Talent ist nur ein Baustein | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Talent ist nur ein Baustein

28.06.2017

Wie man an die Weltspitze kommt? Indem man sich auf eine Insel zurückzieht. Wie diese Insel aussehen muss, und warum das Mittelmaß so unerträglich ist, erklärt Manfred Hückel, CCO von Red Bull im Interview.

An die Weltspitze kann es jeder schaffen, der wirklich will, meint Manfred Hückel. Die nötige Disziplin vorausgesetzt.

Interview: Stephan Strzyzowski

Als Chief Commercial Officer von Red Bull sind Sie seit über 20 Jahren in die weltweite Vermarktung des Unternehmens eingebunden, in deren Zentrum das Sponsering von Sportlern steht. Welche Strategie steckt dahinter? Die Philosophie von Dietrich Mateschitz war von Anfang an, vor allem auf die Persönlichkeit der Athleten zu achten. Also: Passt die Art des Sportlers zur Marke, hat er den Charakter und das Durchhaltevermögen, um mit seinem Talent bis an die Spitze zu kommen? Talent haben ja viele, es ist aber nur ein kleiner Baustein für den Erfolg. Wichtig war dabei immer auch eine langfristige Loyalität, das heißt ein Zusammenhalten, wenn es einmal nicht so gut läuft. So sind teilweise jahrzehntelange Partnerschaften und Freundschaften entstanden, zum Beispiel mit Andi Goldberger, Robbie Naish und Gerhard Berger ...  

Fest steht, dass Sie Sportler brauchen, die Weltklasse sind, damit die Werbung funktioniert. Wie ticken sie?
Ein erfolgreicher Handballtrainer hat mir einmal dazu erklärt: „Ich hasse Mittelmäßigkeit! Entweder ein Spieler spielt richtig gut oder so schlecht, dass es wieder ganz unterhaltsam ist. Aber das Mittelmaß kann ich nicht akzeptieren.“ Es zeichnet die Spitzenathleten und deren Coachs also aus, dass sie nie mit der Mittelmäßigkeit zufrieden sind und sich dadurch aus der Masse herausheben. Sie vergleichen sich ständig mit den Besten der Welt und nicht nur mit ihrem Umfeld. Sie wollen herausfinden, was die Weltbesten anders machen, wodurch sie so überragend geworden sind. Und sie wollen arbeiten, hart arbeiten, damit sie ihre eigenen Stärken auf einen Level bringen, den niemand anderer erreichen kann.

Im Sport, genau wie in der Wirtschaft, wird erwartet, dass ständig neue Bestmarken durchbrochen werden. Kann man heute nur mehr mit absoluter Exzellenz im Spiel bleiben?
Das Gute war immer schon dem Besseren unterlegen. Und je mehr der Wettbewerb zunimmt, desto weniger reicht das Gute, um zu gewinnen. Wenn man an die Spitze will, muss man über Stärken verfügen und an diesen arbeiten, bis sie exzellent sind, also allen anderen überlegen. Die Schwächen sind dabei irrelevant. Es sind die ausgeprägten Stärken, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Welche Eigenschaften müssen die Sportler dafür mitbringen?
Zunächst ein gewisses Talent, oder besser eine Veranlagung. Wenn jemand Schwimmer werden will, obwohl er aufgrund seiner körperlichen Voraussetzungen ein paar Zentimeter tiefer im Wasser liegt als die anderen, wird er schnell den Spaß am Wettkampf verlieren. Aber Talent haben sehr viele. Viel wichtiger ist es, dass sie den Charakter mitbringen, um eine langfristige Mission durchzuhalten. Erst wenn man zehn Jahre und länger mit Hingabe trainiert, wird man wirklich gut. Diese Hingabe sollte natürlich vom Sportler selbst kommen und nicht von einer Eislaufmama aufgezwungen werden. Ansonsten hört man auf, sobald man frei entscheiden kann.
Vermutlich braucht es auch gewisse Ressourcen für den Weg an die Spitze. Damit ein Athlet sein Talent und seinen Charakter bis zur Weltklasse entfalten kann, benötigt er natürlich ein Umfeld, das ihm diese Entwicklung ermöglicht. Und genau bei diesem Umfeld kann man von außen Einfluss nehmen, hier kann man Weltmeister machen. Man kann sich das wie eine Insel vorstellen, eine Island of Excellence. Wenn der Athlet mit Talent und dem richtigen Charakter Zugang zu so einer Insel hat, dann kann er sich darauf zur absoluten Weltklasse entfalten.

Wie funktioniert so eine Island of Excellence?
Auf der „Island of Excellence“ haben alle eine gemeinsame Mission, also ein langfristiges Ziel, auf das sie gemeinsam hinarbeiten. Das kann zum Beispiel eine Olympiamedaille sein oder ein Meistertitel, also ein Ziel, das in der fernen Zukunft liegt und dem alles andere untergeordnet wird. Sobald diese Mission besteht, wird jede Entscheidung leichter. Man muss sich immer nur fragen, bringt uns das unserem Ziel näher oder nicht?

Neben der Mission sind die gemeinsamen Werte ebenso wichtig. Also die Art und Weise, wie die Mission erreicht werden soll. Machen wir das als Team oder als Einzelkämpfer? Spielen wir sportlich fair, oder lassen wir unsaubere Methoden zu? Diese grundlegenden Fragen sind zu klären, um auf dem gemeinsamen Weg nicht auseinandergerissen zu werden. Nach der Mission und den Werten braucht es unbedingt exzellentes Coaching, also Training, das auf die Stärken der Athleten eingeht und ihre Waffen noch schärfer macht. 
Funktioniert diese Methode auch, wenn nur bescheidene ­Mittel zur Verfügung stehen? Ja, denn Budgets, die Größe des Umfelds oder der Organisation sind überschätzte Faktoren. Richtig gute Leute setzen sich auch in einer Organisation durch, die ein heilloses Durcheinander ist.

Was hat Red Bull mit diesem Konzept erreicht?
Als Beispiele sind aus der Red Bull Welt wahrscheinlich die Fußballakademien in Brasilien, New York, Leipzig oder in Liefering bekannt, wobei Letztere mit dem Gewinn der UEFA Youth League absolute Weltklasse gezeigt hat. Weniger bekannt ist das Engagement von Red Bull im Juniorenhandball. Mit einem Jahrgang des Juniorennationalteams wurde unter Einbeziehung des Red Bull Diagnose- und Trainingszentrums ein Umfeld geschaffen, das erstmals jungen Spielern ein ­systematisches Training unter streng wissenschaftlichen Kriterien ermöglichte. Über Art und Umfang des Trainings entschied nicht das Gefühl des Trainers, sondern Blutwerte. 

Wie hat sich diese Trainingsmethode ausgewirkt?
Extrem positiv. Einer der Spieler, der von dieser wissenschaftlichen Trainingsmöglichkeit profitieren konnte, war Nikola Bilyk. Als sein Transfer vom Fivers Handball Team zum Weltklasseclub THW Kiel über die Bühne ging, wurde er dort aufgrund seiner körperlichen Verfassung „The Machine“ genannt. Er ist trotz seiner jungen Jahre einer der Spieler, die knappe Spiele in den letzten Minuten entscheiden können, weil er dafür die Physis und die Konzentrationsfähigkeit aufbringt. Das macht ihn jetzt schon mit 20 Jahren zu einem Weltklassespieler.

Nun stehen viele Unternehmer ja ebenfalls vor der Herausforderung, einzelne Abteilungen oder Mitarbeiter so pushen zu müssen, dass sie Spitzenleistungen erbringen. Was können sie sich von Ihrem Modell der Island of Excellence abschauen?
Top-Manager benötigen genau wie Spitzensportler sowohl das Talent, besondere Stärken, aber auch den Charakter, eine Mission über einen längeren Zeitraum mit Verbissenheit verfolgen zu können. Und am besten entwickeln können sie sich in einem Umfeld, das durchaus der Island of Excellence der Sportwelt ähnlich ist: In einem überschaubaren Team mit einer klaren Mission, in dem sich ebenso klare gemeinsame Werte etabliert haben, wie man dieses langfristige Ziel erreichen will. 

Haben Sie ein Beispiel dafür, wie das Konzept in einem klassischen Unternehmen funktioniert?
Es können sowohl einzelne Abteilungen sein, die sich der Ambition der Weltklasse verschrieben haben oder auch funktionsübergreifende Organisationen, wenn sie eine gemeinsame Spitzenmission verfolgen. Vor einigen Jahren hat sich beispielsweisen das kleine Team von Red Bull Österreich vorgenommen, eines Tages mehr Umsatz zu machen als jedes andere Getränk in Österreich. Über die Jahre entstand ein solch starker Zusammenhalt hinter dieser gemeinsamen Mission, und die gemeinsamen Werte wurden über mehrere Jahre bedingungslos gelebt, sodass das Team die Mission nicht nur erreichte, sondern mehrere Teammitglieder danach in Spitzenfunktionen im globalen Management erfolgreich sein konnten. Gefeiert wurde dieser Erfolg übrigens auf Ibiza, und der Morgen danach war furchtbar.

Wie entscheidet man, wer reif für die Insel ist?
Es sollte immer darum gehen, Stärken von Mitarbeitern zu erkennen, diese weiter zu stärken und danach einzusetzen. Sie kennen vielleicht die bahnbrechende Studie über die Kunst des Schnell­lesens. Während durchschnittliche Leser mit einem gezielten Training ihre Leseleistung um rund 60 % erhöhen können, erzielt dasselbe Training für Leser, die vor dem Training schon überdurchschnittlich sind, eine Verbesserung von über 700 %. Man sollte also auf die Island of Excellence jene mitnehmen, deren ausgeprägte Stärken man weiter forcieren will.

Und wie entscheidet man, in welchem Bereich die Exzellenz erreicht werden soll?
Das ist eine der wichtigsten Aufgaben eines herausragenden Coachs oder eines Top-Managers. Der Sandplatzkönig Rafael Nadal hatte zum Beispiel das Glück, dass sich seine Trainer nicht auf die Behebung seiner Aufschlagschwäche fokussierten, sondern seine grandiosen Grundschläge perfektionierten. Ein Top-Manager muss erkennen, welche Bereiche für den herausragenden Erfolg essenziell sind und die Mitarbeiter mit den entsprechenden Stärken einsetzen.

Wie sieht die Erfolgsrate aus?
An der Spitze wird ja die Luft richtig dünn. Wie viele können es überhaupt nach ganz oben schaffen, wenn man alles richtig macht? Es kann jeder schaffen, der es wirklich, wirklich will. Wenn Sie heute entscheiden, dass Sie in zehn Jahren bei den Olympischen Spielen teilnehmen wollen, halte ich es für wahrscheinlich, dass Sie das schaffen, wenn Sie dem Ziel alles unterordnen. Wir finden schon eine Sportart, die ihrer Veranlagung entspricht. Wenn wir dann noch das richtige Umfeld schaffen, hängt der Rest nur von Ihrem Durchhaltevermögen und Ihrer Selbstdisziplin ab. Bei Lehrveranstaltungen an der Uni begegne ich regelmäßig herausragenden Talenten unter den Studenten. Von denen können es alle ganz nach oben schaffen, wenn sie wollen.

Wie früh muss man aus Ihrer Sicht ansetzen, wenn man Mitarbeiter oder eben Sportler braucht, die Außerordentliches leisten sollen? Denn das heimische Schulsystem scheint ja nicht  wirklich auf Extremleistungen oder Exzellenz ausgelegt zu sein.

Ich kenne viele exzellente Lehrer, die an öffentlichen Schulen mit herausragendem Engagement die Talente ihrer Schüler fördern. Leider sind sie aber in der Minderheit. Und noch schlimmer finde ich, dass fast alle von ihnen in ihrem täglichen Kampf gegen das System mehr und mehr abstumpfen und über die Jahre ihr ursprüngliches Engagement verlieren. Ich befürchte, dass wir in unserem Schulsystem einen grundlegenden Fehler begehen, indem wir mit Hinblick auf die Zentralmatura unsere Schüler zur Gleichbehandlung zwingen.

Die Zentralmatura soll gleiche Bedingungen für alle und vor allem Vergleichbarkeit schaffen. Was stört Sie daran?

Ich halte diesen Ansatz für einen fundamentalen Fehler! Die Schüler, die langsam lesen, werden gedrillt, damit alle gleich schnell lesen können. Die Schüler, die schlecht in Mathematik sind, werden in Nachhilfestunden dazu gezwungen, sich ausgerechnet mit dem Gegenstand am meisten zu beschäftigen, in dem ihre Schwächen liegen. Schwächen werden bearbeitet, auf Kosten der wirklichen Stärken. Richtig wäre es, sich in den Gegenständen mit einem Grundlagenniveau zu begnügen, die dem jeweiligen Schüler nicht so liegen. Und dafür den Focus auf die Gebiete zu legen, in denen die individuellen Stärken liegen. Ich halte es für die wichtigste Aufgabe von Erziehungsberechtigten und Pädagogen, die Talente und Stärken der Kinder herauszufinden und zur Entfaltung zu bringen.

Das klingt toll, findet aber im heimischen Bildungssystem nicht statt.

Darum gibt es auch Alternativen zum öffentlichen Schulsystem. Ich habe in Sankt Gilgen eine Privatschule gefunden, die dem Anspruch am nächsten kommt, die individuellen Stärken der Schüler zu erkennen und zu stärken. Die Schüler werden in kleinen Klassen unterrichtet, sodass die Kinder individuell betreut werden können. Der Abschluss mit dem International Baccalaureate ermöglicht die Konzentration auf die Fächer, für die man sich am meisten interessiert. Auch das Theater-, Musik, Sport- oder Outdoor Programm bietet den Studenten die Möglichkeiten einer Island of Excellence – so startet eine Gruppe von Schülern, die ihre Begeisterung für die Bergwelt teilen, gerade das Projekt, die 7 höchsten Ländergipfel Europas zu besteigen, inklusive Mont Blanc.

Dieses System auf die breite Masse der Schüler umzulegen, würde allerdings ein Vielfaches der aktuellen Bildungsausgaben benötigen. Selbst ohne Mont Blanc Besteigung.

Ökonomische Gründe sind sicher das eine – das Schulgeld für eine Privatschule ist teuer, auch wenn es eine non-profit Organisation ist. Ich halte aber die Gestaltung einer Island of Excellence auch an einer öffentlichen Schule für möglich, wenn unter einem engagierten Direktor und einer Mehrzahl engagierter Lehrer eine gemeinsame Mission gelebt wird. Mehr Schulautonomie halte ich für einen unbedingt notwendigen Schritt. Leicht ist es sicher nicht, sich täglich gegen ein starres System und gegen die Unbeweglichkeit der Mittelmäßigkeit zu stemmen.

Trauen Sie sich eine Prognose zu: Wo würde Österreich stehen, wenn Schulen wie St. Gilgen allen Kindern offen stünden?

Dann wäre das ganze Land eine Island of Excellence und könnte in Richtung Weltspitze aufrücken.

Zur St. Gilgen International School

 

 

 

 

Werbung

Weiterführende Themen

Stories
27.06.2017

Die Personal- und Mediaagentur Jobaffairs mischt seit Juni kräftig im österreichischen Recruiting-Markt mit und richtet sich an Personalverantwortliche, die sich einen Vorteil im Wettbewerb um die ...

Interviews
17.05.2017

Während Google und Tesla ständig große Ankündigen machen, melden die Weltmarktführer der Dachregion still und leise ein Patent nach dem anderen an. Sie sollten ebenfalls mehr auf die Pauke hauen, ...

Stories
17.05.2017

Wie müssen sich Unternehmer in einer immer globalisierteren Wirtschaft vernetzen? Indem sie zuerst den Blick nach innen richten, meint der Netzwerkforscher Harald Katzmair. Eine Anleitung.

Stories
17.05.2017

Einer der ältesten Teile unseres Gehirns löst massiven Stress im Arbeitsalltag aus. Der Grund liegt in falschen Zielen und schlechter Führung. Der Physiker und Speaker Robert Egger erklärt die ...

Stories
17.05.2017

Wer Fachkräfte braucht, muss erfinderisch sein. Besonders, wenn er an der Peripherie angesiedelt ist. Keine Angst! Auch mit ­wenig Geld lässt sich eine gute Arbeitgebermarke bauen. Achtung: In ...

Werbung