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Technik aus Österreich: Schutz für den Himalaya

12.10.2017

Ein kleines Salzburger Familienunternehmen positioniert sich als absoluter Nischenplayer, der weltweit erfolgreich Kunden findet – mit einer sehr österreichischen Technologie.

Text: Peter Martens

Wenn die Ingenieure der Salzburger Firma Trumer einen neuen Schutzzaun für das Gebirge testen, machen sie manchmal gleich ein Video davon. Zu eindrucksvoll ist es, wie ein Betonblock von der Größe eines Kleinwagens am Seil hängend mit 28 Metern pro Sekunde den Erzberg hinuntersaust, um dann in voller Fahrt in die Netze des Schutzzauns zu knallen. Die stählernen Netze, aufgehängt zwischen wuchtigen Stützen aus Stahl, biegen sich weit nach hinten – und halten. Man ahnt, dass diesem Zaun auch der nächste und der übernächste Betonblock nichts anhaben wird.

Die Spezialität der Salzburger sind Hangsicherungen und Schutzsysteme gegen Steinschlag, Lawinen und Muren. Nach Fertigstellung ragen die Schutzbauten auf steilen Hängen silbernschimmernd in den Himmel – für Österreicher ein vertrautes Bild. Tatsächlich gehört die Alpenrepublik zu jenen Ländern, die diese Technologie ab den 1950er- Jahren als erste implementiert und seither immer weiterentwickelt haben. In keinem anderen großen Gebirge der Erde ist die Besiedlung so dicht wie in den Alpen. Die Straßen, Häuser und Menschen sind entsprechend gefährdet. Nirgends sonst sind auch die technologischen Kenntnisse über Schutzsysteme gegen Steinschlag oder Lawinen so hoch.

GEFRAGTE TECHNOLOGIE

Also bringt Trumer diese österreichische Technik hinaus in die Welt – und die Systeme werden immer gefragter. Weil sich einerseits mit der steigenden Bevölkerungszahl immer mehr Menschen in den Bergen ansiedeln, während der Klimawandel viel schneller und stärker einsetzt als erwartet und die Erosion massiv beschleunigt. Andererseits spricht sich allmählich herum, dass die stählernen Netze und Zäune wirklich schützen.

Heute stehen die Systeme des in Oberndorf ansässigen Herstellers an den Niagarafällen in Kanada, in den Rocky Mountains in den USA, in den Anden in Südamerika oder in Europa in den Karpaten und im Kaukasus – und natürlich in den österreichischen Alpen. In Russland waren große Projekte im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Sotschi der Türöffner für Folgeaufträge. Vertriebschef Markus Haidn sagt: „Gerade läuft es in Asien besonders gut, zum Beispiel in Indonesien und Indien. In Bolivien sind wir intensiv auf der Suche nach geeigneten Partnern vor Ort. Auch in Peru und Ecuador sehen wir großen Bedarf für unsere Schutzbauten.“

Das klingt ganz nach einem weltweit aufgestellten Konzern oder zumindest einem größeren Mittelständler – doch die Firma Trumer Schutzbauten, gegründet im Jahr 1991, zählt heute 25 Mitarbeiter und ist ein echter Familienbetrieb. Alle Komponenten werden weiterhin in Obertrum in Salzburg produziert. Alle Systeme werden in der firmeneigenen Testanlage am Erzberg in der Steiermark getestet. Dazu betreiben die Salzburger auch ein Testlabor bei sich daheim.

VOM ERZBERG IN DIE WEITE WELT

Doch die Exporte in weite Teile der Welt sind das, was Trumer von vielen anderen Betrieben dieser Größe unterscheidet. „Wir haben es geschafft, weltweit präsent zu sein. Aber wir sind in einer ziemlich kleinen Nische unterwegs, unsere Technologie ist außerhalb der europäischen Alpen nicht heimisch. Deshalb besteht die Schwierigkeit darin, diese Technologie fernab Europas bekanntzumachen“, erklärt Haidn.

Die Strategie der Salzburger: Zunächst in den Zielmärkten erste Kontakte zu Universitäten und Forschungsinstitutionen zu knüpfen, damit das Interesse zu wecken und sich dann lokale Partner vor Ort suchen. In der fränkischen Stadt Fürth, in Vancouver in Kanada sowie in Seattle in den USA ist Trumer bereits mit eigenen Niederlassungen präsent. In weniger entwickelten Märkten ist dagegen echte Expertise gefragt. Hier verweist Vertriebschef Haidn darauf, dass die Förderprogramme von „go-international“ der Außenwirtschaft Austria sowie die Vermittlungen der österreichischen Außenwirtschaftscenter vor Ort immer wieder hilfreich sind. Von anderer Seite würde er sich dagegen gerade für Mittelständler deutlich mehr Hilfestellungen und konkrete Informationen wünschen, etwa seitens der Österreichischen Kontrollbank.

SICHERHEIT AM DACH DER WELT

Wie es mit einem Exportauftrag in der Praxis klappen kann, zeigt ein unlängst abgeschlossenes Projekt in Nepal. Der Staat im Himalaya ist besonders stark vom Klimawandel und der Erosion des Hochgebirges betroffen. Markus Haidn, der seinen Master an der Universität für Bodenkultur in Wien über Lawinenschutzsysteme geschrieben hat, war selbst längere Zeit in Nepal – und knüpfte als Mitarbeiter von Trumer erste Kontakte in das Land. Und tatsächlich gewannen die Salzburger einen großen Auftrag im Himalaya – die Errichtung einer Schutzbarriere gegen Steinschlag in Nepal.

Übrigens war dieses System das erste seiner Art im gesamten Himalaya. Technisch für die Spezialisten kein Problem, logistisch schon eher. „Die Barriere bestand aus Stahlnetzen und fünf bis sechs Meter hohen Stahlstützen – jede davon wiegt bis zu 1.200 Kilogramm. Doch man kann nicht einfach einen Container von Obertrum nach Nepal buchen“, erzählt Haidn.

Also starteten die Salzburger mit diesem Auftrag eine enge Partnerschaft mit dem nepalesischen Ingenieurbüro Geotech Solutions International (GSI), das den Transport und die Umsetzung vor Ort intensiv mitbetreut hat. Die Stahlkomponenten kamen per Schiff nach Indien, dann per Lastwagen nach Nepal, und zum Schluss mit Hubschraubern der nepalesischen Armee in ihre Verankerungen im Gebirge.

Heute arbeitet das nepalesische Unternehmen GSI in der Region weiter an gemeinsamen Projekten mit Trumer. Für die Bauingenieure und Techniker aus Nepal ein Grund, öffentlich voller Stolz auf alle Schritte in dieser Kooperation zu verweisen. Auf ihrer Homepage schreibt die Firma: „GSI ist das erste Unternehmen, das österreichische Technologie für Steinschlagschutzbauten nach Nepal bringt.“

Auch für die Österreicher war der erste Auftrag auf dem Dach der Welt alles andere als alltäglich. Doch wieder zurück daheim, wachte Markus Haidn eines Tages in der Früh auf und ertappte sich beim Gedanken: „Zu Hause ist es doch am schönsten.“

„Nepal ist besonders stark vom Klimawandel und von der Erosion des Hochgebirges betroffen.“

Autor
Peter Martens

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