Direkt zum Inhalt

Tipps vom Innovationsexperten: So rettet man Ideen

11.10.2017

Wir wissen immer sehr schnell, warum eine Idee völliger Schwachsinn ist. Eine Riesenverschwendung, sagt der Innovationspsychologe Christoph Burkhardt. Im Interview erklärt er, wie wir unsere Gedanken freimachen, warum er verheerende Kriege für wahrscheinlich hält und was unser Überleben sichern könnte.

Interview: Stephan Strzyzowski

Sie helfen als Innovationspsychologe Unternehmen dabei, Ideen zu entwickeln. Was hat Innovation mit Psychologie zu tun?
Menschen entwickeln Ideen für eine Zukunft, über die sie fast nichts wissen. Wenn wir fast nichts wissen, herrscht Unsicherheit. Hier kommt die Psychologie ins Spiel, da sie besser greift als das Management. Mein Job ist es vor allem, darauf zu achten, dass Ideen überleben. Weil Menschen naturgemäß nicht gut darin sind, sie am Leben zu lassen.

Warum stehen wir neuen Ideen so kritisch gegenüber?
Wir sind von Natur aus unglaublich skeptisch. Und zwar nicht nur fremden Ideen gegenüber, sondern auch den eigenen. Die meisten Ideen schaffen es deswegen auch nicht an die Oberfläche. Innovation basiert aber darauf, dass wir Ideen austauschen, die sich gegenseitig befruchten. Nur dadurch kann eine Evolution von Ideen entstehen. Jede Idee, die sofort verworfen wird, ist also ein verlorenes Potenzial. Selbst wenn sie nicht gut ist, stößt sie etwas an.

Wir halten neue Ideen aber leider immer für gefährlich. Was wir nicht erklären können, lehnen wir ab. Wir haben eine Tendenz, den Status quo zu bevorzugen, wissen aber gleichzeitig, dass sich die Welt verändert. Wir wissen, dass wir etwas tun müssen, wollen aber nicht.

Damit skizzieren Sie genau die Situation, in der aktuell extrem viele Unternehmer aufgrund der Digitalisierung stecken. Kann man diese Abneigung psychologisch aushebeln?
Ja, kann man! Es fällt zum Beispiel viel leichter, Ideen zu entwickeln, wenn es nicht um die eigene Zukunft geht. Ideen für ein Unternehmen zu generieren, bei dem wir nicht arbeiten, ist also wesentlich einfacher. Man muss auch versuchen, die Bewertung auszuschalten. Wenn man verhindert, dass Menschen für ihre Ideen bewertet werden, läuft es rund. Wir sind alle gut darin, Ideen zu entwickeln, die Kreativität ist nicht das Problem, sondern nur das Umfeld.

Aber kann man dann überhaupt für das eigene Unternehmen neue Ideen kreieren und innovativ sein?
Man kann. Wenn man Raum und Zeit schafft, in denen alles erlaubt ist. Schon eine halbe Stunde pro Woche kann einen Unterschied machen. Ohne den Druck, ein Resultat erzielen zu müssen. Während man im Prozess ist, sollte man nicht über das Ergebnis nachdenken müssen, weil man sich sonst einschränkt und alle Ideen sterben lässt.

Würden Sie dafür plädieren, eine fixe Struktur im Unternehmen zu schaffen, wo frei gesponnen werden kann?
Innovation funktioniert für verschiedene Unternehmen, Größen und Märkte unterschiedlich. Es geht immer darum, dass die Leute ihre spezifischen Grenzen überschreiten und ihre gewohnte Denke über Bord werfen.

Viele Unternehmen gründen darum kleine Einheiten aus, in denen neue Konzepte erprobt werden sollen. Ein sinnvoller Ansatz?
Nun, er ist oft mit der Hoffnung verbunden, dass die Kultur im kleinen Unternehmen sich dann in der Organisation widerspiegelt. Das funktioniert aber nicht! Der Kulturwandel bleibt immer aus, wenn es zu einer Ausgründung kommt. Es kommen zwar Ideen raus, die funktionieren würden, der Konzern nimmt sie aber nicht an. Weil die ja quasi von außen kommen. Die Herausforderung ist also wirklich, dass die Ideen von innen kommen müssen. Dafür braucht es Transformation. Wir können nicht einfach etwas Neues bauen, wir müssen transformieren, was schon da ist.

Wann ist eine Idee eine gute Idee?
Man muss sich ansehen, ob sie eine Lösung für ein Problem darstellt, das Leute wirklich haben. Dann wird sie funktionieren. Ganz viele Ideen werden aber nicht mit der Person im Kopf entwickelt, die ein Problem hat, sondern mit dem Fokus auf eine Technologie, die verfügbar ist. Nur weil wir etwas machen können, ist es noch nicht innovativ. Zwischen Idee und Markt muss schon eine Verbindung entstehen. Deswegen müssen wir am Markt und bei den Menschen anfangen. Und es muss klar sein, dass keine Idee ein Problem für immer lösen wird.

Sie leben und arbeiten im Silicon Valley. Warum gerade dort?
Wenn man verstehen will, woran die innovativsten Start-ups arbeiten, muss man vor Ort sein. Dort passiert einfach viel, was die Welt antreibt.

Und was entwickelt sich jetzt gerade?
Am spannendsten finde ich Predictive Analytics. Es geht dabei um alle Informationen, die man aus Big Data rausholen kann, um herauzufinden, was Kunden als Nächstes wollen. Wird das mit Artificial Intelligence kombiniert und mit Algorithmen, die automatisch lernen, wird es wirklich spannend. Es wird schon bald Systeme geben, die uns besser verstehen als wir uns selbst.

Sie haben Unternehmen wie Intel, Merck, Lufthansa, BMW und Siemens beraten. Was war Ihre Zielsetzung?
Der Auftrag ist immer, eine Innovationsstrategie und eine entsprechende Kultur zu entwickeln. Ich muss dabei unterstützen, neue Produkte, Prozesse und Dienstleistungen anders zu entwickeln als bisher. Man muss die Mitarbeiter dazu bringen, darüber nachzudenken, was ihr Geschäftsmodell ist. So wie BMW erkannt hat, dass sie nicht Autos bauen müssen, sondern Menschen von A nach B bringen. Erster Schritt ist also immer herauszufinden, ob sie überhaupt an der richtigen Frage arbeiten.

Wie kann die lauten?
Was tut eine Airline wirklich? Wen bringt sie zusammen? Warum fliegt man um die Welt? Das sind Fragen, die meistens keiner stellt, und dazu braucht man jemanden von außen.

Wenn es so in die Substanz des Geschäftsmodells geht, kann man dafür überhaupt die ganze Mannschaft gewinnen?
Die Menschen sind meistens zwar fähig, in die Zukunft zu denken, aber oft nicht willig. Es gibt immer Leute, die den Prozess zerschießen, aber das ist eine Minderheit. Selbst bei 25 %, die immer dagegen sind, kann man noch einen guten Prozess aufsetzen. Am Ende ist nämlich der Druck der 75 % sehr groß.

Die Zyklen werden immer schneller, das Moor’sche Gesetz schlägt voll zu. Wird der Zwang zu innovieren dadurch zur Neverending Story?
Das war schon immer so, aber die Geschwindigkeit hat jetzt noch einmal ordentlich zugenommen. Wir mussten schon immer Neues lernen, aber heute müssen wir es öfter tun. Es kann sein, dass wir aber jetzt vor so einem gravierenden Wandel stehen wie vor 12.000 Jahren, als der Mensch sesshaft wurde und Agrarwirtschaft begonnen hat. Aus meiner Sicht stehen wir erst am Anfang einer gigantischen Revolution.

Und wie sieht deren Ende aus?
Ich sehe zwei Szenarien: Wir steuern auf eine ganz extreme ökonomische Revolution zu. Durch den Einsatz von Robotik werden sehr viele Leute ersetzt, die trotzdem beschäftigt und versorgt werden müssen. Wenn wir sie auffangen können, schaffen wir vermutlich die nächste evolutionäre Stufe des Menschen. Wenn wir es aber nicht schaffen, besteht die Gefahr, dass wir uns durch Kriege rapide vermindern. Das war immer so. Im Moment ist es schwer abzusehen, in welches Szenario wir rutschen. Beides ist gleich wahrscheinlich.

„Wir wissen, dass wir etwas tun müssen, wollen aber nicht.“

Es wird wohl davon abhängen, ob die Politik genauso schnell handelt, wie sich die Technologie weiterentwickelt.
Vielleicht kommt es ja nun auch zu politischen Disruptionen und das System wird umgangen oder ersetzt. Ich glaube nicht, dass aus der langsamen politischen Diskussion sinnvolle Maßnahmen entstehen. Es werden eher Aktivisten auf den Plan treten. Wir erleben in Kalifornien schon jetzt, dass Firmen ihr Geld einsetzen, um politische Ideen zu fördern. Es wäre bei uns noch sehr seltsam, wenn Siemens politische Kampagnen schalten würde. Ich glaube aber, dass Unternehmen schon bald wie politische Institutionen agieren werden. Sie werden nämlich erkennen, dass sie etwas tun müssen.

Und wenn sie es nicht tun?
Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Kriegen kommt. Wir werden uns grundsätzlich bald die Frage stellen müssen, was uns Menschen ausmacht. Intelligenz ist sicher wichtig. Aber sie wird sehr wahrscheinlich durch künstliche Systeme ersetzt werden. Was bedeutet es also, Mensch zu sein? An dieser Frage entscheidet sich, ob es zum Zusammenbruch kommt. Robotik und künstliche Intelligenz sollen uns ja dienen. Aber tun sie das auch? Und wenn sie erst das alles können, was können wir dann? Wir müssen herausfinden, was unser Überleben sichert.

Was könnte es sein?
Menschen wachsen unterschiedlich auf und haben unterschiedliche Meinungen. Genau diese Diversität sorgt dafür, dass wir uns mit fremden Ansichten auseinandersetzen müssen. Wir kämpfen alle stets darum, die Wahrheit herauszufinden. Das können wir nicht alleine. Wir können die Welt nur gemeinsam verstehen. Wir brauchen den Austausch. Und umso verschiedener wir sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass irgendwer den richtigen Ansatz findet. Wenn wir überleben, dann weil wir so unterschiedliche Ansichten haben.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
Werbung

Weiterführende Themen

Die Motel One-App wurde komplett neu gestaltet.
Hotellerie
01.09.2020

Die Budget Design-Hotelgruppe hat die hauseigene Gäste-App komplett umgebaut und macht die Anwendung zum digitalen Reisebegleiter für die Tasche. 

Corona fördert die Digitalisierung.
Tourismus
19.08.2020

Die Gastronomie- und Tourismusbetriebe erleben harte Zeiten. Umso wichtiger ist es, auf neue Technologien zu setzen, um auf geänderte Rahmenbedingungen rasch reagieren zu können, meint Jochen ...

Meldungen
18.08.2020

ISS Österreich verstärkt in Salzburg und Oberösterreich mit Markus Schnöll (34) als Regional Manager West seit 1. August das Führungsteam.

Meldungen
05.08.2020

Die letzten Monate haben deutlich gezeigt, wie wichtig digitale Vertriebswege sind. Um Produkte erfolgreich über das Internet zu vertreiben, benötigen Unternehmen allerdings eine entsprechende ...

Meldungen
04.08.2020

Ein System wurde unlängt in Chile abgenommen und auch ein neuer Auftrag für französische Überseegebiete gewonnen. 

Werbung