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Kleinschürfer holen mit einfachen Techniken und Chemikalien Zinn-Erz aus einem mit Schwermetallen belasteten Fluss.

Unfaire Elektronik

08.09.2017

Computer, Smartphones und Co. sind aus dem Unternehmensalltag schwer wegzudenken. Was dabei kaum bedacht wird: welche sozialen und ökologischen Auswirkungen der Einkauf hat. Denn Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung sind an der Tagesordnung.

FAIRERE ALTERNATIVEN

Fairphone: Eckdaten: Für vier Konfliktmineralien hat das niederländische Unternehmen Fairphone eine transparente Lieferkette. 130.000 Fairphones wurden bereits verkauft, der Benutzer kann das Gerät selbst reparieren. Für das Fairphone 2 gab es das Umweltzeichen Blauer Engel. Fairphone will seinen B2B-Fokus verstärken und hat z. B. eine Partnerschaft mit T-Mobile Austria.

 

Shiftphones: Faire Löhne, keine Kinderarbeit, kein Einsatz des Konfliktminerals Coltan und möglichst wenig Umweltbelastung, zudem können Reparaturen an den Shiftphones auch selbst durchgeführt werden, ohne die Gewährleistung zu verlieren. Das neueste Projekt des deutschen Start-ups ist der Tablop, ein Notebook, das möglichst gut reparierbar und erweiterbar sein soll. Per Crowdfunding wurde Geld gesammelt, das Produkt kann aber vorbestellt werden, der Markstart des Tablops ist mit Mitte 2018 geplant.

 

 

Faire Mäuse: Nager IT produziert Computermäuse aus Bio-Kunststoff mit Scrollrad aus Holz, die in einer Integrationswerkstätte gefertigt werden. Zwei Drittel der Lieferkette sind laut eigenen Aussagen fair: „Das hört sich bescheiden an, ist aber mit Abstand das fairste, was es im Bereich Elektronik gibt. Zu erklären ist dies durch die Komplexität der Lieferkette, die schon für die Maus mehr als 100 beteiligte Fabriken und Minen umfasst.“

 

Bis dato gibt es kein einziges Handy und keine einzige Computer- Hardware, die tatsächlich zu 100 Prozent fair ist – eine traurige Bilanz. Der Hintergrund: Lieferketten sind undurchsichtig und werden von einer Handvoll transnationaler Unternehmen kontrolliert. Alleine für die Produktion eines Smartphones werden 38 Mineralien benötigt, alle mit eigenen Lieferketten. Abgebaut und produziert wird dort, wo Arbeitskräfte billig sind und Umweltschutz und Menschenrechte kaum durchgesetzt werden können. Während bei den Konzernen die Kassen klingeln, sind die Menschen, die die Rohstoffe abbauen, von Armut, unwürdigen Bedingungen und den Umweltfolgen massiv betroffen. „Wir wissen, dass viele Unternehmen im eigenen Land sehr wohl Auflagen erfüllen. Wenn sie zu uns kommen, ist das auf einmal nicht mehr der Fall“, sagt Jaime Caichoca, aus dem Bezirk Oruro in Bolivien. Der Bergbau in seiner Region führt dazu, dass die Flüsse mit Chemikalien und Schwermetallen wie Arsen oder Blei belastet sind. „Wir Betroffenen sind kein Teil der Produktionskette, aber sie hat beträchtliche Auswirkungen auf uns. Die Dörfer flussabwärts haben kein Süßwasser mehr, die Böden sind versalzen, es gibt keinen Pflanzenbewuchs. Das Vieh frisst schwermetallhaltige Futtermittel und trinkt das verseuchte Wasser. Seine Hoffnung: „Dass es Vorschriften gäbe, die den Import von Rohstoffen nur dann erlauben, wenn die Umweltauflagen im jeweiligen Land erfüllt werden.“

GROSSE KÄUFER KÖNNTEN ETWAS VERÄNDERN

Traurig sieht das Bild auch bei der verarbeitenden Industrie aus. „Chinesische Studenten, die z. B. Kunst oder Grafikdesign studieren – was nichts mit Handys zu tun hat –, werden gezwungen in Fabriken zu arbeiten, sonst können sie keinen Abschluss bekommen“, sagt Sophia So von der chinesischen Arbeitsrechtsorganisation SACOM. Bei diesen „Praktika“ werden sie nicht nur gezwungen, zur Hälfte des gesetzlichen Mindestlohns zu schuften, sondern sind auch gesundheitsschädlichem Aluminium- und Silberstaub schutzlos ausgesetzt. „Regierungen und Schulen sind riesige Käufer, die große Macht haben. Sie können etwas tun“, ist sie überzeugt.

„Um etwas zu verbessern, braucht es die gesamte Industrie. Immerhin gibt es mittlerweile mehr Smartphones als Menschen auf dem Planeten“, sagt Fabian Hühne von Fairphone. „Die Industrie ist nicht aufgebaut, nachhaltiger zu produzieren. Es ist noch nicht richtig angekommen. Obsoleszenz ist ein großes Problem.“ Eine längere Nutzung, Reparierbarkeit und Aufrüstbarkeit der Geräte sind wichtig, um den Rohstoffbedarf zu reduzieren. Denn: „Das fairste Smartphone ist jenes, das man schon besitzt.“ Und was können Unternehmen tun? Als Großeinkäufer von Elektronik können sie ihre Verantwortung als Konsumenten wahrnehmen und vermehrt Produkte nachfragen, die sich um Ressourcenreduktion und Fairness bemühen. Mit ein wenig Glück wächst dann das Angebot stetig weiter, und das Thema wird über die Jahre von der Ausnahme zum Standard.

Autor:
Sonja Tautermann

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