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Umfrage Fachkräftemangel: Wie Hidden Champions sich die besten Köpfe sichern

09.10.2019

Österreichs Weltmarktführer nützen einen bunten Strauß an Maßnahmen, setzen aber weniger finanzielle Mittel als KMU ein – eine Analyse von den Hidden- Champions- und Pricing-Experten Othmar Schwarz und Markus Rihs vom Beratungsunternehmen Simon-Kucher & Partners.

INTERVIEW STEPHAN STRZYZOWSKI

KMU tun sich laut eigenen Aussagen schwerer als Hidden Champions damit, Fachkräfte zu finden. Woran liegt das? Othmar Schwarz (S): Tatsächlich sagen zwei Drittel der KMU, dass es ihnen schwerfällt, Fachkräfte zu rekrutieren. Damit schätzen sie das Thema deutlich ernster ein als die Hidden Champions. Allerdings stellt das Thema auch für diese Top-Betriebe eine große Herausforderung dar. Leicht fällt das Rekrutieren von Fachkräften im Gegensatz zu zwölf Prozent der KMU gar keinem der befragten Hidden Champions. Das ist schon bemerkenswert.
Markus Rihs (R): Die KMU sind also generell negativer als die Hidden Champions eingestellt, doch es gibt zumindest einen geringen Anteil in dieser Gruppe, der keine Probleme sieht.
S: Der Grund, warum sich Hidden Champions leichter mit dem Recruiting tun, dürfte in der Fülle der Maßnahmen, die sie setzen, liegen. Für sie ist das Thema auch nichts Neues.

Wieso nicht?
S:
Weil sie in vielen Fällen schon seit Jahrzehnten in sehr speziellen Nischen als Innovationsführer tätig sind, die auch spezielle Qualifikationen erfordern. Entsprechend lange setzen sie schon diverse Aktivitäten.

Zum Beispiel?
R:
Die Maßnahmen reichen von Kooperationen mit Bildungsträgern über eigene Aus- und Weiterbildungsprogramme im Unternehmen bis hin zum Recruiting im Ausland.

Auf diese Maßnahmen setzen die KMU laut eigenen Aussagen auch – allerdings in geringerem Ausmaß.
R:
Diese Maßnahmen sind vermutlich nur ein Teil des Grundes, warum sich Hidden Champions leichter tun. Sie haben ja auch diverse Soft Facts auf der Habenseite. Gut ausgebildete Menschen in ihrer Region können sie mit Faktoren wie Sicherheit, Konstanz und einer hochinnovativen und internationalen Ausrichtung leichter für sich gewinnen als manches klassisches KMU. Es gibt sicher viel schwer Greifbares, was aber sicher zieht.

Obwohl die Lage in der Peripherie und die mangelnde Bekanntheit vieler Unternehmen oft als Nachteile genannt werden, haben weder KMU noch Hidden Champions bei der Umfrage diese Faktoren genannt. Woran könnte das liegen?
R:
Die Unbekanntheit relativiert sich mitunter durch einen professionellen Außenauftritt. Wenn Fachkräfte gezielt angesprochen werden oder selber nach einem neuen Job suchen und sich dann mit dem betreffenden Unternehmen befassen, finden sie mitunter rasch heraus, wie toll viele Betriebe sind. S: Da die gesuchten Qualifikationen häufig bereits jede Menge Berufserfahrung mitbringen sollten, sind es Menschen zu einem späteren Zeitpunkt der Karrierefindung. Und wenn man Erfahrung hat, kennt man viele Unternehmen und weiß, dass Welser, Frequentis oder Skidata zu den Top-Unternehmen ihrer jeweiligen Branche zählen. Bei den ganz Jungen ist das allerdings schwierig.

Unisono geben Hidden Champions und KMU dafür der Bildungspolitik, Überalterung sowie den Anforderungen der Digitalisierung die Schuld. Allesamt externe Faktoren. Zufall?
S:
Dass wir faktisch viel zu wenige Uni-Absolventen mit aktuell erforderlichen Daten- und IT-Fähigkeiten haben, ist bekannt. Daran ist nichts zu rütteln. Doch es kommt noch ein zweiter Punkt dazu: Wenn man z. B. auf Wirtschaftsunis fragt, träumen alle nur von großen Marken, Start-ups und den Top-Consultinghäusern. Von den ganzen extrem erfolgreichen, innovativen Hidden Champions, die die österreichische Industrie prägen, redet dagegen niemand. Hier bräuchte es mehr Aufmerksamkeit für unsere heimischen Top-Unternehmen.
R: Auch die spezialisierten Master-Lehrgänge haben diese Unternehmen kaum auf dem Schirm. Es gibt auch keinen Masterstudiengang, der auf HCs ausgerichtet ist. S: Die Herausforderungen existieren allerdings auf allen Ebenen und nicht nur bei höheren Qualifikationen. Eine Zuspitzung gibt es vor allem bei den Hidden Champions. Neue Qualifikationen aufgrund der Digitalisierung werden bei 82 Prozent der Hidden Champions als Treiber des Fachkräftemangels gesehen. Bei den KMU sind es nur 18 Prozent.

Kann das am unterschiedlichen Technologisierungsgrad liegen? Vielfach sind Österreichs Hidden Champions ja industrielle Unternehmen.
S:
Bestimmt. Die Hidden Champions sind aber generell für Innovation bekannt. Entsprechend dringend benötigen sie Fachkräfte, die auf dem letzten Stand der Technik sind. Und das betrifft alle Unternehmensbereiche. Wir sprechen also nicht nur vom vielzitierten Data-Scientist.

Hidden Champions verlieren langsam das angestaubte Image der herstellenden Industrie. Othmar Schwarz

Wenn man sich ansieht, mit welchen Maßnahmen die beiden Gruppen dieser Herausforderung begegnen, zeigt sich, dass Hidden Champions vorwiegend auf Kooperationen mit Bildungsträgern und KMU auf hohe Gehälter setzen. Machen es sich die KMU zu einfach?
R:
Oder ist das andere zu schwer für sie?
S: Sie sind vermutlich in vielen Fällen zu klein für solche Kooperationen. Sie können vermutlich auch nicht alle Register ziehen und müssen sich auf andere Maßnahmen fokussieren. Was ich spannend fand, waren die Investitionen in Human Ressources und Recruiting. Hidden Champions gaben an, nur ein Prozent ihres Umsatzes einzusetzen – was ich wenig fand. Und bei den KMU sind es rund 3,8 Prozent. Sie investieren also deutlich mehr. Die Frage ist nur, ob KMU da die höheren Gehälter einrechnen und Hidden Champions vielleicht allgemeine Investitionen für Bildungskooperationen in der Region wiederum nicht R: Vielleicht müssen sie auch mehr für Personalsuche ausgeben, weil sie weniger Rücklauf bekommen und externe Agenturen benötigen.

Die Unbekanntheit relativiert sich mitunter durch einen professionellen Außenauftritt. Markus Rihs

Hidden Champions setzen insgesamt auf einen breiteren Strauß an Maßnahmen. Ist das eine Frage des Spirits? Tun sie sich generell leichter, Komplexität zu meistern?
S:
Sicherlich. Hidden Champions sind gewohnt, mit sich ändernden Herausforderungen umzugehen und immer zu innovieren und über den Tellerrand zu schauen – das liegt in ihrer DNA. Ihr Fokus bleibt stets auf ihrer Nische, da sind sie top. Zweitens: Vielfach sind die Hidden Champions größere Betriebe, die mehr Möglichkeiten haben.

Beim Blick in die Zukunft sehen KMU in Bezug auf den Fachkräftemangel eher schwarz, die Hidden Champions sind optimistischer. Liegt das daran, dass die Weltmarktführer Schwankungen besser durch ihre globale Aufstellung abfedern können?
S:
Die internationale Ausrichtung hilft sicher in vielen Fällen. Was den Hidden Champions aber generell gemein ist: Sie gestalten Veränderung aktiv und nicht reaktiv. Sie analysieren, was sie machen müssen, und stellen sich zeitgerecht ein. Wenn Firmen etwa gemeinsam einen Bildungs- Campus in ihrer Region errichten, dann hat das eine strategische Bedeutung und passiert nicht von heute auf morgen. Ich würde also meinen, dass der Optimismus daran festzumachen ist, dass sie besser auf einen konjunkturellen Abschwung vorbereitet sind.

Dennoch planen 50 Prozent der Hidden Champions, im kommenden Jahr ihren Mitarbeiterstand zu reduzieren. Wie passt das zusammen?
S:
Das hat mich auch verwundert. Vor allem, wenn man diese Aussage in Relation zur wirtschaftlichen Entwicklung setzt. Immerhin 60 Prozent der Hidden ChamChampions gehen von gleichbleibender oder wachsender Umsatzentwicklung aus. R: Wenn ein Betrieb nur zehn Mitarbeiter hat, ist die Beziehung wesentlich enger. Da wird man länger zu warten, bevor man Maßnahmen setzt. Ein Unternehmen mit ein paar Hundert Mitarbeitern ist da vielleicht etwas eher bereit zu reagieren, wenn sich die Auftragslage ändert. S: Wahrscheinlich sieht man hier auch den Effekt, dass Hidden Champions bei der Digitalisierung von Prozessen weiter vorangeschritten sind als die restlichen KMU. Damit können Sie einfach schneller und flexibler auf eine eventuelle Eintrübung der Konjunktur reagieren.

Was können sich KMU von Hidden Champions beim Recruiting abschauen?
S:
Die Hidden Champions verlieren langsam das angestaubte Image der herstellenden Industrie. Auch wenn sie vielleicht klassische Produkte herstellen, die nicht so sexy wie ein iPhone sind. Aber: Die Betriebe sind zum Teil mittlerweile innovativer bei Vertriebsansätzen, bei der Digitalisierung von Prozessen oder bei globalen Wachstumsstrategien als so mancher bekannter internationaler Konzern. Das macht sie für Fachkräfte sehr spannend. Auch die Kooperationen mit Start-ups ziehen andere Köpfe an. Bei dieser Kultur der Offenheit und der Kooperation können auch klassische Betriebe sicher Anleihen machen.

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