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Soulfood from Austria

23.11.2015

Die Wiener Philharmoniker sind einer der echten Exportschlager Österreichs. Wie das Orchester im Ausland ankommt und was den typischen Wiener Klang ausmacht, erklärt Vorstand und Violinist Andreas Großbauer.

Interview: Stephan Strzyzowski, Daniel Nutz

Die Wiener Philharmoniker sind eines der internationalen Aushängeschilder Österreichs. Spielt es für Ihr Orchester eine Rolle, dass Sie zur Wahrnehmung des Landes im Ausland beitragen?
Wir werden tatsächlich sehr stark als Marke wahrgenommen. Unser Anliegen ist es, diesem Anspruch gerecht zu werden. Denn die Wiener Philharmoniker gelten als das österreichische Orchester schlechthin. Man kennt uns durch die weltweite Übertragung des Neujahrskonzerts. Wir senden hier eine Botschaft, die Brillanz und zeitlose Qualität vermittelt. Dafür muss man wirklich hart arbeiten. Ein Leben lang.

Sowohl das Repertoire als auch die Musiker sind allerdings nicht nur aus Österreich. Ist es die internationale Mischung, die das Orchester so österreichisch macht?
Absolut. Wir sehen uns ja als österreichisches Orchester, gerade weil wir so viele Nationalitäten vereinen. Vor allem der großösterreichische Kulturkreis von früher ist stark in der Musik vertreten, die wir spielen. Dvo?ák und Tschaikowsky sind zum Beispiel Komponisten, die wir gern aufführen. Sie stammen aus Ländern, aus denen auch unsere Musiker kommen. Ich würde also sagen: Wir sind ein internationales Orchester mit einem Wiener Idiom.

Beim Neujahrskonzert ist vor allem die Strauß-Dynastie federführend. Ist die walzerseelige Nostalgie der K.-u.-k.-Monarchie ein Argument bei der Auswahl der Stücke?
Unser Anspruch ist definitiv nicht der Kitsch, sondern die Wahrhaftigkeit der Musik. Das spüren die Menschen aber auch. Es ist die pure Energie jedes einzelnen Musikers, der dafür hart arbeitet. Ich empfinde auch die Musik von Strauß nicht als kitschig. Sie reiht sich in die Riege ganz großer Komponisten wie Wagner und Dvo?ák ein. Bei diesen kunstvollen Walzern und Polkas muss man sich schon um jedes Stück bemühen.

Wo ziehen Sie denn die Trennlinie zum Kitsch?
Dort, wo man sich um jede Phrase bemüht und den Text ernst nimmt. Man darf sich nicht um die Verpackung kümmern und muss in die Qualität investieren. Dann spüren die Menschen, dass es wahrhaftig ist, und kommen gern ins Konzert. Wir leben in einer sehr technischen Welt. Seelennahrung wird immer knapper. Die Musik, die wir anbieten, ist so eine Seelennahrung.

Sie sind gleichzeitig aktiver Musiker und Vorstand. Wäre es eigentlich nicht sinnvoller, wenn Sie sich nur der Musik und ein Zahlenmensch der Geschäftsführung widmen würde?
Die Selbstverwaltung kommt bei uns aus der Tradition. Wir entscheiden als Verein im Plenum, wir sind eine Vorzeigedemokratie. Natürlich ist die Belastung für Geschäftsführung und Vorstand enorm, weil wir eben auch Musiker sind – aber die Vorteile überwiegen. Zum Beispiel weil wir mit Dirigenten und Sängern und Musikern auf Augenhöhe sprechen können.

Vermutlich werden Sie auch als Musiker etliche Entscheidung anders fällen, als es ein Controller tun würde.
Aber zu hundert Prozent! Es gibt bei uns ein Zitat des Gründers: Mit den besten Kräften das Beste auf die beste Weise. Das zieht sich bis heute als roter Faden durch. Um dieses Prinzip leben zu können, muss man aber schon wissen, was das Beste und wer die besten Kräfte sind. Von außen kann das keiner sagen. Das muss man spüren und erleben. Und man braucht das Vertrauen des Orchesters. Das ist ein ganz eigenes Biotop, da müssen die Balancen stimmen, damit alle gut schwimmen können und gedeihen.

Was motiviert so begnadete Musiker eigentlich dazu, in einem Orchester aufzugehen anstatt eine Solokarriere anzustreben?
Dieses Gefühl, wenn 100 Personen, die extrem gut spielen können, mit all ihrer Kraft gemeinsam an einem Strang ziehen, ist unvergleichlich. Was da für eine Energie entsteht, das kann ein Einzelner nicht schaffen. So schön das solistische Spiel auch ist, die Magie, die in der Gruppe entsteht, hat man nur in ganz wenigen Momenten im Leben. Und die Musik im Orchester kann das schaffen. Deswegen ist das Orchester ein Riesengeschenk, für uns Musiker und für die Zuhörer. Diese besondere Musik zu machen und erfolgreich zu sein ist ein Motor. Auch
international geliebt und als Aushängeschild gesehen zu werden sind Motivationen.

Gibt es einen Popmusiker, mit dem Sie gern spielen würden?
Wir sind immer auf der Suche nach neuen, innovativen Projekten. Wir sind aber vorsichtig. Eine Marke ist schnell beschädigt. Wenn es Künstler sind, die zu uns passen, kann man einiges machen, aber die Frage ist immer, ob es sinnvoll ist. Mit Sting oder Elton John zu spielen, das fände ich durchaus interessant, aber man müsste dazu noch das passende Projekt finden.

Im neuen Teil von „Mission Impossible“ kommt klassische Musik vor, die Sie eingespielt haben. Ist Filmmusik generell interessant für die Wiener Philharmoniker?
Man darf sich die Filmmusik nicht als zu romantisch vorstellen. Das ist echte Knochenarbeit. Sie gehört nicht zu unserem Kern­repertoire. Aber wir sind offen und interessiert.

Sie touren mit den Wiener Philharmonikern regelmäßig um die ganze Welt. Wo wird „unsere“ Kultur denn besonders gut aufgenommen?
Ein ganz wichtiges Publikum von uns ist in Japan. Die Japaner verstehen unser Kultur und lieben sie.

Woran liegt es, dass sich Japaner so für europäische Klassik begeistern?
Japanern fällt es schwer, ihre Gefühle auszudrücken. Sie haben aber ein sehr sensibles inneres Seelenleben. Diese Empfindsamkeit wird von unserer Musik stark angesprochen. Ich habe deswegen oft erlebt, dass Japaner bei unseren Konzerten weinen, weil sie so berührt sind.
Das Bild, das Sie von Österreich aussenden, ist also hochemotional.
Hundertprozentig. Viele Leute können spüren, dass es gut ist, verstehen aber nicht immer alles. Das ist die emotionale Triebfeder der klassischen Musik.

Es gibt eine Handvoll großer Orchester auf der Welt. Was macht die Wiener Philharmoniker aus?
Ich vergleiche es gern mit Bordeaux und Burgunder. Das sind beides Topweine, aber es gibt charakteristische Unterscheidungen. Wir aus Österreich haben den Wiener Klangstil, wir haben das Neujahrskonzert, wie haben das Open-Air-Konzert in Schönbrunn und noch ein drittes jährliches Event, das weltweit übertragen wird. Das hat sonst niemand auf der Welt.

Wie steht es denn um den Werbewert, den Sie für Österreich generieren?
Ich bin der Meinung, dass man diesen Werbewert – der ganz enorm ist – manchmal bewusst nicht verstehen will. Es ist ein Imagewert, und es ist ein monetärer Wert, denn viele Menschen kommen extra zu den Konzerten nach Wien. Aber das wird gern ignoriert.

Von wem?
Von denen, die vielleicht einmal eine Subvention für ein Konzert bewilligen müssten. Darunter leiden wir. Da dreht es mir manchmal den Magen um. Was wir an Image und Werbewert für diese Stadt und dieses Land tun, wird überhaupt nicht honoriert. Was wir bieten, hat einen Wert. Da sitzen 100 Leute, die sieben Proben für ein Konzert machen. Jede Mechanikerstunde ist teurer.

Was hat es mit dem Wiener Klang, für den Philharmoniker bekannt sind, auf sich? Es heißt, Ihr Orchester spielt besonders leise. Stimmt das?
Leise spielen bedeutet, dass man zuhören kann. Jeden Abend spielen unsere Mitglieder in der Staatsoper. Dort lauscht man der menschlichen Stimme und ihrer Färbung, der man sich anpasst. Dafür muss man unter der Stimme bleiben und zuhören. Das macht viel aus. Wir haben darüber hinaus auch ein spezielles Instrumentarium mit eigenen Oboen und Hörnern. Es gibt auch eine spezielle Tradition der Streicher. Sie haben einen ungarischen Einschlag, ein bisserl schlampig, wie wir in Wien sind. Es ist eine ganz spezielle Mischung.
Gibt es ein Musikstück, das die österreichische Seele besonders gut einfängt?
Die wahren österreichischen Hymnen sind der „Donauwalzer“, der „Radetzkymarsch“ und „Wiener Blut“. Aber auch Mozart und Gustav Mahler haben viel Österreichisches.

Viele Musiker leiden unter der Digitalisierung der Branche. Ist das bei klassischer Musik auch so?
Der Markt ist im Wandel, und die Wiener Philharmoniker tragen dem Rechnung. Wir haben gerade bei einem kleinen Streamingdienst einen Vertrag unterschrieben. Von der wirtschaftlichen Seite ist das momentan noch nicht ergiebig. Doch wichtiger als das Wirtschaftliche ist uns die Zugänglichkeit der Musik. Es ist uns ein Anliegen, dass man klassische Musik hört. Nur wenn man sich darauf einlässt, kann man sich verzaubern lassen. Bei klassischer Musik muss man sich dafür aber schon ein paar Minuten Zeit nehmen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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