Sparkassenpräsident Alois Hochegger: Die Bank als Hausarzt | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Sparkassenpräsident Alois Hochegger: Die Bank als Hausarzt

25.07.2006

Alois Hochegger, Präsident des Österreichischen Sparkassenverbandes, über die Sehnsucht nach Regionalität im Umfeld der Globalisierung, Exporthaftungen für Russland per Telefon und die Zukunft regionaler Allfinanzdienstleister.
Interview Harald Hornacek h.hornacek@wirtschaftsverlag.at

Fotos beigestellt

die wirtschaft: Herr Präsident, den Sparkassen haftet gerne ein rustikales, mitunter behäbiges Image an. Wie geht der Spagat zusammen, dass man einerseits in ländlichen Gebieten und fast jedem Winkel des Landes stark verankert ist, andererseits aber mit dem Spitzeninstitut Erste Bank in Zentral- und Osteuropa zu den führenden Finanzdienstleistern zählen will?

Alois Hochegger: Wer ein Haus bauen will, braucht ein gutes Fundament, damit auch starke Stürme überstanden werden können. Die örtliche Verbindung ist das Fundament, auf das sich die Menschen verlassen. Und als Gruppe sind wir dort engagiert, wo auch unsere Kunden hingehen. Staatsgrenzen sind ja heute kein echtes Thema mehr. Ebenfalls bemerkenswert: Österreich ist ein starkes Exportland. Zum Exportweltmeister wird man aber nur dann, wenn man von daheim aus gut abgesichert ist und gute Rahmenbedingungen vorfindet. Dazu zählen die am Markt tätigen Kreditinstitute, aber auch die Gewissheit für einen Unternehmer im Export: Eine Haftung für Moskau ist per Telefon möglich, wenn es erforderlich ist.

die wirtschaft: Kommt das bei Ihren Kunden oft vor?

Hochegger: Immer öfter, ja. Das zeigt sich auch an der Exportstatistik, an der gerade unsere Kommerzkunden großen Anteil haben. Erst dieses persönliche Zusammenspiel macht unsere Kunden stark, hier vor allem die klein- und mittelbetriebliche Wirtschaft. 80 Prozent unserer Kommerzkunden sind ja KMU. Hier braucht es eine besondere Kommunikation und Vertrauensbasis. Die örtliche Kenntnis, das regionale Wissen, die Kenntnis der Menschen - das sind unsere Stärken, denke ich.

die wirtschaft: Gerade die Klein- und Mittelbetriebe haben in den vergangenen Jahren immer mehr den Schritt aus ihren angestammten Regionen heraus getan, weil die Märkte einfach breiter werden. Kommt es da manchmal in Ihrer Gruppe zu Auseinandersetzungen um den Kunden?

Hochegger: Das ist bei uns kein Thema. Aber es stimmt natürlich, dass sich die Welt der Unternehmer geändert hat: Hatte ein Tischler früher ein Einzugsgebiet von 20 Kilometern, so baut er heute für Hotels in Berlin. Da ist auch ein anderes Unternehmerverständnis vorhanden, das aber sehr wohl auf den bekannten regionalen Wurzeln basiert. Handwerks- und Gewerbebetriebe werden heute immer mehr zum Systemmanager, insofern hat sich in der klein- und mittelständischen Wirtschaft sehr viel bewegt. Andererseits glaube ich schon, dass gerade mit der zunehmenden Globalisierung die Sehnsucht nach der Regionalität stärker wird. Das hat nichts mit Nationalismus zu tun, sondern einem positiven Heimatbewusstsein, einem Basisempfinden. Das zeigt uns auch, dass die Sparkassenidee heute aktueller und moderner denn je ist.

die wirtschaft: Man wirft den großen Instituten gerne vor, dass sie kein wirkliches Interesse mehr an KMU-Finanzierungen hätten. Die Sparkassen treten hier in eine starke Auseinandersetzung mit dem Raiffeisensektor und der erstarkten Volksbank-Investkredit-Gruppe. Wer wird das Rennen gewinnen?

Hochegger: Es ist prinzipiell gut, wenn sich der Markt bewegt. Allerdings gibt es einen doch beträchtlichen Unterschied etwa zur Investkredit, die ausschließlich als finanzierendes Unternehmen tätig ist. Wir hingegen sind ein Allfinanzdienstleister. Die Vorsorge für den Unternehmer ist beispielsweise etwas, mit dem wir uns massiv beschäftigen.
Die Volkbanken und der Raiffeisensektor sind im Markt durchaus gleichwertige Teilnehmer. Da haben wir auch alle ähnliche Voraussetzungen. Ich würde sagen, die Analyse eines Kunden ist nicht der Kernpunkt - aber die daraus gezogenen Schlussfolgerungen. Wir haben die sehr genaue Kenntnis der KMU, der Produkte und der Kunden unserer Kunden. Wir gehen weit über rein bilanzielle Daten hinaus. Das, denke ich, unterscheidet uns von den genannten Mitbewerbern.

die wirtschaft: Wie gehen Sie mit dem Instrument Basel II um? Wie reagieren Ihre Kommerzkunden auf die Ratings?

Hochegger: Die Basel II-Umsetzung ist ein großes Thema. Ich wage zu behaupten, dass damit sogar die weitere wirtschaftliche Entwicklung zusammenhängt. Denn die österreichische Wirtschaft wird sich so entwickeln, wie das der Finanzsektor zulässt und wie er mit Basel II umgeht. Wir müssen zwar alle mit dem gleichen Rating arbeiten, aber den Unterschied macht es eben, wie man mit dem Zahlenmaterial umgeht. Wenn das Rating vielleicht nicht so optimal ausfällt, können ja dennoch gute Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Wie bewegt sich der Kunde wirklich im Markt? Das schauen wir uns sehr genau an.

die wirtschaft: Es scheint, dass sich die Direktbanken immer mehr als echte Konkurrenz entwickeln. Die Royal Bank of Scotland hat vor kurzem mit Inseraten auf sich aufmerksam gemacht, in denen Kredite und Sparkonten zu attraktiven Fixkonditionen angepriesen wurden. Wie gehen Sie damit um?

Hochegger: Die Direktbanken haben zweifellos ihren Markt. Eine ING-Diba hat im Vorjahr 170 Millionen Euro Gewinn gemacht, davon 70 Millionen aus den Spareinlagen. Das sind attraktive Dimensionen, allerdings eher Lösungen für private Haushalte, die natürlich Charme haben. Aber wenn es beispielsweise um Leasing geht, hört sich das Thema Direktbanken auch zumeist schon auf. Daher denke ich nicht, dass es in der Unternehmensfinanzierung in diese Richtung gehen wird. Da ist einfach zu viel Hintergrundwissen erforderlich. Nicht zuletzt, denke ich, haben wir mit unseren Netbanking-Aktivitäten, die wir ja sehr früh gestartet haben, durchaus ähnliche Angebote - und hier profitieren auch die Unternehmen.

die wirtschaft: Die Sparkassengruppe ist über die Erste Bank, aber auch die Aktivitäten anderer Landes-Sparkassen, im Ausland seit längerem erfolgreich tätig. Wann werden Sie damit beginnen, Back-Office-Dienstleistungen in andere Länder zu verlagern?

Hochegger: Wir bemühen uns, unsere Angebote für die Kunden so attraktiv wie möglich zu machen. 41 Prozent der KMU vertrauen unseren Instituten ihre Geldgeschäfte an. Wir sind damit größer als Raiffeisen. Wir sind sehr stark bei Kreditfinanzierungen, aber auch bei Förderungen. Aber die dahinter liegenden Prozesse sind noch zu teuer. Hier werden wir die Prozesse weiter beschleunigen und effizienter machen. Basel II sorgt ja auch für eine stärkere Dokumentation. Wir wollen den Kreditgewährungsprozess möglichst schlank halten, effizient, zielorientiert. Natürlich sind auch die Volumina entscheidend. Die Abwicklung erfolgt über die Gruppe - aber die Entscheidung erfolgt vor Ort. Wir sind dabei, eine Abwicklungsplattform zu schaffen. Wenn ich an unsere Kärntner Sparkasse denke, dann sind wir in Slowenien, Italien und Kärnten zu Hause - aber wir allein sind natürlich zu klein, um Lösungen einzuführen, die länderübergreifende Hintergrundprozesse beinhalten. Datenbanken sind beispielsweise ein Thema, denn wo diese verwaltet werden, ist keine echte Standortfrage.

die wirtschaft: Werden dann die Kredite billiger, wenn Sie Gestehungskosten sparen?

Hochegger: Ich denke, dass die österreichische Bankenlandschaft heute schon sehr kompetitiv ist. Da spielen wir auch unsere durchaus starke Rolle. Entscheidend ist und bleibt, dass die tatsächliche Entscheidung vor Ort erfolgt. Das wirkt sich auch in der Kundenbindung aus: Wir haben den höchsten Anteil von Kunden, die länger als 20 Jahre auf unsere Leistungen zählen. Solche Kundenbindungen sind gerade unter dem Aspekt neuer Produkte notwendig: Strukturierte Produkte werden im Markt an Bedeutung gewinnen. Sie sind ertragreich und beratungsintensiv zugleich. Anfangs hat man ja manchmal eine schlechte Rendite - das müssen sie dann den Kunden auch erklären. Und die Kunden sollten dann auch das Vertrauen haben, dass alles seine Ordnung hat.

die wirtschaft: Die Sparkassengruppe hat gerade einen Bericht zum gesellschaftlichen Engagement der Gruppe veröffentlicht. Darin wird gezeigt, wie viel Geld Ihre Unternehmen für gemeinnützige Zwecke aufwenden. Eine reine CSR-Maßnahme?

Hochegger: Nein, denn die Gründungsidee der Sparkassen beschreibt ja, dass wir uns zu den Regionen bekennen. Wir wollen in der Region Arbeitsplätze sichern und schaffen. Daher unterstützen wir mit Gründerzentren auch Firmenneugründungen sehr stark. Mit der GO!Gründeroffensive oder dem i2b & GO!Businessplanwettbewerb sind wir Partner wichtiger Initiativen.

die wirtschaft: Andererseits hat die regionale Verbundenheit auch einen Nachteil: Was sagen die Nachbarn, wenn Ihre Sparkasse einem Betrieb im Ort den Hahn zudreht?

Hochegger: Die Bank ist wie ein Hausarzt - wenn jemand krank ist, kann der Arzt nichts dafür. Und nicht zuletzt kann es manchmal besser sein, eine Firma ausleben zu lassen, bevor der Firmenchef auch noch sein letztes Vermögen verspielt. Aber es ist zweifellos eine Herausforderung, die wir sehr ernst nehmen. Es geht auch darum, die einzelnen Branchen sehr genau zu beobachten und zu kennen. Natürlich ist die Eigenkapitalratio bei einem Unternehmen wichtig. Aber: In manchen Branchen brauchen Sie kaum Fremdkapital, in anderen sehr viel. Es geht hier generell um Ausgewogenheit.

die wirtschaft: Ein nicht unbedeutender Mitbewerber steht zum Verkauf. Wen hätten Sie gerne als neuen Bawag-Besitzer? Und halten Sie es für denkbar, dass der Markenname Bawag verschwindet?

Hochegger: Gegenfrage: Haben Sie das Gefühl, es würde eine Lücke entstehen, wenn ein Institut wie die Bawag in einem anderen aufgehen würde? Gäbe es ein Finanzierungsproblem? Ich denke nicht. Prinzipiell sind mir natürlich alle Eigentümer Recht, für die sich der ÖGB als Verkäufer entscheidet. Wenn ich meinen persönlichen Tipp abgeben dürfte, sollte ein Hedgefonds zumindest nicht als Kernaktionär darunter sein. Aber wie gesagt, das ist meine persönliche Ansicht.
(7-8/06)

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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