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Trauben statt Palmöl

24.11.2017

Martin Saahs und Günter Stöffelbauer bieten die erste Demeterzertifizierte Traubenkernkosmetik der Welt an. Statt Palmöl und Sheabutter kommen Safran und Traubenkernöl aus dem Wachauer Familienbetrieb in die Hautpflege- Produkte.

TEXT: ALEXANDRA ROTTER

„Die Safranernte geht gerade dem Ende zu“, erzählt Martin Saahs: „Es schaut nach einem Rekordjahr aus.“ Das sind gute Nachrichten für den jungen Wachauer. Er verwendet das hochbegehrte Lebensmittel für seine demeterzertifizierte Kosmetikprodukte „dieNikolai“, die er im März 2016 auf den Markt gebracht hat. Weltweit gibt es nur eine Handvoll weiterer Demeter-Kosmetik-Marken. Neben Safran kommen auch andere Zutaten aus dem biodynamischen Eigenanbau des Familienbetriebs in Mautern in die Pflegeprodukte – darunter etwa Holunder, Lindenblüten und vor allem Traubenkernöl. Schon 2016, im ersten Jahr von dieNikolai, gelang es Martin Saahs und seinem Co-Geschäftsführer Günter Stöffelbauer, rund 3.000 Kosmetikprodukte zu verkaufen. Dass diese hohe Absatzzahl schon zu Beginn gelang, liegt unter anderem daran, dass Demeterprodukte immer beliebter werden. Bio ist massentauglich und auch mit dem Begriff Demeter, also Produkten aus dem biologisch-dynamischen Anbau, können immer mehr Menschen etwas anfangen.

NATÜRLICHER KREISLAUF

Die biologisch-dynamische Landwirtschaft wurde von Rudolf Steiner entwickelt. Auf ihn gehen etwa auch die Waldorfschulen zurück. Martin Saahs erklärt: „Die Idee dahinter ist, den natürlichen Kreislauf in der Landwirtschaft aufrecht zu erhalten.“ Demeter-Landwirtschaft ist anspruchsvoller als Bio-Anbau. Im Gegensatz zu Bio-Bauern verzichten Demeter-Landwirte nicht nur auf Pestizide oder Herbizide, sondern setzen bewusst Maßnahmen, um der Natur die Nährstoffe zurückzugeben, die ihr durch den Anbau entzogen wurden. Sie vergraben etwa mit Kuhdung gefüllte Kuhhörner, um den Boden wieder zu stärken, oder verteilen in kalten Winternächten Baldrian auf ihren Feldern, um Frostschäden an den Pflanzen zu verhindern. Zweiteres hat bei Familie Saahs im vergangenen Winter bereits gut funktioniert. Durch Demeter werden die Pflanzen robuster – wie das Immunsystem des Menschen, wenn Keime nicht ständig durch Antibiotika abgetötet werden. Martin Saahs ist in gewisser Weise ein Pionier, da er die erste Demeter-zertifizierte Traubenkosmetiklinie weltweit auf den Markt brachte. Auch seine Eltern haben vor mehr als 40 Jahren einen revolutionären Schritt gesetzt: Sie stellten 1971 auf biodynamische Landwirtschaft um – und wurden damals belächelt. Viele ihrer damaligen Kunden waren bei der Verkostung des Demeter-Weins von seiner Qualität überrascht und fragten: „Sind Sie sicher, dass der bio ist? Der schmeckt gar nicht schlecht.“ Mittlerweile gab es höchste Ehren von „Wine Advocate“, dem Magazin von Robert Parker, dem einflussreichsten Weinexperten der Welt: 2014 erreichte ein Riesling vom Nikolaihof 100 von 100 Punkten.

DEMETER-VIRUS

Martin Saahs ist das jüngste von vier Kindern. Auch alle Geschwister sind mit dem Demeter-Virus infiziert. Sein ältester Bruder Nikolaus übernahm vor zwölf Jahren das Weingut. Elisabeth, eine der Schwestern, betreibt mit ihrem Mann das Gästehaus Nikolaihof. Die andere Schwester ist anthroposophische Kinderärztin – die weltanschauliche Strömung Anthroposophie geht ebenfalls auf Rudolf Steiner zurück. Dieser Hintergrund war es, der Martin Saahs zur Gründung einer Demeter-Kosmetiklinie ermutigte. Er kehrte dafür wieder in seine Heimat zurück, nachdem er in Spanien, China, England und den USA unterwegs war, um Wirtschaft zu studieren und einen MBA zu absolvieren. Zuletzt arbeitete er als ganzheitlicher Unternehmensberater in Wien, bis er in die Wachau zurückkehrte. „Für uns ist es gut, dass wir nicht bei null anfangen müssen, sondern die Synergien vom Weingut nutzen können“, sagt Saahs: „Sonst wäre es unmöglich gewesen, Fuß zu fassen.“

Die Gäste, die zum Essen und Trinken an den Nikolaihof kommen oder Urlaub im Gästehaus des Nikolaihofs machen, nehmen auch die neuen Cremes aus Traubenextrakten, Safran und Co gut an. Rund ein Drittel des Vertriebs machen Saahs und Stöffelbauer im hauseigenen Hofladen. Zirka 50 Prozent setzt dieNikolai im stationären Handel, also in Naturkosmetikund Bioläden sowie Apotheken ab – die Produkte stehen bei 55 Händlern in den Regalen. Rund 20 Prozent des Verkaufs laufen über Online-Shops, allen voran die Plattform Ecco Verde, die rund 100 Länder beliefert. Hier zeigt sich der Synergieeffekt mit dem bestehenden Familienbetrieb stark: Bei Ecco Verde kaufen vor allem Österreicher die Nikolai-Produkte, an zweiter Stelle kommen Deutsche und an dritter Stelle US-Amerikaner. Saahs: „Das hat uns überrascht, denn wir hätten eher mit Italien gerechnet, wo viele Blogger über uns schreiben.“ Doch es lässt sich erklären: „Viele Besucher am Nikolaihof kommen aus den USA.“ Dort lernen sie die Kosmetikprodukte kennen und bestellen, wieder zu Hause, Nachschub über Ecco Verde.

GROSSE ZIELE

Für die nächsten Jahre haben sich Saahs und Stöffelbauer viel vorgenommen. Saahs: „In den ersten drei Jahren wollen wir die Absatzzahlen pro Jahr verdoppeln.“ Für 2017 ist er schon optimistisch und strebt sogar einen Absatz von 10.000 Produkten an, was eine Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr wäre. Bisher flossen rund 400.000 Euro Investment in das Unternehmen, das neben den beiden Geschäftsführern auch drei Teilzeit-Mitarbeiter beschäftigt. Ein Viertel des Umsatzes ist mit Export und internationalen Partnern geplant, wobei Deutschland das wichtigste Vertriebsziel ist. Im Februar 2018 ist dieNikolai erstmals auf der Weltleitmesse für Naturkosmetik, der Vivaness in Nürnberg, vertreten. Es geht zudem verstärkt in die Hotellerie: Eigene Anwendungsvideos werden den Kosmetikerinnen zur Verfügung gestellt. Aber nicht nur das Vertriebsnetz, auch die Produktpalette soll erweitert werden – um Haar- und Körperpflegeprodukte wie Duschgel, Shampoo und Body Lotion. Zuletzt kam im Sommer ein Augenserum heraus, das aus Rebwasser hergestellt wird, der sogenannten „Träne des Weinstocks“. Dieser Saft, an dessen Wirkung schon die Römer und Hildegard von Bingen glaubten, tropft im Frühjahr aus den Anschnitten der Rebstöcke, wo er in Flaschen aufgefangen wird.

Das ständige Entwickeln neuer Produkte ist notwendig: „Kosmetik ist ein ‚Fast Moving Consumer Good‘: Der Konsument will, dass sich etwas tut“, sagt Martin Saahs. Eines wird dennoch deutlich: Ein respektvoller Umgang mit der Natur muss nicht im Widerspruch zu wirtschaftlichen Interessen stehen. Doch die Anforderungen sind hoch: So ist es nicht leicht, auf praktische und billige Rohstoffe wie Palmöl oder Sheabutter zu verzichten. So war und ist viel Laborarbeit nötig, um gute und haltbare Produkte aus Obers, Bienenwachs, Rapsöl und Kokosnussfleisch zu entwickeln. Und es gibt auch natürliche Grenzen in Hinblick auf die verfügbaren Rohstoffe in Demeter-Qualität: Demeter-Safran gibt es zum Beispiel nur aus dem Eigenanbau. Gut also, dass heuer eine Rekordernte bevorsteht.

„Kosmetik ist ein ‚Fast Moving Consumer Good‘: Der Konsument will, dass sich etwas tut.“

Autor/in:
Alexandra Rotter
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