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Smart wie Dr. Cooper

08.06.2018

Viele Unternehmen suchen händeringend nach IT-Fachkräften. Dabei gibt es eine Personen-Gruppe, die zwar besonders geeignet ist, aber übersehen wird: Menschen mit Autismus.

Auch wenn Autismus im Fernsehen manchmal mehr Ähnlichkeit mit einer Superkraft als mit einem diagnostizierbaren Syndrom hat – nicht jeder Autist weist außergewöhnliche geistige Begabungen auf. „Aber es sind wirklich sehr viele“, erklärt Bettina Hillebrand von Specialisterne. Das Sozial-Unternehmen aus Wien hat sich auf die Vermittlung von Menschen mit Autismus spezialisiert und kann dabei gute Gründe ins Treffen führen. Vor allem Menschen mit dem Asperger-Syndrom, einer leichteren Form des Autismus, weisen einen besonderen Detailfokus auf. Sie denken Fakten basiert, logisch, analytisch und nehmen auch kleinste Abweichungen war. Ein Umstand, der vor allem in der IT von großem Vorteil sein kann. Etwa, wenn es Fehler zu finden gilt. Doch die Personengruppe hat auch besondere Bedürfnisse und Schwächen, die es zu berücksichtigen gilt.

Keine Stärke ohne Schwäche

So präzise die Analyse von Inhalten auch funktioniert, so schwierig gestaltet sich mitunter die Beziehungsebene. Da sich für Menschen mit Autismus viele Situationen rein auf logischer Basis erschließen, können sie mitunter eine Ehrlichkeit und Direktheit an den Tag legen, die für ihre Kollegen heraufordernd ist. Die positive Kehrseite ist ein ungeschöntes Feedback. Bei der Führung von Menschen mit Autismus gilt es manches zu beachten, meint Hillebrand. Aufgaben sollten speziell anfangs sehr gut strukturiert und eindeutig sein, da es immer wieder auch   Ängste vor unbekannten Situationen geben könne. Ausräumen lassen sich Probleme aber allemal. Denn Menschen mit Autismus gelten als besonders reflektiert und ein klärendes Gespräch kann Abhilfe schaffen. Generell gilt, dass Autisten klare Ansagen benötigen. Mit Sarkasmus und Botschaften zwischen den Zeilen dringt man kaum durch. Wer das beherzigt, kann die Kommunikation leicht meistern. Und nicht selten profitiert davon das gesamte Team, erzählt Hillebrand. Ob sich eine Vollzeitposition darstellen lässt, hängt sehr von der jeweiligen Persönlichkeit ab. Der Großteil bevorzugt laut Hillebrand eher Teilzeitmodelle. Schlicht aus dem Grund,  weil für sie das Leben neben der Arbeit energieraubend ist. Menschen mit Autismus bräuchten mehr Zeit, um sich zu organisieren. Auch spielen für viele von ihnen Hobbys eine enorme Rolle. Nicht selten ginge es auch dort um jedes kleine Detail. Kein Wunder, dass Specialisterne ihre Arbeitskräfte vorwiegend in die IT vermittelt, häufig als Softwaretester. Auch die Datenanalyse ist ein beliebtes Einsatzfeld. „Alles, wo es um Zahlen geht, liegt ihnen“, erklärt Hillebrand. Wo findet man nun die Mitarbeiter mit dem Blick für Details? „Natürlich bei uns“, lacht Hillebrand. Denn das Social Business versucht eine Lücke zu schließen, da Unternehmen am klassischen Bewerbermarkt nicht fündig werden könnten. Bei interessierten Betrieben klären die Experten, was gefordert wird und überprüfen, ob die Anforderungen von einem potenziellen Mitarbeiter abgedeckt werden können. Mit passenden Anwärtern startet ein Kennenlernprozess, auf den ein Probetag folgt. Wenn alles klappt, schließt ein Praktikum an. Danach gibt es zwei Varianten. Das Unternehmen stellt den Mitarbeiter selbst an, oder es nimmt ihn auf Zeit auf.

Projekt für 1000 Jahre

Im Pool von Specialisterne befinden sich meistens zwischen 30 und 40 Personen. Der Wunsch des Unternehmens ist dabei, sich irgendwann unnötig zu machen. Ein Ziel, dass noch in weiter Ferne steht. Rund 20.000 Menschen mit Autismus, die Arbeitsfähig wären, aber keinen Job haben, beherbergt Österreich. Specialisterne vermitteln rund 20 von ihnen pro Jahr. Ein Umstand, der mehrere Gründe hat. Oft passen die Formalkriterien nicht. Das Studium wurde etwa nicht abgeschlossen. Mitunter bewerben sich Menschen mit Autismus auch erst gar nicht, da sie die Jobausschreibungen extrem ernst nehmen. Fehlt eine Qualifikation lassen sie es bleiben. Gelingt der Einstieg doch, ist die Anstellung nicht selten nur von kurzer Dauer. Da sehr viele Menschen mit Autismus keine Diagnose aufweisen, werden ihnen Scheuklappen und mangelnde Teamfähigkeit vorgeworfen. Häufig eine Folge falscher Einsatzgebiete. Wer den Schritt wagt, hat jedenfalls eine Menge zu gewinnen, meint Hillebrand. Eine Umfrage, die Specialisterne gemeinsam mit der WU-Wien gemacht hat, konnte bestätigen, dass die Freude an der Arbeit in den Teams mit Menschen mit Autismus zugenommen hat. Oft, weil diese Kollegen genau die Dinge mit Begeisterung erledigen, die sonst keiner tun will oder kann. Darüber hinaus hat die Umfrage gezeigt, dass die Kommunikation klarer wurde und auch, dass die Leistung der Teams gesteigert wurde. Eine klassische Win-Win-Situaton also.  

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