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Traditionsreicher Gerstensaft

15.04.2014

Seit 514 Jahren wird im Zillertal Bier gebraut. Damit bedient man einen kleinen regionalen Markt. So soll es auch über die 16. Generation hinaus bleiben.

Zillertal Bier in Zell am Ziller gegründet 1500 geführt in 16. Generation Überlebensmotto: in Generationen denken

Bier als austauschbare Massenware ist Martin Lechner zuwider. „In einem Gasthaus bestellt man ein Bier und bekommt irgendwas“, ärgert sich der 48-jährige Geschäftsführer von Zillertal Bier, einer Tiroler Brauerei, deren Tradition mehr als ein halbes Jahrtausend zurückreicht. Für Wein hingegen bezahle man gerne mehr und lege Wert darauf, welchen man bekomme. Zillertal Bier will das Image des Gerstensaftes ändern. Dosenpaletten gibt es hier keine, stattdessen wird oft in bauchigen Gläsern serviert, und einige „Bierspezialitäten“ genannte Produkte werden in einer Champagnerflasche abgefüllt. Bier soll hier kein schnödes Rauschmittel, sondern edler Genuss sein – und auch so aussehen.

Im Jahr 1500, am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, erhielt das „Polsingerhaus“ in Zell am Ziller vom Erzbistum Salzburg das Recht, Bier und Branntwein herzustellen. Es war der Beginn von Zillertal Bier. 66 Jahre später erwarb Josef Hochbichler das Haus und wurde damit Tirols erster freier Bierbrauer. Bis heute ist das Unternehmen im Besitz der direkten Nachkommen Hochbichlers.

Produkt der Frische
Ende 2012 wurde die neue Brauerei in Zell am Ziller eingeweiht. Mitten im Zillertal, eingebettet in die Tiroler Bergwelt, steht das vierstöckige Gebäude mit der imposanten Glasfront. Vor der Eingangstür finden sich auf einer kleinen Grünfläche alle Zutaten, die ein Bierbrauer braucht: Wasser, Gerste und in die Höhe ragende Hopfenranken. 60.000 Hekto-liter Bier werden hier jährlich gebraut – nur für den lokalen Markt, denn außerhalb Tirols sucht man Zillertal Bier vergeblich. „Bier ist ein Produkt der Frische“, sagt Martin Lechner, „und wir machen es nicht künstlich haltbar.“ Lange Lieferwege würden die Qualität beeinträchtigen, da verzichtet man in Zell am Ziller lieber auf große Expansionspläne und Geschäfte in weiter Ferne. Der Vorteil davon sei, dass die Wertschöpfung in der Region stattfindet, das erwirtschaftete Geld fließt nicht zuletzt durch Sponsoring lokaler Vereine wieder zurück in die Gesellschaft.
Für das jährliche Gauderfest, zu dem mehr als 30.000 Gäste nach Zell am Ziller kommen, wird ein eigenes Bier gebraut: der Gauderbock, das stärkste Festbier Österreichs. Früher war das Fest ein lokales Ereignis für die Landwirte, hier wurden die Absprachen für die Almsaison getroffen. Heute ist es eines der größten Volksfeste überhaupt.

Investition für kommende Generationen
Fünfzig Mitarbeiter werken in der Brauerei, 17 Angestellte im betriebseigenen Hotel, das eine noch längere Geschichte hinter sich hat. Der Hopfen stammt aus dem Mühlviertel, die Gerste und der Weizen aus Ober- und Niederösterreich. Rohstoffe aus Frankreich wären billiger, „doch wir fahren eine strikte Qualitätsphilosophie“, sagt Lechner.

Keine Aktionäre und keine Gesellschafter sitzen dem Geschäftsführer im Nacken, die Dividenden aus dem Unternehmen holen wollen. Oft werde in Dinge investiert, die sich erst in fünf bis zehn Jahren amortisieren oder noch später. „Wir, für unsere Generation, hätten etwa den alten Standort saniert und keine neue Brauerei gebaut“, sagt Lechner. Es wäre billiger gewesen. Doch die Entscheidung fiel mit Blick auf die nachfolgenden Generationen: „Wir können nachhaltig sowie vorausschauend über Generationen hinweg planen und sind nicht Shareholder-Value-gesteuert.“

Text: Florian Gasser

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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