirkungen auf die Lebensführung haben, und auch manche psychische Erkrankungen zählen dazu. Deswegen ist es so wichtig, sich im Umgang mit der Themenstellung auf den einzelnen Menschen einzulassen.

Psychische Erkrankungen nehmen von Jahr zu Jahr zu. Welche Herausforderungen erwachsen daraus?
Das Thema ist sehr komplex. Denn bei körperlichen Einschränkungen ist klar, was jemand machen kann und was nicht. Bei der Psyche sind die Zusammenhänge für andere nicht klar erkennbar und unterliegen damit subjektiven Beurteilungen. Die Betroffenen tun sich schwerer, ihr Problem zu artikulieren, und Kollegen fällt es schwerer, es anzunehmen. Fakt ist: Solche Situationen werden häufiger. Die Ursachen liegen teilweise in der Arbeitswelt begründet, im Druck und der steigenden Komplexität.

Fallen dadurch viele Personen komplett aus dem System?
Ein Kernproblem ist, dass Arbeitslosigkeit den Krankheitsverlauf bei psychischen Problemstellungen in der Regel nachteilig beeinflusst. Es würde also Sinn ergeben, diese Personen im Arbeitsmarkt zu halten und zu fördern. Doch dafür braucht es auch Rahmenbedingungen wie ein positives Betriebsklima, eine entsprechende Awareness und festgelegte Vorgehensweisen, wie man bei einer konkreten Problemstellung verfährt.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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