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Standort Österreich: Sängerknaben und Mozartkugeln sind zu wenig

25.07.2006

Robert Kremlicka, Vice President and Managing Director von A.T.Kearney, geht von weiteren gravierenden Strukturveränderungen am Wirtschaftsstandort Österreich aus. Eine offene Förderalismusdebatte sei daher ebenso notwendig wie eine Neuorientierung der Sozialpartnerschaft.
Interview Harald Hornacek h.hornacek@wirtschaftsverlag.at

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die wirtschaft: Die Globalisierung schreitet massiv voran. Ist Österreich für die zu erwartenden weiteren Entwicklungen gerüstet? Können wir Schritt halten mit den rasanten Veränderungen?

Robert Kremlicka: Im Vergleich zu den EU-15, der alten Europäischen Union, sind wir in manchen Belangen durchaus schneller. Aber die Benchmark, an der wir unseren Standort zunehmend messen müssen, sind dieReformstaaten. Unser Abstand zu diesen Ländern schmilzt, weil wir Verteidiger von Besitzständen und Bewahrer des Kosten treibenden Föderalismus sind. Das verhindert Veränderungen: Die Verwaltungsreform zum Beispiel ist eigentlich versandet. Andererseits gibt es sehr wohl westeuropäische Erfolgsbeispiele: Finnland und Schweden haben aus ihre Krisen gelernt. Auch Dänemark verändert das Sozialsystem deutlich: Regierung und Opposition haben dort ganz beachtliche Reformen erzielt und etwa die Lebensarbeitszeit um 10 Prozent erhöht.

die wirtschaft: Woran liegt diese Verzögerung in der österreichischen Wirtschaft?

Kremlicka: Österreich mangelt es an parteiunabhängigen, kritischen Stimmen. Jeder ist ja gleich in irgendeine Richtung punziert, wenn er seine Meinung kund tut. Auch bewegen sich zu wenige Unternehmer außerhalb der traditionellen Plattformen. Und die österreichischen Sozialpartner verhandeln ja schon Kompromisse, noch bevor die Fakten am öffentlichen Tisch liegen. Obwohl sich Einiges gebessert hat, mangelt es also an einer faktenorientierten Streitkultur. Ein pointierterer Wirtschaftsjournalismus könnte hier viel beitragen.

die wirtschaft: Andererseits sind wir immer so stolz darauf, dass wir uns in den letzten Jahren besser geschlagen haben als unsere deutschen Nachbarn…

Kremlicka: Wir sollten uns nicht an Deutschland messen, sondern an jenen Regionen, wo die Zukunft stattfindet! Die Konsequenzen der aktuellen Entwicklung sind ja unübersehbar. Die Schuhindustrie ist von Österreich nach Italien, dann nach Tschechien und von dort nach Rumänien gegangen. Asien ist der nächste Schritt. Eine große Gefahr sehe ich darin, dass künftig selbst im Bereich Forschung und Entwicklung immer mehr Offshoring betrieben wird. Verwaltungsnahe Tätigkeiten von Großunternehmen sind ohnedies teilweise ausgelagert: Denken Sie an die Ticketservices der AUA in Indien. Die BA-CA wird in den nächsten Jahren Verwaltungsbereiche nach Ungarn verlagern. Oder: 40 Prozent der Zugauskunft von British Rail wird heute von Indien aus gemanagt.

die wirtschaft: Kann man aus Ihrer Sicht künftig am Wirtschaftsstandort Österreich überhaupt noch gewinnbringend produzieren?

Kremlicka: Mit Sängerknaben und Mozartkugeln werden wir den Standort nicht halten können. Gefragt ist eine mutige Standortpolitik. Denn, durch die steigende Vergleichbarkeit von Produkten und Prozessen wird der Wettbewerb immer stärker. Was bleibt ist: Innovation und Topqualität zu angemessenen Preisen hier. Einfache Komponenten oder Standardprodukte aus dem Ausland. Zur Ihrer Frage konkret: Unternehmen wie Palfinger, Swarovski, Constantia oder Erste Bank zeigen, wie man richtig wirtschaftet. Ein eindeutiger USP wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Das sichert und schafft Arbeitsplätze im Inland. Commodity wird aber noch mehr unter Kostendruck geraten als bisher. Dazu ein Beispiel: Ich kenne einen Tischler, der verwendet heute Granitplatten aus China für seine Küchen. Das sind klare Signale, dass sich selbst unsere Handwerksbetriebe der Globalisierung nicht entziehen können. Das muss man akzeptieren. Auf der anderen Seite beweist etwa der Büromöbelhersteller Blaha, dass man in einer umkämpften Branche mit stetigen Innovationen Erfolg haben kann.

die wirtschaft: Andererseits gibt es gewisse logistische Grenzen: Manche Produkte können einfach nicht günstig in Asien für Europa produziert werden, weil der Transport dann zu teuer wird.

Kremlicka: Wirtschaftliche Transportradien sind sehr wohl gegeben, und das ist ein gewisser Schutz für die jeweilige Branche, ohne dass man sich darauf ausruhen könnte. Schotter können Sie 20 bis 40 Kilometer transportieren, Nicht-Alkoholische Getränke um die 200 Kilometer, Bier hält nur ein paar Wochen. Gewisse Dienstleistungen werden immer vor Ort bleiben. Ebenso die Bauwirtschaft. Auch Banken werden immer hier Filialen haben. Beim Back-Office sieht das schon ganz anders aus. Die Globalisierung wirkt somit nach Branchen sehr unterschiedlich. Die entscheidenden Globalisierungstreiber sind letztlich Arbeitskosten und Mobilität der Produkte oder Dienstleistungen. Die Konsequenz: Das Portfolio der österreichischen Branchen wird sich verändern und innerhalb der Branchen die Wertschöpfungsstrukturen.

die wirtschaft: Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl hat vor kurzem das große Ziel der Vollbeschäftigung in den nächsten zehn Jahren angekündigt. Ist das realistisch?

Kremlicka: Nein. Ich denke, dass wir uns von der Vollbeschäftigung auf absehbare Zeit verabschieden müssen. Einerseits werden Konsumenten-Märkte globaler. Andererseits ändern sich nationale Branchenportfolios und die Wertschöpfungsketten der Industrien unter den Druck des internationalen Wettbewerbs und mit ihnen die Jobangebote. Markt-, aber auch Unternehmensentwicklungen sind heute nicht mehr direkt auf die Beschäftigung zu übertragen. Die Entwicklung von Großkonzernen entkoppelt sich zunehmend von den nationalen Volkswirtschaften. Das macht Sorge. Siemens weicht mit der Produktion ins billige Ausland aus. Die Firma Österreich kann das nicht. Also werden weiter Branchen verschwinden oder neue hoffentlich kommen. Das ist nichts Unnatürliches: Unternehmen können ja auch nicht immer die gleichen Produktportfolios anbieten. Mir muss nur immer wieder was Neues einfallen. Finnland war bis vor einigen Jahren stark abhängig von der Holzindustrie - heute gibt es High Tech am Standort mit Nokia an der Spitze, das ja früher auch ein ganz anderer Konzern war. Schließlich sprechen leider auch die Wirtschaftsdaten gegen die Vollbeschäftigung: Die EU-15 erreicht heuer ein durchschnittliches BIP-Wachstum von rund 2,2 Prozent. Erst ab 3 Prozent werden nach statistischen Erhebungen Arbeitsplätze geschaffen. Schauen wir über West - Europa hinaus: In Osteuropa haben wir 3,5 bis 5 Prozent BIP-Zuwachs, in Asien 7 bis 9 Prozent. Dort wächst der Arbeitsmarkt.

die wirtschaft: Besteht dann die Gefahr, dass uns die Arbeit ausgeht im Lande?

Kremlicka: Damit uns die Arbeit nicht ausgeht, müssen wir die Standortfaktoren verbessern und das Branchenportfolio anpassen. Bei Produktinnovation, Fertigungstechnologie, Vertrieb und Marketing setzen Unternehmen Akzente. Die Politik muss aber noch deutlich nachlegen, wie bei der Infrastruktur oder den Arbeitszeitregelungen. Wenn man dem Kostendruck im Inland nicht Stand hält, werden auch weiterhin Arbeitsplätze verloren gehen. Preiswerte Autos der PSA-Gruppe (Peugeot, Citroen, Anm.) oder von Renault kommen eben aus Rumänien. Die Konsequenzen für die österreichische Zulieferindustrie liegen auf der Hand. Die muss Schritt halten.

die wirtschaft: Wie schätzen Sie unter diesen Vorzeichen die Chancen der Sozialpartnerschaft ein, zumal ja die Gewerkschaft für die nächsten Jahre als starker Arm dieser Partnerschaft auszufallen droht?

Kremlicka: Wir sind mit massiven Veränderungen konfrontiert. Die Sozialpartner müssen das erkennen - und darauf vorausschauend eingehen, nicht unter Druck reagieren. Ich kenne einen konkreten Fall, wo sich der ÖGB gegen die Verlagerung der Teilefertigung eines Betriebs ins Ausland ausspricht. Das kann aus Sicht des ÖGB zunächst gut sein, weil es österreichische Arbeitsplätze erhält, ist aber grundfalsch, denn es ist eine Überlebensfrage für das Unternehmen. Defensive kostet Geld. Ich möchte aber nicht verhehlen, dass ich im Laufe meines Berufslebens viele, sehr kompetente und am Wohl des Unternehmens orientierte Betriebsräte kennen gelernt habe. Das ist auch aus meiner Sicht die Chance für die Gewerkschaften, mehr Kompetenzen in die Betriebe zu bringen. An sich war der ÖGB mit seinen Reformbestrebungen in den Neunziger Jahren, früher als die Wirtschaftskammer, gut unterwegs. Aber Christoph Leitl hat nun, mit der Reform 2, zweifellos den richtigen Weg eingeschlagen, denn über 1000 Fachverbände sind ja nicht mehr zeitgemäß.
Wenn die Sozialpartnerschaft auch in Zukunft bedeutend sein möchte, würde ich mir eine gemeinsame Agenda 2015 erwarten. Bis dahin werden 250.000 Arbeitsplätze in Österreich verschwinden oder sich verändern -wegen Wertschöpfungsverlagerungen, wegen Rationalisierung oder aus anderen Gründen. Das heißt jetzt natürlich nicht, dass alle Menschen gleich arbeitslos werden. Aber, wie gesagt, Verlagerungen und neue Berufsbilder werden sich ergeben. Geographische und geistige Mobilität wird zur Überlebensfrage. Die Sozialpartner müssen einen wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandort 2015 bauen.

die wirtschaft: Sind die Österreicher fauler als Menschen in anderen Ländern?

Kremlicka: Der Österreicher ist sicher nicht arbeitsscheu. Aber uns droht in den nächsten Jahren der Mittelbau abhanden zu kommen: Es gibt eine Polarisierung zwischen Hochleistungsträgern und jenen, die für Sozialleistungen empfänglich sind. Wir sind allerdings auch sehr exponiert beim Ausländeranteil, was hier ebenfalls mitspielt. Die so genannten braven, soliden Arbeitskräfte der Mittelschicht werden immer weniger. Auf der anderen Seite kenn ich sehr viele junge Menschen, die höchstmotiviert sind. Die entscheidenden Faktoren für den Wirtschaftsstandort sind an dieser Stelle Bildung und Ausbildung und ganz besonders Leistungsbereitschaft.

die wirtschaft: Inwieweit hat die Politik auf die neuen Rahmenbedingungen schon reagiert?

Kremlicka: Ansatzweise, mehr nicht. Das Pensionsproblem hat sich durch die Maßnahmen der Regierung verringert; die wirken aber erst in einigen Jahren richtig. Das Problem der Invaliditätspensionen und damit der faktischen Frühpensionen bleibt bisher aufrecht. Auch große, den Namen verdienende Verwaltungs- und Steuerreformen würde ich mir wünschen. Kritisch zu hinterfragen ist auch der gesamte Gesundheitsbereich: Wie soll das künftig finanziert werden? Der Staat gibt heute 30 Prozent des BIP für Sozialleistungen aus - mehr geht einfach nicht. Die Kosten werden hier jedoch weiter steigen. Nicht zuletzt kommt dem Bereich Pflege immer mehr Bedeutung zu. Ohne Kapitalstockverfahren wird es nicht gehen. Dänemark ist auch hier ein Beispiel. Natürlich gibt es in diesem Bereichen auch brach liegende Einsparungspotenziale. Was wir brauchen, ist eine offene Debatte über Föderalismus als Kostentreiber und eine verstärkten Eigenvorsorge. Das Problem ist aber sicher, dass in der Politik lediglich in Legislaturperioden gedacht wird.

die wirtschaft: Andererseits erfordern gerade Infrastruktur-Projekte längere Vorlaufzeiten, die über Legislaturperioden hinaus gehen. Was halten Sie von der oft gehörten Forderung der Bauwirtschaft, der Staate möge mehr in Hoch- und Tiefbau investieren, um so für einen Konjunkturschub zu sorgen?

Kremlicka: Kurzfristig mögen solche Wünsche haltbar sein. Es gibt dann den so genannten Beschäftigungsimpuls. Aber langfristig sollte das Geld, das in Infrastruktur investiert wird, auch verdient werden. Durch den Nutzen der entsprechenden Infrastruktur. Es geht um das Payback für Steuergeld. Diese unangenehme Diskussion vermisse ich. Ein Beispiel: Wir bauen den Koralm-Tunnel, von dem selbst die ÖBB nicht überzeugt sind. Aber uns fehlen seit der Ostöffnung 1989 Straßen Richtung Norden und Osten, ebenso eine March-Brücke. Eine leistungsfähige Logistik für den Verkehr ist ein echtes Standortkriterium. Das knappe Geld ist daher in jene Infrastruktur zu stecken, welche langfristig - darum geht es - den höchsten Nutzen stiftet. So betrachtet, bringt der Brennertunnel aus meiner Sicht keinen Return on Investment. Der österreichische Steuerzahler finanziert den deutsch-italienischen Transit. Es ist höchst fraglich, ob das kommerziell eine kluge Entscheidung war, auch wenn nun einige Bürger besser schlafen können. Generell fehlt ein österreichischer Generalverkehrsplan. Man muss hier bundesweite Prioritäten festlegen. Damit einher geht auch mein Wunsch, den Föderalismus zurückzudrängen: Die Landeshauptleute haben zuviel Macht und denken lieber an eine Gemeindestraße vor der Landtagswahl als an große Schienen- und Straßennetze.

die wirtschaft: Kann, soll oder muss der Staat Unternehmer sein?

Kremlicka: Zukunftsträchtige Branchen mit internationalen Schlüsselmerkmalen sollen kommen bzw. bleiben. Magna, AVL, Siemens sind wichtig. Wir müssen ein Standort für Produktion und Dienstleistung aber auch Konzernzentralen bleiben, das ist das oberste Ziel der Wirtschaftspolitik. Es ist aus meiner Sicht zulässig, wenn der Staat temporär Akzente setzt, als Impulsgeber fungiert, um das zu unterstützen. Aber man darf das nicht mit Parteiwirtschaft vermengen. Die ÖIAG funktioniert nicht so schlecht. Wenn die öffentliche Hand als Eigentümer auftritt, muss das Prinzip Corporate Governance wirklich gelebt werden. Da schließt sich auch der Kreis zur Föderalismusdebatte: In der Bundesbeteiligung ist man da weiter als in der Länderbeteiligung. Die Länderchefs müssten sich zurückhalten. Es wäre wünschenswert, wenn die Länder an Transparenz zulegen. Es macht keinen Sinn, wenn das Land Oberösterreich via Raiffeisen-Landesbank an Firmen in der Region beteiligt ist und so über eine eigenartige Mischung aus Politik und Finanzen direkt in das Wirtschaftsgeschehen eingreift. Das Gerangel um die voestalpine hat den Ruf unseres Standortes klar beschädigt. Und die Veräußerung der Bank Burgenland war auch kein Ruhmesblatt regionaler Wirtschaftspolitik.

die wirtschaft: Stichwort Bankenlandschaft: Welcher Partner wäre aus Sicht des Unternehmensberaters der richtige für die Bawag?

Kremlicka: Die Bawag hat ein besonders starkes Standbein, das ist der Retail-Bereich über das Filialnetz und die Betriebsräte. Ein neuer Eigentümer müsste vor allem dieses Standbein erhalten. Bei einigen der Interessenten aus dem Inland kann es da kartellrechtliche Probleme geben. Andererseits sind wohl alle Inländer daran interessiert, aggressive Ausländer wie OTB (ungarische Bank, Anm.) oder HSBC (Bank aus England und Hongkong, Anm.) draußen zu halten. Wer der richtige Partner ist, muss die Bank selbst entscheiden. Über eines muss man sich aber im Klaren sein: Die Branchenkonsolidierung bei den Finanzinstituten steht global betrachtet erst am Anfang. Auch in Österreich werden wir da noch einige Veränderungen erleben.
(7-8/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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