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Sicher unterwegs

04.09.2019

Wie gefährdet sind Waren heute auf dem Weg zum Kunden und wie sichern Logistiker ihre Fracht ab? Ein Überblick.

15 Milliarden Euro: So hoch schätzen Fachverbände den Schaden durch Transportdiebstähle in Europa ein – pro Jahr, mindestens. Der indirekte Schaden wird sogar auf die vierfache Summe geschätzt. Dass Lagerung und Lieferung von Waren also entsprechend abgesichert werden sollten, liegt auf der Hand. Wer nun vermutet, dass ausschließlich hochpreisige Waren besondere Aufmerksamkeit verdienen, irrt. Waren früher tatsächlich vor allem Hightechprodukte und HighValue-Lieferungen im Visier von Kriminellen, sind heute auch simplere Ladungen gefährdet. Natürlich weisen leicht verwertbare, hochpreisige Produkte wie Tablets oder Handys nach wie vor das höchste Risiko auf. Doch selbst Babynahrungstransporte sind nicht mehr vor Langfingern sicher. Alexander Horak, Head of Industry Vertical High-Tech bei Gebrüder Weiss, kennt die klassischen Risikoprodukte. Auf den Topplätzen befinden sich stets Elektronikgeräte, Tabak, Kleidung und Kosmetik. Überraschen können auch die Tatorte. Denn auch wenn man entlegene Destinationen im Osten als besonders riskant für Transportdiebstähle vermuten würde, die Realität sieht anders aus. In Großbritannien, Holland, Spanien, Frankreich und Deutschland treiben Diebe laut Horak besonders häufig ihr Unwesen. Der Grund ist einleuchtend: Vielfach nehmen in diesen Ländern Warenlieferungen ihren Ausgang oder gehen dorthin. Auch die großen europäischen Verteilzentren liegen in diesen Ländern. Dass die Statistiken allerdings einen erheblichen Graubereich aufweisen und Ausnahmen die Regel bestätigen, darf nicht verwundern: Bei Weitem nicht alle Diebstähle werden gemeldet.

Insgesamt dürften die Zahlen aber zurückgehen, was laut den Aussagen von Sicherheitsexperten großer heimischer Logistiker auch an der gezielten Arbeit der Polizei liegt, die sich auf die Lauer gelegt und Banden aus dem Osten dingfest gemacht hat. Unerlässliche kriminalistische Arbeit, denn teilweise wurden Kriminelle in die Logistikunternehmen selbst eingeschleust, um gezielt einzelne Transporte ausrauben zu können.

WO GEFAHREN LAUERN Konkreter Ort des Verbrechens ist in den meisten Fällen ein Parkplatz. Rund 75 Prozent der an die Transported Asset Protection Association, TAPA, gemeldeten Diebstähle erfolgen direkt vom Fahrzeug. Womit klar ist: Das größte Risiko lauert beim Transport selbst. Ein zentrales Problem sind dabei mangelnde Sicherheitsparkplätze auf den Routen, erklärt Alexander Horak.

Doch so vielfältig die Bedrohungen auch sind, so ausgefeilt sind auch die Sicherheitsstrategien der Logistiker. In aller Regel beginnen sie mit einer Checkliste und einer Analyse – gemeinsam mit dem jeweiligen Businesskunden. Was wird transportiert? Wo soll die Ware hin? Entsprechende Fachabteilungen prüfen dann die optimale Durchführung und nehmen vorab eine Risikobewertung vor, wie Andreas Schweiger, Speditionsleiter und Sicherheitsbeauftragter bei Dachser Österreich, erklärt.

Bei Gebrüder Weiss kommen sogar eigene Security-Manager ins Spiel, die im Bedarfsfall konkrete Sicherheitskonzepte erstellen und nach einem speziellen Sicherheitsstandard vorgehen. Dabei geht es zunächst darum, festzustellen, von wo Warenströme wohin gehen und wie sich möglichst risikoarme Transportrouten finden lassen.

Dass natürlich auch der Lagerbereich entsprechend abgesichert wird, versteht sich von selbst: Von Zutrittskontrollen, speziell geschulten Mitarbeitern mit Leumundszeugnis, Umzäunungen, Kameras bis hin zu Wachdiensten reicht die Palette der Maßnahmen. Und je nachdem welche Waren gelagert werden, kommen unterschiedliche Lagerplätze zum Einsatz. Ähnlich gehen die Profis beim Transport selbst vor: Auch da gibt es verschiedene Standards. Spezielle Fahrzeuge haben etwa Türsensoren, die einen Alarm auslösen können. Bei manchen Lastern lassen sich die Türen überhaupt nur ferngesteuert aus einem Büro entriegeln – nach erfolgter GPS-Peilung. Auch Panikknöpfe im Fahrerhaus sollen in brenzligen Situationen helfen.

Das A und O sei aber laut Horak die Planung selbst. Man analysiert die Route, auditiert die Parkplätze und gibt vor, welche angefahren werden dürfen. Auch die Überwachung der Transporter in Echtzeit mit GPS ist keine Seltenheit mehr. Verlässt der Fahrer einen bestimmten Korridor, wird Alarm ausgelöst. Geht es um spezielle Werttransporte, können sogar eigene Überwachungsbereiche eingerichtet werden. Ist das Produkt besonders sensibel, wird mitunter der gesamte Transportweg überwacht. Ein Kamerawagen fährt hinter dem Transporter und dokumentiert den Ablauf.

Dass die Logistikexperten entsprechend aufgerüstet haben, liegt auch daran, dass ihre Kunden in den letzten Jahren ein steigendes Bewusstsein für das Thema entwickelt haben. Oftmals allerdings erst nachdem ein Diebstahl passiert ist. In diesem Fall haftet der Logistiker nämlich nicht automatisch für den gesamten Schaden.

WARUM UNTERNEHMER VORSORGEN MÜSSEN Zwar gibt es eine Mindesthaftung, doch wenn es um hochpreisige Produkte geht, ist der gesamte Wert nicht automatisch gedeckt. Entsprechend wichtig ist es, ein Sicherheitskonzept zu erarbeiten und auch Versicherungslösungen einzubinden. Vielfach sei das laut Horak sogar eine Grundvoraussetzung, damit Logistiker den Transport einer besonders heiklen Fracht übernehmen können. Wird ein spezielles Sicherheitskonzept erarbeitet, steigt auch die Haftung. Geklärt werden sollten solche Fragen immer im Vorfeld, damit nicht nachher ein schmerzhaftes Aha-Erlebnis entsteht. Extrem komplex müssen die Lösungen übrigens nicht unbedingt ausfallen, wie Horak weiß. Mitunter kann es schon reichen, den Lkw mit zwei Fahrern zu besetzen, wodurch keine Pause auf der Route eingelegt und kritische Parkplätze vermieden werden können. Das bringt viel Sicherheit, kostet aber wenig. Womit sich zeigt: Wer vorsorgt, hat kein Nachsehen.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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