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Träume für große Kinder

12.09.2018

Vor fast 20 Jahren hat Andreas Stadlbauer die Carrera-Rennbahn gerettet. Heute produziert sein Salzburger Familienunternehmen jährlich fast vier Millionen Autos. Das Fahrerlebnis kommt realen Rennstrecken immer näher.

Im Jahr 2019 hat das Salzburger Spielwarenunternehmen Stadlbauer Grund zu feiern: Dann wird es zwei Jahrzehnte her sein, dass die Firma die Marke Carrera übernommen und damit begonnen hat, eine Erfolgsgeschichte zu schreiben. Mittlerweile ist Stadlbauer mit Carrera nämlich zum Weltmarktführer im Bereich Autorennbahnen für zuhause geworden. Stadlbauer war schon seit den 1960er Jahren Carrera- Generalvertreter am österreichischen Markt und entschied 1999, Rennbahnen und Autos ab sofort selbst herzustellen. Das war womöglich die Rettung der beliebten Spielzeug-Autos.

Spielzeug – das hört Geschäftsführer Andreas Stadlbauer, der damals frisch im Familienunternehmen mitarbeitete, übrigens nicht gern: „Wir positionieren Carrera nicht als Spielzeug, sondern als Motorsport für zuhause.“ Die Atmosphäre echter Rennstrecken in die eigenen vier Wände transferieren – das ist sein Ziel. Und er denkt, dass mit dem „Geschicklichkeitsspiel“ ein wichtiges Grundbedürfnis abgedeckt wird, das Teil der Evolution ist, nämlich „schneller und besser zu sein und jemanden zu besiegen“. Stadlbauer bietet diese Möglichkeit durch Autorennen in kleinem Maßstab an.

HERZ UND RECHNER

Andreas Stadlbauer, der das Unternehmen in dritter Generation leitet, interessiert sich für alles rund ums Auto – egal in welcher Größe. Während er als Kind mit kleinen Autos spielte, sind es jetzt durchaus auch die großen Exemplare, die es ihm angetan haben: „In der Kindheit nennt man es Spielen, im Erwachsenenalter Hobby.“ Er fuhr früher sogar selbst in der Formel Renault mit. Heute führt er, wenn das Wetter schön ist, gerne sein Oldtimer-Cabrio aus. Wenn nicht, wird ein anderes Vehikel auf vier Rädern gewählt.

Die Begeisterung für fahrbare Untersätze aller Art wurde Stadlbauer in die Wiege gelegt: „Mein Vater war ein Autospinner. Ich bin ein Autospinner. Ich bin bei allem, was mit dem Thema Motorsport zu tun hat, begeistert dabei.“ Er zitiert mit einem Augenzwinkern ein bekanntes Sprichwort: „The only difference between men and boys is the size of their toys.”

Und so überrascht es wenig, dass Stadlbauer auch große Freude daran hat, „Autos, die ich mir nicht leisten kann, selbst zu bauen“. Und auch die Kunden haben Freude an den Miniatur-Rennautos und -Rennbahnen, denn so können sie immerhin „in klein“ mit einem Ferrari, Porsche oder Mercedes düsen. Mit den „Traumautos“ im kleinen Maßstab verkauft Stadlbauer Träume, wie er sagt.

LEIDENSCHAFT UND KALKÜL

Die Entscheidung, Carrera selbst zu produzieren, sei sowohl eine Herzensangelegenheit als auch nüchternes betriebswirtschaftliches Kalkül gewesen. Vor rund zwanzig Jahren suchten Stadlbauers Vater und er gezielt nach Marken, die sie selbst produzieren können. Dass Carrera damals aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten einen Abnehmer brauchte, kam da gerade recht. Stadlbauer: „Das Produkt war immer attraktiv.“ Und so hat sich das Familienunternehmen Stadlbauer, das seit mehr als 60 Jahren am Spielwarenmarkt aktiv ist, vom Distributeur zum Hersteller gewandelt. Und auch heute noch erzeuge Carrera „ein Leuchten in den Augen der Menschen“.

EXKLUSIVE VERTRÄGE

Die Entscheidung erwies sich als richtig. Heute produziert Stadlbauer fast vier Millionen Autos jährlich, dazu kommen die Rennbahnen und allerlei Zubehör wie Boxengebäude, Zusatzschienen, Figuren und Ersatzreifen. Rund 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen mit Carrera – der Rest entfällt auf andere Eigenmarken wie etwa Pustefix, Schildkröt und Baufix. Stadlbauers Vision ist, besonders auf Marken zu setzen, die international vermarktet werden können. Auf Carrera trifft das zu. Schließlich vertreibt Stadlbauer Carrera-Produkte von Amerika über Afrika und Asien bis nach Australien. In den USA betreibt Stadlbauer ein Tochterunternehmen. Unter anderem in Italien und Frankreich gibt es Vertriebsniederlassungen. Dennoch ist der Kernmarkt für Carrera nach wie vor die DACH-Region, wo Stadlbauer laut Eigenangaben einen Marktanteil von 96 Prozent erreicht.

GENERATIONENÜBERGREIFENDE FASZINATION

Stadlbauer betont, dass Carrera alle Generationen anspricht. Die Hauptzielgruppe sind allerdings Kinder bis zum Alter von etwa 12 Jahren. Schon für die Kleinsten ab drei oder vier Jahren gibt es Produkte. Wieder Interessant werden die Rennen in den eigenen vier Wänden wieder, wenn der Führerschein gemacht wird – und schließlich wieder, wenn der Nachwuchs kommt.

Mit Disney Cars, Ferrari und Red Bull hat Carrera Exklusivlizenzen, teilweise auch mit Mercedes. Oberstes Ziel: Der Realität so nah wie möglich zu kommen: „Wir beobachten genau, was in der großen Welt vorgelebt wird und versuchen das zu reproduzieren.“ Worauf man etwa sehr stolz ist, ist die Digitalisierung der Rennstrecke. Auf analogen Strecken kann pro Bahn nur ein Auto fahren. Die digitale Technologie macht es möglich, Spuren zu wechseln, zu überholen und eine Ideallinie zu fahren – was es spannender macht, gegeneinander zu fahren.

VIRTUELLE REALITÄTEN

Innovationen wie diese sind für Stadlbauer sehr wichtig. Autos und Rennbahnen werden intelligenter und enthalten immer mehr Elektronik, Sensorik und Mechanik. Seit heuer baut Carrera auch die Autos der Formel E, des Elektro-Rennsports, in Kleinform nach. Dafür sei man zuerst skeptisch beäugt worden, aber Andreas Stadlbauer sieht hier viel Potenzial. Ab diesem Herbst wird es auch Carrera- Autos mit eingebauten Kameras geben, die mit einer Virtual-Reality-Brille verbunden werden können: So erlebt der Spieler sich, als säße er selbst im Auto.

Manchmal ist die Miniaturform ihren großen Vorbildern sogar einige Schritte voraus: So gibt es jetzt in Schweden die eRoadArlanda: Dabei handelt es sich um eine zwei Kilometer lange Autobahnstrecke, auf der sich wie bei einer Carrerabahn eine Schiene im Boden befindet. Diese lädt die Elektroautos, die darüber fahren, während der Fahrt auf. Selbst autonomes Fahren existiert bei Carrera bereits in Form rollender Hindernisse. Nur für die Freude beim Spielen – entschuldigung – Fahren sind Kinder und Erwachsene nach wie vor noch selbst zuständig.

Autor/in:
Alexandra Rotter
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