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Unter Affen

15.05.2019

Auch wenn wir uns gerne anders sehen, folgen wir im Handumdrehen unseren niedrigsten Instinkten. Wie weit wir es wirklich vom Affenhügel weg geschafft haben, wo man die uralten Verhaltensmuster im Arbeitsalltag erkennt und wie wir sie überwinden, erklärt der Evolutionsbiologe Gregor Fauma im Interview.

Wie sich aus Affen langsam Menschen entwickelt haben, sieht man im Naturhistorischen Museum in Wien.

INTERVIEW STEPHAN STRZYZOWSKI

Sie sind Verhaltensforscher und Evolutionsbiologe. Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Disziplin? Wir untersuchen das Verhalten der Menschen unter Berücksichtigung der Evolution. Kurz gesagt: Wir wollen wissen, warum die Menschen so ticken, wie sie ticken. Wie wir uns heute benehmen, lässt sich häufig auf Rahmenbedingungen zu früheren Zeitpunkten der Menschheitsentwicklung zurückführen. So wie sich Becken, Hand und Gesicht verändert haben, haben sich auch Gehirn, Denken und vor allem unser Verhalten an die Umstände angepasst.

Welche Aspekte dieser Entwicklung prägen uns denn bis heute besonders stark? Die Bandbreite ist wirklich groß und es steckt noch viel Affe in uns. Ein Beispiel: Weil die Menschen früher nur in der Kleingruppe überleben konnten, brauchte es jemanden, der sie koordiniert. Das zeigt sich noch heute sehr gut darin, wem Leadership zugestanden wird. Anführer der Gruppe werden immer noch meistens jene, die schneller ticken, die größer und aggressiver sind, die Themenführerschaft beweisen.

Klingt, als hätten wir uns nicht besonders weit von den Höhlenmenschen entfernt. Was uns von unseren Vorfahren unterscheidet, ist ein wesentlicher Umstand: Wir können uns intellektuell von den tierischen Anteilen in uns lösen und uns emanzipieren. Wir wissen zum Beispiel, dass große Menschen besser ankommen, aber wir wissen auch, dass uns ihre Größe bei einem Projekt für die Arbeit nicht weiterhilft. Der Impuls kann also als unbegründet erkannt werden und wir können uns anders entscheiden. Wir müssen uns einfach hinterfragen. Darin liegt der Schritt zum Homo sapiens.

Aber dieser Schritt muss immer noch bewusst gesetzt werden, oder? Ja, er beruht auf unserer Reflexion und auf Selbsterfahrung. Wir können beobachten, wie wir in vielen Situationen tierisch und mechanistisch reagieren. Die Entscheidung, anders zu reagieren, steht uns allerdings frei, wenn wir das wollen. Der Selbsterfahrung müssen wir uns aber schon stellen und den entsprechenden Schluss ziehen. Die Kunst liegt darin, ein Gespür für den Moment zu entwickeln, wo es heiß werden kann. Man muss es vorher mitkriegen. Dann kann man noch gegensteuern. Wenn die Nebenniere das Gehirn bereits mit Adrenalin geflutet hat, ist es zu spät.

Welche Auslöser sind es, die uns in die Steinzeit schicken? In uns steckt je nach Situation unterschiedlich viel Affe drin. Je stressiger es ist, desto mehr kommt das Urviech zum Vorschein. Je ruhiger und gelassener wir sind, desto weniger. Der Affe zeigt sich in der Emotion. Sie ist der Bypass, um schnell eine Entscheidung zu finden. Das hat uns immer das Leben gerettet. Darum ist der Mechanismus auch noch so präsent. In der moderneren selbst gestalteten Umgebung brauchen wir aber andere Lösungsmechanismen. Wir sind heute ständig mit Situationen konfrontiert, für die wir durch unsere Prägung keine Lösungen parat haben. Im Stau oder in der Supermarktschlange helfen uns weder Flucht noch Angriff weiter.

Auch wenn wir uns also für vernunftbegabte Wesen halten, läuft immer noch das gleiche biologische Überlebensprogramm wie vor Zehntausenden Jahren ab, wenn wir uns bedroht fühlen? Ja, und jeder kennt die Situation. Man bekommt eine böse E-Mail samt Kollegen in cc von einem Mitarbeiter und reagiert ganz spontan mit Wut, Hass und Aggression. Wenn man sofort zurückschreibt, wird es nur wenig besonnen sein. Ein anderes Beispiel: Ein gleichrangiger Mitarbeiter maßregelt einen vor dem Chef in einem Meeting. Da spürt man den Affen sofort in sich, der um sich schlagen will. So schnell sind wir zurück am Hügel und knapp daran, die Beherrschung zu verlieren. Klug ist es dagegen, nicht darauf zu reagieren. Wenn doch die Wut mit uns durchgeht, zeigt sich, wie gering die Unterschiede zwischen Affen und Menschen sein können. Ob ein junger Schimpanse schreit und Äste erklimmt, ober ob beim Fußball Fans auf die Zäune klettern: Das Bild ist sehr ähnlich. Um solche Reaktionen zu vermeiden, braucht es Bildung, Erziehung und Selbstreflexion.

Wir können uns intellektuell von den tierischen Anteilen in uns lösen und uns Affen langsam emanzipieren.

Steht zu erwarten, dass sich das aggressive Verhaltensrepertoire des Menschen in Zukunft verringern wird? So lange Aggression den Männern im Wettstreit um Ressourcen, welche für Frauen eines der wesentlichen Partnermarktkriterien darstellen, dienlich ist, wird sie bestehen bleiben.

Wo begegnen wir unserem steinzeitlichen Ich noch im Arbeitsalltag? Sichtbar wird es etwa in vielen Dominanzsignalen, die wir noch immer setzen. Dazu zählt etwa die Größe des Dienstwagens, die Entfernung des Parkplatzes zum Eingang, die Ausmaße des Büros, in welchem Stock des Büros man arbeitet, mit wie vielen Personen man eine Toilette teilt und sogar wie schnell wir im Büro gehen oder wer wen grüßen muss. Es geht dabei immer um den Zugang zu Ressourcen, darum, zu zeigen, wie weit oben man in der Rangordnung steht. Wer ist der Alphaaffe oben am Hügel, der Platz und das beste Futter hat? Diesem Bedürfnis haben wir lediglich einen anderen Anstrich gegeben. Die Art, wie wir uns präsentieren, beinhaltet also noch viele sehr alte Verhaltensmuster und zeigt sich auch bei jedem Staatsbesuch.

Wie denn das? Wenn es etwa in traditionelle Kulturen zu einem Treffen verschiedener Clans kommt, werden immer die größten Krieger geschickt, die mit ihren Waffen ein Imponiergehabe zur Schau stellen. Gleich dahinter kommt aber schon ein kleines Mädchen, das die Gäste beschwichtigt. Darüber kann man schmunzeln. Aber bei uns ist es auch so. Wenn wir heute Staatsgäste empfangen, arbeiten wir auch mit Imponiergehabe und Beschwichtigung. Der Gast schreitet mit unserem Präsidenten die Garde ab und am Ende stehen Mädchen mit einem Blumenstrauß. Wir tun das übrigens auch im privaten Bereich. Wenn man zu Gast ist, bringt man einen teuren Wein mit, um zum Imponieren, und sagt zur Beschwichtigung: „Ihr habt es aber schön hier.“

Die Kultur wird allerdings gerade in vielen Unternehmen lockerer. Geht damit das Gehabe vielleicht verloren? Es stimmt, dass in jüngeren Unternehmen das Büro vom Chef nicht mehr so groß ist und weniger offensichtlich geprotzt wird. Und doch verdient er mehr, und es gibt Unterschiede, wer etwas zu sagen hat und wem länger zugehört wird. Die Hierarchien werden flacher, aber es muss einen geben, der den Betrieb koordiniert und Entscheidungen trifft. Menschen sind auch sehr findig darin, Rangunterschiede darzustellen. Selbst unter Punks gibt es einen Kleidungskodex und auch in Klosterschulen mit Uniformen finden die Schüler Möglichkeiten, durch kleine Zeichen ihre Stellung herauszustreichen.

Wofür ist dieses Verhalten gut? Es entspricht dem Bedürfnis, zu wissen, welche Position man in der Gruppe hat. Das war früher wichtig für ihr Funktionieren. Es geht dabei um Stabilität. Seine Rolle zu kennen gibt Orientierung. Wir können heute noch gut beobachten, wie viel Anspannung bei Affengruppen entsteht, wenn Rivalitäten sichtbar werden. Entspannung tritt erst ein, wenn der Führungsaffe den Streit schlichtet. Auch dieses Verhalten haben wir nicht abgelegt. Es ist eine zentrale Aufgabe einer guten Führungskraft, für Frieden zu sorgen und dafür, dass das Team funktioniert. Oft warten alle nur darauf, wann der Chef etwas sagt, wenn einer aus der Reihe tanzt. Weil die Gruppe es nicht selbst tun will. Der Alphaaffe muss Sanktionen setzen, für Recht und Ordnung sorgen und jene rausnehmen, die stören.

Es steckt noch viel Affe in uns.

Lässt sich aus diesem Schutz der Gruppe erklären, warum gerade die politischen Zeichen vermehrt auf Abgrenzung stehen? In der abgrenzenden, national denkenden Politik ist mit Sicherheit mehr Urviech drin, das die Texte diktiert. Beim liberaleren, progressiven Denkansatz bekommt die Vernunft mehr Gehör. Dort wird eher versucht, das Emotionale rauszunehmen. Die Biologie kennt die Familie, dann die genetisch Ähnlichen der Population und dann nichts mehr, wozu ein emotionaler Bezug besteht. Um zu überleben, haben wir immer darauf geschaut, wer zum Clan gehört. Wer nicht dazugehört, der wurde gedisst. Es gibt Experimente, die zeigen, dass Menschen bei einer willkürlichen Einteilung von Leuten in zwei Gruppen die Mitglieder der anderen Gruppe grundsätzlich härter bestrafen. Von der Clandenke steckt also noch ganz viel in uns drin. Aber wir haben die Möglichkeit, es besser zu machen und uns zu hinterfragen!

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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