Selbst fahren oder selbstfahrend? | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Selbst fahren oder selbstfahrend?

06.06.2016

Autonomes Fahren – nur mehr ein kleiner Schritt für die Technik, aber eine gewaltige juristische Herausforderung. Ein Ausblick.

Kein Trend dominiert das Thema Mobilität derzeit intensiver, als das autonome Fahren. Es gibt kaum Hersteller, die sich nicht intensiv mit diesem Thema auseinandersetzen. Viele Automobilhersteller entwickeln und forschen selbst am autonomen Fahrzeug oder arbeiten mit hochspezialisierten Hightech-Firmen zusammen. Andere wiederum streben internationale Kooperationen an, sparen sich die aufwändige Forschungsarbeit und setzen sich – wie Fiat – ins gemachte Google-Nest. Die technischen Zugänge waren und sind jedenfalls vielfältig und komplex.

Evolution am Lenkrad

In kleinen Schritten nähert sich die Industrie dem großen Ziel immer mehr an. Mit der Einführung des Radar-unterstützten Tempomats bekam auch Otto Normalverbraucher erstmals Eindrücke davon, wohin die Reise gehen wird. Dem automatischen Abstandhalten folgte das automatische Spurhalten, dann das automatische Spurwechseln. Man merkt es, das Wort automatisch kommt immer öfter ins Spiel. Autonomes Fahren ist schon jetzt mit vielen modernen Fahrzeugen mehr oder weniger möglich. Das Model S von Tesla und auch die neue E-Klasse von Mercedes-Benz sind schon verdammt nahe dran. Die Strecke Salzburg–Wien sollte damit bereits weitgehend autonom funktionieren – zumindest wenn es um selbstständiges Beschleunigen, Bremsen und leichtes Spurhalten geht. Freihändig ginge auch bereits, ist aber noch nicht erlaubt.

„Jedes Fahrzeug und miteinander verbundene Fahrzeuge müssen, wenn sie in Bewegung sind, einen Führer haben. ... Jeder Führer muss dauernd sein Fahrzeug beherrschen ... Jeder Fahrzeugführer muss unter allen Umständen sein Fahrzeug beherrschen, um den Sorgfaltspflichten genügen zu können und um ständig in der Lage zu sein, alle ihm obliegenden Fahrbewegungen auszuführen.“ Auszug aus dem Wiener Abkommen vom November 1968

Neues Regelwerk macht Weg frei

Die Bestimmungen des sogenannten Wiener Abkommens von 1968 bargen bislang die entscheidenden Hindernisse für die Zulassung autonom fahrender Autos. Dieses Abkommen sollte durch die Standardisierung der Verkehrsregeln den Straßenverkehr global sicherer machen. 73 Vertragsstaaten sind weltweit davon betroffen. Einiges hat sich nun am 23. März 2016 geändert: Artikel Nummer acht erhält ab sofort einen neuen Zusatz – frei übersetzt aus dem Englischen und ebenso frei interpretiert: Dass technische Einrichtungen stellvertretend menschliche Aufgaben übernehmen können und somit die dauernde Aufsicht des Fahrzeugs durch den Fahrer oder die Fahrerin nicht mehr zwingend erforderlich ist.

Natürlich ist dadurch die Bahn für das autonome Auto nicht komplett frei. Zunächst müssen noch die sogenannten UN/ECE-Regelungen angepasst werden. Unter diesem Paragraphenwerk ist ein Katalog von einheitlichen Vorschriften für technische Einrichtungen bei Kraftfahrzeugen zu verstehen, den die Wirtschaftskommission für Europa mit den Vereinten Nationen vereinbart hat. Darin ist unter anderem vorgeschrieben, dass sich die Hände des Fahrers stets in Reichweite zum Lenkrad befinden müssen.

Deshalb schaltet sich der Lenk-Pilot der neuen E-Klasse von Mercedes ab, wenn der Fahrer nicht regelmäßig das Steuer berührt. Erst wenn die UN/ECE-Regelung 79, in der es um die „Lenkanlage von Fahrzeugen“ geht, eine „automatische Lenkfunktion“ zulässt, ist der nächste wichtige Schritt vollbracht. Immerhin arbeitet eine Kommission unter deutsch/japanischem Vorsitz derzeit an einer juristisch einwandfreien Formulierung.

Entscheidungen über Leben und Tod

Nicht nur juristisch, auch ethisch sollte man das Thema „autonomes Fahren“ angehen – schließlich ersetzt der Computer in Zukunft nicht nur das Fahren an sich, es müssen auch diverse Reaktionen auf Verkehrssituationen rasch und richtig autonom getroffen werden. „Überfahre ich den Fußgänger oder steuere ich vollbesetzt in den Gegenverkehr?“ Wie programmiert man einen Computer für solche Entscheidungen? Und wer haftet letztendlich dafür, was ein Auto entschieden hat? Es gibt also noch jede Menge knifflige Fragen zu lösen. Das Thema autonomes Fahren wird uns nicht nur technisch, sondern auch juristisch intensiv beschäfitgen. So wie einst der Motor das Pferd verdrängte, wird demnächst der Computer den Menschen an Lenkrad, Gas- und Bremspedal ersetzen – zumindest immer dann, wenn man das möchte. Fakt ist: Die Zukunft wird spannend und definitiv autonom.

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