Direkt zum Inhalt
Dank digitaler Vernetzung können Architekten Gebäudemodelle entwickeln, die laufend mit Statikern und Technikern abgestimmt werden.

VERNETZT ANS ZIEL

12.09.2018

In Clustern bringen die Wirtschaftsagenturen der Bundesländer unterschiedliche Unternehmen zusammen, die Netzwerke knüpfen und neue Technologien testen können – davon können gerade Mittelständler enorm profitieren.

Martin Huber, Projektmanager ecoplus

Wer in der heimischen Firmenlandschaft neue Techniken einführen will oder an neue Geschäftsmodelle denkt, hat dieser Tage einen schweren Stand: Österreichs Wirtschaft befindet sich mitten in einer Hochkonjunkturphase. Nach satten drei Prozent Wachstum im Vorjahr rechnet das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) für heuer mit einem Plus von 3,2 Prozent, auch das Institut für Höhere Studien (IHS) erwartet knappe drei Prozent Wachstum. Das heißt: Die Betriebe haben gerade alle Hände voll zu tun, um Aufträge abzuarbeiten. Dementsprechend wenig Zeit bleibt für die Frage, welche Ver änderungen morgen kommen könnten. Freilich rechnen sowohl Wifo als auch IHS damit, dass das Wachstum schon nächstes Jahr auf etwa zwei Prozent sinkt – ein immer noch guter Wert, aber eine spürbare Abkühlung. Auf der Tanzfläche werde „derzeit der letzte Rock ’n’ Roll gespielt“, dann gehe es mit einem „L’amour- Hatscher“ weiter, meinte etwa Wifo-Chef Martin Kocher diesen Sommer bei der Vorstellung der neuesten Zahlen.

IM BOOM NEUE MODELLE TESTEN

Genau deshalb sei es ein Fehler, sich jetzt nicht auf technologische Neuerungen und Phasen mit weniger Aufträgen vorzubereiten, sagt Stefan Liebert von der Wirtschaftsagentur des Landes Niederösterreichs: „Besonders im Mittelstand sind die Ressourcen knapp, um sich mit Innovationen und neuen Produktionsentwicklungen zu beschäftigen. Das Argument lautet: Es läuft eh super. Aber es wird eine Flaute kommen – und es werden große Veränderungen in der Produktion kommen. Wer das im Blick hat, sorgt dafür, dass sein Unternehmen auch in Zukunft gut im Geschäft ist.“ Liebert weiß, wovon er spricht: Er ist Geschäftsfeldleiter der ecoplus-Cluster Niederösterreich, die bei der Wirtschaftsagentur Niederösterreichs Unternehmen untereinander und mit Auftragsforschern vernetzen, zur Einführung neuer Produkte und Prozesse motivieren und auch bei der Qualifizierung von Mitarbeitern begleiten. Der Schwerpunkt liegt klar auf dem Mittelstand, wobei auch zahlreiche Großkonzerne mitmachen.

INNOVATION DURCH KOOPERATION

Solche Agenturen gibt es in jedem Bundesland. Sie alle initiieren branchenübergreifende Netzwerke und begleiten Unternehmen auf dem Weg zu neuen Technologien und neuen Absatzmärkten. Stefan Liebert formuliert den zentralen Ansatz der ecoplus- Cluster: „Wir können die Aufgaben der Unternehmen nicht lösen – aber es geht darum, Wege aufzuzeigen, wie man sie gemeinsam lösen kann. Getreu unserem Motto ,Innovation durch Kooperation‘.“

Ein Ansatz, der in Niederösterreich gut angenommen wird. Vier Cluster und eine Initiative für Elektromobilität gibt es aktuell bei ecoplus: Im Lebensmittelcluster bündeln Landwirte und das verarbeitende Gewerbe ihre Arbeit im Bereich Lebensmittelqualität, Sicherheit und regionale Produktion. Der Kunststoffcluster setzt die Schwerpunkte auf Biokunststoffe, multifunktionale Bauteilentwicklung und Kreislaufwirtschaft und arbeitet dabei auch mit Netzwerken in Oberösterreich und Salzburg zusammen – sowie aufgrund der thematischen Nähe auch mit dem Mechatronikcluster. Wer hier mitmacht, ist Teil eines riesigen Firmennetzwerks mit 1.700 Mechatronikbetrieben allein in Niederösterreich.

IDEEN DIREKT AUS DEM BETRIEBSALLTAG

Im Alltag der Clusterarbeit geht es darum, am Markt und im direkten Gespräch mit Unternehmern neue Ideen und Produktionsprozesse zu erkennen, Firmen zum Mitmachen zu motivieren und mit Auftragsforschern Forschungsprojekte auf den Weg zu bringen, die so nah an der betrieblichen Praxis wie möglich sind. Ein wichtiger Ort, an dem Impulse aus der Wirtschaft gesammelt und branchenübergreifende Netzwerke geknüpft werden, seien Workshops zu bestimmten Themen, erzählt Liebert – die oft nachmittags und abends oder parallel zu den zentralen Fachmessen stattfinden. „Pro Jahr begleiten wir etwa 50 Kooperationsprojekte – das geht los ab einer Gruppe mit etwa drei Unternehmen und einem Volumen ab 20.000 Euro bis zu knapp 30 Unternehmen, wo es bei einer Laufzeit von mehreren Jahren um Volumina von mehreren Millionen Euro geht.“

Digitale Vernetzung führt zu höherer Produktivität, schnellerer Bauzeit und deutlicher Kostenreduktion.“ Martin Huber, Projektmanager ecoplus

VORWETTBEWERBLICH UNTERWEGS

Liebert betont auch, was die Cluster von ecoplus nicht sind: „Wir sind keine Förderstelle. Aber wir wissen, wie und wo eine Firma oder eine Kooperationsgruppe um welche Fördermöglichkeiten ansuchen kann.“ Auch seien die Cluster „vorwettbewerblich“ tätig, greifen also in die konkrete Produktionsentwicklung nicht ein – weil es in der Clusterarbeit nicht um Geschäftsgeheimnisse gehe, sondern um grundsätzliches Know-how, das Betriebe später direkt anwenden können.

DIGITALISIERUNG AM BAU ALS ZENTRALES THEMA

Wie das in einer konkreten Anwendung aussieht, zeigt der größte Cluster von ecoplus: jener für Bau, Energie und Umwelt. Hier sind aktuell Forschungsstellen und 230 Unternehmen mit rund 37.000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von mehr als acht Milliarden Euro miteinander vernetzt. Soeben laufen 36 Kooperationsprojekte. Die Bandbreite reicht von Themen rund um die Effizienz in der Konstruktion bis zur nachhaltigen Heizung und Kühlung von Gebäuden – zentrale Themen in Zeiten des Klimawandels. Ein zentraler Schwerpunkt dieses Clusters ist die Digitalisierung der Bauwirtschaft. Neben Anwendungen für virtuelle Realität (VR) und erweiterte Realität (AR) im Betriebsalltag heißt der große Trend „Building Information Modeling“, kurz BIM. Beim Bauen mit BIM haben alle beteiligten Gewerke – vom Architekten über den Statiker und die ausführenden Baubetriebe bis zu Baustoffherstellern – Zugriff auf ein digitales Modell des Gebäudes.

„Dabei werden eine ganz andere Transparenz sowie technische Tools und große Datenbanken im Hintergrund notwendig“, erklärt Martin Huber, Projektmanager des ecoplus-Bau. Energie.Umwelt-Cluster NÖ. „Diese durchgehende digitale Vernetzung führt zu höherer Produktivität, einer schnelleren Bauzeit, und die Kosten sinken deutlich.“ Martin Huber nennt ein Beispiel von vielen: Architekten entwickeln ein dreidimensionales Gebäudemodel, das laufend mit den Fachplanungen der Statiker und Haustechnikplaner abgestimmt wird. So können zum Beispiel Planungsfehler mit automatisierten „Kollisionskontrollen“ frühzeitig erkannt und späterer Mehraufwand auf der Baustelle vermieden werden.

BIM: KONKRETE IMPULSE FÜR DIE PRAXIS

An BIM registriert ecoplus ein großes Interesse aus der Wirtschaft – doch oft fehle es an Impulsen für den ersten Schritt, sagt Martin Huber. Genau diese bietet das gerade und noch bis Februar laufende Kooperationsprojekt BIM@hochBAU, bei dem der Weltmarktführer Wienerberger und der Baustoffkonzern Baumit ebenso mitmachen wie kleinere Bauunternehmen, Elektrotechniker, spezialisierte IT-Firmen und externe Experten. Bei diesem Projekt geht es um den Umgang mit sogenannten BIMObjekten. Das sind nicht einfach „leere“ Geometriemodelle von Baukomponenten wie zum Beispiel Wandelemente oder Fenster, sondern sie beinhalten bereits viele Informationen wie etwa bauphysikalische Daten, Mengenbedarf, Kosten, Verarbeitungsrichtlinien, Wartungsintervalle bis hin zu ökologischen Kennwerten. Die BIM-Objekte werden anhand von konkreten Beispielen aus dem Alltag der Planer eingesetzt und auf ihre Praxistauglichkeit getestet. „In einer heterogenen Kooperationsgruppe ist dann der Lerneffekt sehr groß“, sagt Huber. Und oft würden Firmen aus unterschiedlichen Fachbereichen, die an einem Kooperationsprojekt teilnehmen, später zu wirklichen Geschäftspartnern – um das neu erworbene Wissen gemeinsam anzuwenden zu können.

Autor
Peter Martens

Werbung

Weiterführende Themen

Stories
09.10.2018

Ohne eine Kultur der Offenheit können auch hochspezialisierte Weltmarktführer heute nicht überleben. Es gilt vielmehr, innovativ zu bleiben, potenzielle Partner zu finden und die richtigen ...

Stories
26.09.2018

Das erfolgreiche Kerngeschäft mit Innovation zu verbinden, gilt aktuell als die größte Herausforderung für Unternehmen. Erfolgreiche Innovation braucht Eigenverantwortung, Mut und eine Vision. Ein ...

Interviews
12.09.2018

Düsteren Zukunftsszenarien erteilt T-Mobile-CCO Maria Zesch eine Absage. Die Digitalisierung ist aus ihrer Sicht vor allem eines: eine Riesenchance für unsere Wirtschaft. Was sich Österreich dabei ...

Stories
17.08.2018

Wer die Zukunft nicht im Auge behält, gerät nur allzu rasch ins Hintertreffen. Wie man ganz vorne dabei bleibt analysiert Waltraud Martius, Geschäftsführende Gesellschafterin von Syncon ...

Stories
26.01.2018

Event-Tipp: "Innovative Nachhaltigkeit!" Am 22. März findet die Abschlussveranstaltung des 5-jährigen FFG Forschungsprojekts „CSR und Innovation“ im Rahmen der 4. Ausschreibung COIN-Aufbau.an der ...

Werbung