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Sind die mein Geld wert?

14.04.2019

Warum der Börsengang ein echtes Fitnessprogramm darstellt, wieso Österreich mehr Finanzbildung braucht und weshalb er die Kapitalertragssteuer abschaffen will, erklärt Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, im Gespräch.

Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse, im Gespräch.

Aktuell sind 80 heimische Firmen an der Wiener Börse gelistet. Wieso nützen eigentlich nicht mehr Unternehmen die Möglichkeiten? Sind klassische Kredite so viel attraktiver?
Heimische Betriebe sind in der Regel durchaus eigenkapitalstark. Und wenn nicht, werden sie von örtlichen Banken mit Krediten versorgt. Das Zinsniveau macht Kredite zusätzlich attraktiv. Aber das wird sich ändern, und dann stehen die Börsen anders im Wettbewerb da. Eine offene Flanke gibt es schon jetzt im Bereich der Innovationsfinanzierung. Dafür sind Kredite nur schwer zu bekommen, wodurch Börsen Zulauf bekommen. Losgelöst davon bemühen wir uns darum, die Möglichkeiten der Börse sichtbar zu machen und den Unternehmen zu erklären. Denken wir etwa an Refinanzierung. Wir raten dazu, sie auf eine breite Basis zu stellen und nicht nur auf Fremdkapital zu setzen. Eigenkapital, das man an der Börse aufnehmen kann, bringt viele Vorteile.

Was spricht darüber hinaus für einen Börsengang?
Die Visibilität. Sobald man notiert, ist man sichtbarer. Mit dem eigenen Produkt und der Dienstleistung. Dadurch bekommt man bei Kunden und Lieferanten ein besseres Standing. Natürlich verbessert sich auch die Bonität im Vergleich zu nicht gelisteten Companies.

Eine höhere Sichtbarkeit erfordert aber auch mehr Transparenz. Schreckt die Vorstellung, in die Auslage zu kommen, manche Unternehmen ab?
Wer an die Börse geht, unterwirft sich der Governance. Sie schafft sinnvolle Strukturen im Unternehmen und beeinflusst, wie man sich aufstellt und berichtet. Da gibt es keine Diskretion mehr. Daran muss man sich halten. Punkt. Das kann als Nachteil empfunden werden. Die Unternehmen sollten es aber vielmehr als Fitnessprogramm sehen, das Finanzierung, Sichtbarkeit und Ordnung bringt.

Kann das Programm auch scheitern?
Natürlich können diese Ziele unerfüllt bleiben. Es kann passieren, dass ein Unternehmen die Refinanzierung nicht bekommt, weil die Story nicht passt. Man muss die Geschichte für die Investoren zeitgerecht entwickeln und dann dranbleiben. Es gibt Unternehmen, die das nicht geregelt bekommen. Manche patzen auch nach dem Floating. Das äußert sich dann beim Kurs. Investoren fragen sich natürlich immer: Sind die mein Geld noch wert?

"Wer an die Börse geht, unterwirft sich der Governance."

Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen abgesehen von einer guten Story mitbringen, um erfolgreich an die Börse zu gehen?
Das hängt vom Marktsegment ab. Wir haben kürzlich einen eigenen KMU-Markt eröffnet. Zu diesem einfachen Segment bekommt man Zugang, wenn man eine Aktiengesellschaft ist und 20 Aktionäre hat. Dann kann man sich listen lassen. Das ist allerdings auch kein Selbstläufer. Es gilt zu klären, worauf der Börsengang abzielt. Will die Firma Kapital aufnehmen? Was will sie damit machen? Will sie Altaktionäre auszahlen? Stehen Investitionen an? Meistens ist es eine Kombination. Aus den Zielvorgaben müssen die entsprechenden Vorbereitungen abgeleitet werden.

Welchen Zeitrahmen sollten KMU dafür einplanen?
Für die Vorbereitung mit Kapitalaufnahme würde ich von zwölf Monaten ausgehen. Es hängt allerdings immer vom Stadium des Unternehmens ab. Es gibt ja viele Betriebe, die in hoch regulierten Märkten tätig sind. Wenn man auf ein hohes Niveau aufsetzt, geht es schnell. Ich empfehle als ersten Schritt, Fremdkapital zu listen, Börsenluft zu schnuppern und dann eigene Aktien zu listen. Anleihen zu begeben ist einfacher, was die Berichterstattung anbelangt.

Wie gut werden diese Möglichkeiten angenommen?
Wie entwickelt sich die Wiener Börse? Im Top-Segment prime market hatten wir das große Privileg, 2017 den drittgrößten Börsengang Europas mit der Bawag in Wien zu haben. So etwas tut dem Markt gut. Im Jänner hatten wir den ersten europäischen IPO des Jahres von Marinomed Biotech. Im neuen KMU-Segment „direct market plus“ gingen acht Unternehmen an den Start, davon vier neue. Das spricht für sich!

Wie viele Neuzugänge im KMU-Segment wünschen Sie sich pro Jahr?
Zehn neue Unternehmen im KMU-Segment wären schön. Allerdings muss man dazu sagen, dass wir das Handelssystem bieten. Wir emittieren nicht, wir investieren nicht. Wir stellen die Plattform zur Verfügung. Das machen wir sehr bewusst und modernisieren sie laufend, aber die Möglichkeiten müssen schon von den Unternehmen ergriffen werden. Wir bieten den Ferrari, fahren müssen die Firmen.

Würden Sie sich mehr Nachfrage vonseiten der Unternehmen wünschen?
Wir wachsen und sind erfolgreich, wir haben viele ausländische Aktien eingeführt. Unsere Vertriebsanstrengungen gehen auf, wir optimieren den Handel, betreiben die IT und den Daten-Hub, berechnen über 140 Indizes, bieten diverse Dienstleistungen und betreiben die Technik für fünf Börsen. Der Heimatmarkt ist allerdings klein. Deswegen setzen wir auf Internationalisierung. 85 Prozent unserer Aufträge kommen aus dem Ausland.

Wer sind die wesentlichen Investoren an der Börse?
Es sind vorwiegend internationale Player wie Blackrock oder der NORGES Staatsfonds. Es gibt leider nur einen geringen regionalen Flow. 15 Prozent des Handelsvolumens kommen aus dem Inland. Ein großer Teil der Dividenden geht deswegen ins Ausland. Da muss sich die Politik entscheiden, ob sie das gut findet.

"Die meisten Vorschriften sind sinnvoll."

Wer sich an die Börse begibt, unterliegt strengen Berichtspflichten. Wirkt die Bürokratie als Hemmschuh?
Die meisten Vorschriften sind sinnvoll. Etwa die Verpflichtung zur Ad-hoc-Publizität. Man kann aber diskutieren, ob für KMU wirklich die gleichen Regeln wie für große Konzerne gelten müssen. Wir setzen uns dafür ein, da Erleichterungen zu schaffen. Sie sollten der Größe und der Art angemessen sein. Für einen kleinen Zulieferer muss nicht das gleiche gelten wie für VW.

Brüssel oder Österreich: Woher kommt die Mehrzahl der Vorschriften?
99 Prozent des Kapitalmarktrechts kommen aus der EU. Weil das so ist, muss man im Wettbewerb aber national drauf achten, kein Gold Plating zu betreiben. Dabei geht es aber nicht nur darum, ob man zusätzliche Vorschriften erlässt. Man könnte auch erleichternde Ausnahmen festlegen. Doch oft passiert das nicht, und Vorteile können nicht genützt werden. Das gilt auch für die Verwaltungspraxis und die Frage, wie streng Regeln ausgelegt werden.

Wie lässt sich die Attraktivität des Finanzplatzes noch steigern?
Es braucht auch den entsprechenden politischen Willen. Die Regierung ist grundsätzlich offen und unterstützend. Wir warten aber gespannt ab, was die Steuerreform bringt und werden die Maßnahmen dann bewerten. Was ich infrage stelle, ist die Besteuerung der Gewinne, wenn Privatanleger aus bereits versteuertem Arbeitseinkommen investieren. Wieso soll beim Einsatz von bereits versteuertem Kapital noch einmal Kapitalertragsteuer eingehoben werden? Ich hätte diese Steuer gerne weg oder zumindest gesenkt.
Es bräuchte darüber hinaus auch eine heimische Investorenbasis. Österreich weist nur eine geringe Aktionärsquote auf. Es würde dem Finanzplatz auch guttun, wenn die Finanzbildung stärker verankert wäre. Da wird über das Binnen-I diskutiert, aber auf die financial literacy wird vergessen. Das fehlt in den Schulen. Ein fataler Fehler. Denn aus meiner Sicht ist Bildung der beste Anlegerschutz.

Liegt darin auch der Grund, warum nicht mehr Menschen in heimische Aktien investieren?
Die mangelnde Finanzbildung spielt sicher eine Rolle. Wir brauchen selbstbewusste Selbstentscheider, die kaufen, was sie verstehen. Dabei gilt immer: Das Portfolio sollte breit diversifiziert und langfristig angelegt sein. Aktien sind ein Marathon und kein Sprint. Wer das beherzigt, kann im Durchschnitt sieben Prozent Rendite jährlich erwarten. Wichtig ist natürlich auch ein prinzipieller Glaube an Wirtschaftswachstum und Innovation.

Gerade sind weltweit Schüler auf die Straße gegangen und haben für Maßnahmen gegen den Klimawandel und für ökosoziale Steuern demonstriert. Immer öfter werden auch Alternativen wie Gemeinwohlökonomie ins Spiel gebracht. Glauben Sie an ewiges Wachstum?
Es gibt nichts, was so am Gemeinwohl orientiert ist wie Wachstum. Das Ende des Wachstums wurde vom Club of Rome schon in den Siebzigerjahren beschworen, doch der Wachstumspfad hat sich nicht geändert. Natürlich darf Wachstum nicht Ressourcen verschleißend aufgesetzt sein. Doch Fortschritt und Innovation sind real und damit auch weiteres Wachstum.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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