Treue ist Sabotage an der Produktion | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Treue ist Sabotage an der Produktion

17.12.2015

Ach, wie schön wäre Treue. Doch wir leben in einer Kultur bedingungsloser Untreue.Was nicht taugt, wird ersetzt. Reparieren – wozu? Treue ist eine Untugend geworden.

Armbanduhren: 16 Stück, Anzüge: 8, Krawatten: 44, Schuhe (in Paaren): 24, Autos: 3, Frau (offiziell): 1. Hohe Sammelleidenschaft, Austauschbereitschaft bei Defekten: groß (Frau aus ethischen Gründen ausgenommen). Ungeduld: enorm. Betriebsmodus: Haben! Haben!

Alles muss funktionieren. Funktioniert es nicht, wird es ersetzt. Sofort! Worauf soll ich warten? Sehen Sie, meine Frau ist Taschensammlerin. Eigentlich lustig, dass gerade sie mir meine mangelnde Treue vorhält. Aber kennt sie etwa Treue? Nein, keine Spur. Ihr Kleiderschrank, ihr Schuhkästchen und überhaupt alles im Haushalt besteht aus Gegenständen, die permanent durch neue ersetzt werden. Sie kann sich nächstes Jahr nicht mit dem Fummel blicken lassen, den sie gerade kauft. Sagt sie.

 

Wir kaufen Lebensmittel ein, haben keine Ahnung, wie man sie verwertet – genau genommen, haben wir auch keine Zeit dafür –, und wenn sie zu schimmeln beginnen, werfen wir sie weg. Aber bitteschön: alles Bio und Fairtrade, weil da bin ich schon sehr achtsam! Wir kaufen so viele elektronische Geräte, dass wir im Wohnzimmer einen eigenen Kasten für die Aufladekabel haben und einen elektronischen Friedhof in der Garage. Ich habe irgendwo mein Smartphone verlegt, dummerweise in der Nähe unseres elektronischen Friedhofs. Ich finde es nicht mehr. Suchen zahlt sich nicht aus. Ich kaufe mir ein neues. Dinge warten und reparieren? Lächerlich. Das Neue kostet weniger und kann mehr: anschaffen, nutzen, wegwerfen.

Und dann heult mich meine Frau permanent wegen Treue an. Treue ist Sabotage an der Produktion. Eine Untugend! Wir sind in unserer Familie allen Dingen und Marken gegenüber absolut untreu. Nichts, absolut nichts, hat Bestand in unserem Bewusstsein. Alles ist auf Erneuerung angelegt. Der alte Scheiß von morgen interessiert mich nicht.

 

Das einzig Unangenehme ist die Leere, diese große Leere in mir. Ich fülle sie immer schneller auf mit Kisten von Bordeaux und einem neuen Soundsystem für die Wohnung und meiner siebzehnten Armbanduhr. Vielleicht kommt die Leere auch daher, dass die Kunden meiner Firma so wankelmütig geworden sind. Ich kann tun, was ich will, sie kommen zu mir und dann monatelang nicht mehr. Warum um alles in der Welt? Was ist nur mit diesen blöden Kunden los, dass sie nicht bei mir bleiben? Gebe ich denn nicht alles für sie? Alles, wirklich alles? Ich werde wohl älter, verdammt, ich werde älter. Ich habe jetzt schon das Gefühl, dass ich umso älter aussehe, je rascher die Gegenstände um uns wechseln und je teurer und moderner sie werden.
Dieser unendliche Wechsel und der mangelnde Bestand laugen mich aus. Ich muss repariert werden. Fred ist Chirurg. Ich rufe ihn an, und er soll mich reparieren. Fred sagt: „Reparieren ist out. Das zahlt sich bei einem alten Modell nicht mehr aus." Was mache ich jetzt?

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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