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Reinhard Friesenbichler, Spezialist für Nachhaltiges Investment und Gründer der Unternehmensberatung rfu

Sustainable Finance auf dem Prüfstand

30.03.2020

Wie geht die Finanzindustrie mit Komplexität und Widersprüchen bei Nachhaltigkeit und Klimaschutz um? Eine Analyse von Reinhard Friesenbichler, Spezialist für Nachhaltiges Investment.

Bisher schien alles so schön einfach in der Welt des nachhaltigen Investierens zu sein. Auf der einen Seite die Minderheit der Idealisten, die an die Verantwortung für ihre Kapitalallokation glauben und gegebenenfalls sogar auf Ertrag verzichten, auf der anderen Seite die Mehrheit der Pragmatiker im moralfreien Raum der Kapitalmärkte. Aber damit ist Schluss. Noch nie in den über zwei Jahrzehnten meiner Tätigkeit im Bereich Nachhaltigkeit und Investment gab es eine derartige Dynamik und damit auch Verunsicherung. Diese zieht sich quer durch die gesamte Finanzindustrie – von der Versicherung über die Pensionskasse bis zum Finanzdienstleister – und quer durch alle ihre Funktionsbereiche – vom Vertrieb über Produktentwicklung und Asset Management bis zur Rechtsabteilung.

Die Quote jener, die „ethisch“ mit „ethnisch“ verwechseln, sinkt signifikant, und kaum ein großes Finanzhaus hätte die drei Buchstaben E, S und G, die für Environmental, Social und Governance stehen, nicht schon von Beginn an in seinen anderen drei Buchstaben, der DNA, mehr oder weniger verborgen in sich getragen.

Worüber reden wir?

Aber was ist eigentlich nachhaltiges Investment genau? „Raus aus Kohle“ (Divestment-­Bewegung), „Rein in den Klimaschutz“ (EU-­Taxonomy), „Egal, Hauptsache mit messbarer Wirksamkeit“ (Impact-Investing)? Wiederum andere stützen sich auf die drei Säulen der Nachhaltigkeit oder ihre 17-beinige imperative Variante (SDGs). Im Gleichklang ertönt nur der Ruf nach einer quasi amtlichen Erklärung dafür, was diese Klima-Nachhaltigkeits-Impact-etc.-Wolke denn sei und was man konkret von uns erwartet. Wann besteht denn endlich Klarheit über die europäische oder – noch besser – globale (denn „ohne die Chinesen hat ja alles keinen Sinn“) Definition von Nachhaltigkeit und Klimaschutz? 

Dabei hat die Gesellschaft erst jüngst begonnen, die vielfältigen und zum Teil sogar widersprüchlichen Botschaften aus dem wissenschaftlichen und moralischen Raum in den Parlamenten, Tageszeitungen, Wirtshausstuben und Vorstands­büros zu verarbeiten. Bis auf Weiteres gilt also: Komplexität steigend, Klarheit nicht in Sicht. 

Erfahrung von Vorteil

Welche Strategie ist angebracht in einer solchen Welt der Unsicherheit? Ruhig abwarten und beobachten? Neue Rahmenbedingungen antizipieren? Die Rahmenbedingungen aktiv mitgestalten? Ja, alles das, aber auf Basis eines selbst entwickelten bzw. bewusst gemachten Standpunkts des eigenen Unternehmens und seiner Stakeholder. Die Praxis zeigt, dass Akteure, die sich bereits vor Längerem und ohne äußeren Druck dem Thema nachhaltiges Investment gewidmet haben (wie z.B. betriebliche Vorsorgekassen oder eine Reihe von Kapitalanlagegesellschaften), von ihrem Vorsprung profitieren. Erfahrung, Expertise und eine gewisse Gelassenheit gegenüber den Konjunkturen der Zeit erleichtern den Blick auf das Wesentliche enorm.

Im Idealfall sind die gegenwärtigen und künftigen neuen Anforderungen nur Erweiterungen und Akzentsetzungen im Rahmen etablierter Strukturen und Prozesse. Die Ergänzung eines nachhaltigen Anlagekonzepts um einzelne Kriterien ist keine Hexerei, ebenso wenig wie die Erweiterung des Controlling-Prozesses, z. B. um die Messung des CO₂-Footprints oder die Auswertung eines Portfolios nach den Kategorien der EU-Taxonomy. Wer derart aufgestellt ist, ist gut vorbereitet auf alles, was da kommen möge.

Kleider aus Abfall

Ein Gedanke, der auch bei der Lenzing AG, einem weltweit führenden Hersteller von Spezialfasern aus Holz, aufgenommen wurde. Jährlich werden rund 50 Millionen Tonnen an Bekleidung weggeworfen. In einer Kooperation mit dem spanischen Textilkonzern Inditex, zu dem Modemarken wie Zara gehören, verarbeitet Lenzing Stoffabfälle zu Fasern, aus denen dann wiederum Kleidungsstücke produziert werden. Dass die Kreislaufwirtschaft durch Reparaturen oder Umbauten auch neue Arbeitsplätze schaffe, sei laut der Nachhaltigkeits-Expertin Huber-Heim ebenfalls noch zu wenig in den Köpfen verankert. „Immer mehr Prozesse werden digitalisiert, hier könnten neue Jobs entstehen.“

Von den strengen Gesetzen in der Abfallwirtschaft profitiert hat der steirische Anlagenbauer und Umweltspezialist Komptech. Das Unternehmen ist ein führender internationaler Technologieanbieter von Maschinen und Systemen für die mechanische und biologische Behandlung fester Abfälle und für die Aufbereitung holziger Biomasse als erneuerbarer Ener­gieträger. Die Produktpalette von Komptech umfasst mehr als 30 unterschiedliche Maschinentypen. „Durch die strengen Gesetze sind wir als Hersteller gefordert, uns ständig weiterzuentwickeln. Zusammen mit Deutschland ist Österreich ein Leuchtturm in diesem Bereich“, erklärt Geschäftsführer Heinz Leitner. Die Exportquote von Komptech von 97 Prozent unterstreicht diese Aussage.

Potenziale sieht Leitner noch bei bestimmten Recycling-Graden: „Bei Papier, Metall und Glas sind wir schon sehr gut. Die stoffliche Verwertung von Altholz oder Kunststoff könnte noch besser werden“. Entscheidend ist für ihn auch, wie Werkstoffe verwendet werden. „Kunststoff ist ein toller Werkstoff, nur setzen wir ihn schlecht ein. Denn verschmutze Kunststoffe – wie bei der Fleischverpackung – können nicht recycelt werden“, erklärt Leitner.

Echter Wirtschaftsfaktor

Einen kommenden Trend in der Kreislaufwirtschaft sieht der Geschäftsführer im Betreiben umweltschonender, innovativer und digital vernetzter Maschinen – mit weniger Emissionen, schallreduziert und mit langer Betriebsdauer. Diese können auch zu einem hohen Preis verkauft werden. Womit auch Huber-Heim bestätigt wird, die überzeugt ist: „Die Kreislaufwirtschaft ist ein echter Wirtschaftsfaktor“.  

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