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Sie wünschen, wir lehren

26.02.2019

Unternehmen brauchen ausgebildete Mitarbeiter, Fachhochschulen brauchen finanzierte Lehrgänge. Was liegt näher, als sich zusammenzutun? Dabei gibt es mehr Möglich­keiten, als man denkt.

Der Seilbahnhersteller Doppelmayr hatte eine altruistische Idee. Wenn die Manager von Skigebieten, die Einkäufer von Beschneiungsanlagen, die Destinations-Marketer in ihren Büros mehr von Seilbahnen, dem Herzstück ihres Universums, verstehen würden, würde jeder nicht mehr nur sein Segment sehen. Dann wäre die Branche auf ein neues Level gehoben.
2013 setzte sich Doppelmayr-Verantwortlicher Christoph Hinteregger mit den Fachhochschulen Vorarlberg und Schloss Hofen zusammen und tüftelte einen Lehrgang aus. In dem werden „nur Dinge gelehrt, die praktischen Nutzen haben“, in zwei Spezialisierungen, Engineering und Management. Doppelmayr schickt eigene Mitarbeiter dorthin, „damit sie die Sprache des Kunden lernen“. Auch der eine oder andere Absolvent fällt für ihn ab. Die FH profiliert sich mit einem stimmigen Lehrgang, der zunehmend auch international auffällt. „Der kommende Durchgang ist voll“, freut sich Hinteregger, „auch mit Teilnehmern aus Süddeutschland, Südtirol und der Schweiz.“ 100.000 Euro ist das Doppelmayr jedes Mal wert: „Das spart den Studierenden ein Drittel der Kosten.“ Win-win-win also.

Lehrgang ist nicht gleich Studium

Das Prinzip firmen(teil)finanzierter Lehrgänge erfreut sich über ganz Österreich großer Beliebtheit. Am anderen Ende des Landes beschreibt Karl Ennsfellner, Geschäftsführer der IMC FH Krems, wie man dabei vorgeht: „Andockpunkte sind das Ca-reer Center der jeweiligen FH, das relevante Institut oder die Geschäftsleitung.“ Gemeinsam entwickelt man ein Curriculum auf Basis des Anforderungsprofils, was ein Absolvent am Ende beherrschen soll. Beispiel: Ein Unternehmen will seinen Außendienst aufwerten und den Mitarbeitern konkrete BWL-Qualifikationen wie Bilanzlesen, Marketing, interne Organisation und Finanzierung zukommen lassen. 
Steht das Curriculum, prüft es ein FH-Kollegium, gibt es frei – und fertig ist der Lehrgang. Niemand sonst redet mit. Die Finanzierung ist Verhandlungssache. Ennsfellner: „Das hängt von Dauer und Umfang ab.“ 
Wichtiges Detail: Wir sprechen hier von einem Lehrgang, keinem Studium. Die Teilnehmer sollten Matura haben, unter bestimmten Umständen – vor allem einschlägige Praxis – wird sie ihnen erlassen. Der Abschluss, selbst wenn er „Master of Science“ (MSc) lautet, berechtigt nicht zu einem Doktoratsstudium. Das haben ohnehin nur wenige vor. 
Die Alternative ist das duale Studium mit den Abschlüssen Bachelor oder Master. Hier haben die Studierenden zwei Lernorte: die FH und das auftraggebende Unternehmen. Am einen lernen sie die Theorie, am anderen wenden sie diese in der Praxis an. Duale Studien müssen von der AQ-Austria akkreditiert werden, die Studierenden brauchen dafür die Matura als Hochschulberechtigung. Laut Ennsfellner finanziert sie meist das Unternehmen aus, manchmal bis hin zu den obligaten 363 Euro Studiengebühr pro Semester.

Billiger, bitte!

Das kann sich nicht jedes KMU leisten. Die meisten wollen ja vorwiegend Jungtalente abschöpfen. Dafür pflegt die FHWien der WKW eine preiswertere Methode. Sieglinde Martin leitet dort drei Studienbereiche: Communication, Marketing & Sales und Journalismus. An sie treten Unternehmen mit konkreten Aufträgen für Projektarbeiten heran. Beispiele: BioVital benannte sich in BinVital um und brauchte ein Relaunch-Konzept. Elk Fertighäuser hatten ein Vermarktungsthema. Und das Schloss Hof wollte noch mehr Besucher anziehen.
Ganz oft, sagt Martin, werden auch Social-Media-Konzepte bestellt, mal mit, mal ohne Marktforschungsstudie. Nichts davon ist gratis, aber deutlich billiger als ein Studiengang. Oft wollen die Studierenden ihre Projektarbeit dann später umsetzen – und heuern beim Auftraggeber an.

Eine Nummer größer

Bislang hatten wir drei Player, nämlich ein Unternehmen, eine FH und ihre Studierenden. In einem Ausbildungsverbund kann das System beliebig erweitert werden. In Oberösterreich etwa saugte die mächtige Voestalpine die meisten Talente vom Markt ab. Einzeln waren die KMU der Region Wels zu schwach, um sich dem Brain-Drain nach Linz entgegenzustemmen. 
Gemeinsam sind sie es nicht. BRP-Rotax, Fronius und Wacker-Neuson ließen alle Konkurrenzgedanken beiseite und schlossen sich zum Ausbildungsverbund EDUhub zusammen. Dessen Herzstück ist die RIC-Akademie von BRP-Rotax. In erster Linie werden dort die Lehrlinge der drei Unternehmen ausgebildet. Für die höheren Professionen sind auch die FH Wels, das BFI OÖ und sogar die Linzer Johannes-Kepler-Universität an Bord. Letztere ausdrücklich nicht als Ausbildungsanbieter, sondern weil der EDUhub dem Forschungsauftrag der Universität sehr gelegen kommt. An seinem Beispiel forscht die JKU an zeitgemäßen Lernmanagement- und Bereitstellungssystemen. 
Das BFI OÖ hingegen ist die Schaltstelle für Unternehmen aus der Welser Region, die für ihre Mitarbeiter konkrete Fortbildungswünsche haben. Die Curricula stellt BFI-Handlungsbevollmächtigter Gerhard Zahrer zusammen. Die theoretischen Teile kommen von der FH Wels und dem BFI, die praktischen werden im RIC oder vor Ort bei den drei KMU organisiert, je nachdem, welches die notwendigen Maschinen dafür hat. Der Ausbildungsverbund schafft so die vielzitierte „Losgröße eins“: ein Mitarbeiter, eine spezielle Ausbildung, maßgeschneidert nur für ihn.

Und noch größer

Noch eine Nummer größer ist der Ausbildungsverbund Mostviertel. An ihm sind inzwischen 150 regionale KMU beteiligt, allen voran die Gründer Umdasch, Mondi, Forster und Welser Profile. Der Verbund der produzierenden Industrie, wie ihn Geschäftsführerin Rosemarie Pichler nennt, kann sich inzwischen fünf festangestellte Mitarbeiter leisten, die sich nur um Aus- und Fortbildung in den Mitgliedsbetrieben kümmern. Auf FH-Ebene wird hier mit den FH St. Pölten und Wr. Neustadt zusammengearbeitet. Ortet Pichler bei ihren Mitgliedern einen konkreten Qualifizierungsbedarf, setzt sie sich umgehend mit den FH in Kontakt.

Lasst sie forschen

Wem das zu groß ist, der kann auf andere Weise mit FHs zusammenarbeiten: durch die Vergabe von Forschungsaufträgen. Lehren allein genügt nicht, FHs haben wie Universitäten einen Forschungsauftrag des Gesetzgebers. Und woher nehmen sie die wissenschaftlichen Themen für ihre Bachelor-, Master- und Doktorarbeiten?
Genau. Sie sind dankbar für die zahllosen Forschungsfragen, die etwa die Digitalisierung aufwirft. An der FH St. Pölten ist der mehrfache IT-Studiengangsleiter Franz Fidler Experte für die Blockchain. Die ist so neu und unerforscht, dass es noch gar keine Curricula gibt. Fidler trägt das Thema in seine Studiengänge hinein – und gibt nur zu gern die Forschungsfragen der Wirtschaft an seine Studenten weiter.
Die Logik dahinter liegt auf der Hand: Ist ein Student für seine Abschlussarbeit erst einmal tief in die Materie eingetaucht, will er seine These auch umsetzen. Und beim Auftraggeber stehen die Türen sperrangelweit offen.

 

Text: Mara Leicht
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