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Selbsterforschung vor Marktforschung

14.04.2019

Die Menschen wollen schnelle, sofortige Verfügbarkeit und Individualität, sagt die Marktforschung. Aber was will ich als Unternehmer eigentlich?

Wer bist Du, Kunde? Zieh dich aus. Zeig mir dein Herz. Noch nie war der Wunsch, den potenziellen Kunden und seine Wünsche zu identifizieren, so groß wie heute, weil auch die Ratlosigkeit noch nie so groß war. Was wissen wir denn überhaupt, außer dass alles sehr kompliziert geworden ist? Na, das ist doch schon einmal ein Anfang. Alles ist kompliziert geworden, oder sagen wir besser: komplex. Und es gibt kein Zurück. Wir können den Zeitpfeil nicht umdrehen. Die Globalisierung hat stattgefunden. Die Menschen leben als multiple Persönlichkeiten. Zuhause sind sie ökologisch bewegt und bringen ihren Kindern bei, Haarwaschmittel ohne Silikone zu kaufen und wie man mit Bäumen redet, im Beruf bespricht derselbe Mensch knallhart Strategien zum Ausstechen eines Mitbewerbers. Zur Kündigung von fünfzig Mitarbeitern fährt er mit einem Fahrrad, das aus Schwemmholz hergestellt worden ist. Spannende Zeiten für Marktforscher. Was sagen die eigentlich?

„Wir können gültige Ergebnisse liefern“, sagt Daniela Höllerbauer, Chefin der Whitebox-Marktforschung, „die Gültigkeit hat sich aber verkürzt. Früher konnten wir einen Ausblick bis zu zehn Jahren geben, heute sind es zwei bis fünf Jahre.“ Wenn man in kürzeren Abständen nachfragen muss, heißt das, dass wir uns alle schneller verändern. Subjektiv mag das nicht so sein. Wir haben ja gerne das Gefühl, stabile Persönlichkeiten zu sein, aber die Marktforschung lügt nicht. Wir rasen durch Lebensstyle, probieren einen aus, verlassen ihn und prüfen einen anderen. Wir sind Lifestyle-Nomaden geworden und probieren ethische Gewänder ebenso an wie den neuesten Entwurf der ohnehin aberwitzig schnellen Modebranche. Die Nomaden vor 100.000 Jahren sind gewandert, doch es waren nicht mehr als zehn Kilometer im Leben eines Individuums. Das ist heute eine Joggingrunde. Wieso sagen wir heute, dass wir sesshaft sind und die Leute damals Nomaden waren? Wir sind schneller, umfassender und ungeduldiger. Wir sind geografisch, ethisch – in unseren gesamten Möglichkeiten – einfach überall.

Kennen die Kundinnen und Kunden ihre Bedürfnisse überhaupt noch? Da lacht die Marktforscherin. „Nein“, sagt sie, weil sie so auch nicht fragt. Das bleibt dann doch dem Coaching oder der Psychotherapie vorbehalten. „Wir fragen aktuelle Lebenssituationen ab“, sagt Whitebox-Chefin Höllerbauer und erfährt so, an welchem Punkt des Lebens die Leute sich befinden. Daraus kann sie ableiten, was die Leute dafür benötigen, ohne dass sie es oft benennen können.

Einen allgemein gültigen Trend sieht sie: „Die Menschen wollen schnelle, sofortige Verfügbarkeit und Individualität. Alles, was sich individualisieren lässt, ist gut.“ Alles jetzt und gleich und ganz persönlich zugeschnitten.

Wenn alles ganz individuell wird, dann darf man sich als Unternehmer auch einmal die individuelle Frage stellen: Was will ich selbst? Vielleicht braucht es statt Kundenpsychologie eher eine Anbieterpsychologie. Warum tue ich als Unternehmer das, was ich tue? Weiß ich es noch? Habe ich es je gewusst? Will ich es herausfinden? Wenn Individualisierung die große Kraft ist, dann sollten die Anbieter von Produkten und Dienstleistungen vielleicht ihr Angebot ganz brutal auf ihre persönliche Ethik abstimmen und nicht auf die volatilen Bedürfnisse des Marktes. Wenn ich als Unternehmer nicht an meine Einzigartigkeit glaube, werden es die Kunden auch nicht tun. Ich vertraue besser dem Magnetismus meiner eigenen Vision, anstatt herausfinden zu wollen, was meine Kundinnen wollen, um mich diesen Wünschen dann anzubiedern. Nicht der Kunde ist König, sondern ich bin es.

Vielleicht ist dies das zeitgemäße Rezept für Entrepreneurs: Zuerst Selbsterforschung, dann Marktforschung.

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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