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Schwierig bis unmöglich

17.05.2017

Der Niederösterreicher Peter ­Platzer hätte Österreich gerne zu einem Zentrum für Satellitentechnik gemacht. Doch Geldgeber und Politik waren zu zögerlich. Heute sitzt sein Unternehmen Spire in den USA, Schottland und Asien und gibt weltweit den Ton an. Ein Interview über eine innovationsfeindliche Kultur und den Zugang zum All.

Sie haben Ihre Firma 2012 in San Francisco gegründet. Das Ziel: satellitengestützte Daten durch kosteneffiziente Nano­satelliten generieren. Ursprünglich stammen Sie aber aus Mödling. Hätten Sie sich auch vorstellen können, in Österreich zu gründen?
Ursprünglich haben wir tatsächlich versucht, in ­Europa Risikokapital für unsere Firma aufzutreiben. Ich habe meine Mitgründer in Frankreich kennengelernt, wo ich einen Master im Bereich Space Science and Management gemacht habe, und dort wollten wir gerne starten.

Warum wurde daraus nichts?
Weil es offen gesagt für uns in Europa unmöglich war, zwischen 250.000 bis 500.000 Euro aufzustellen. Glücklicherweise hatten wir aber ein paar Monate für die NASA gearbeitet und von dort innerhalb kürzester Zeit Angebote bekommen. In den USA war es relativ einfach, innerhalb von drei Monaten die ersten paar Hunderttausend Euro aufzutreiben. Schon in der ersten Seed-Runde konnten wir über eine Million aufstellen. 

Und das wäre in Europa oder Österreich nicht gegangen?
Ehrlich gesagt: Das wäre schwierig bis unmöglich gewesen. Nachdem wir die Firma in San Francisco gegründet und über 30 Millionen an Investorenkapital aufgenommen haben, wollten wir uns nach dem Headquarter in Singapur auch in Europa nach einer Zentrale umsehen. Wir haben mit sieben Staaten gesprochen, auch Österreich und England sind in die nähere Auswahl gekommen. In Österreich haben wir fast 15 Monate lang mit den verschiedensten Stellen diskutiert.

Wie waren die Reaktionen?
Man hat uns immer wieder gesagt: „Naja, schauen wir einmal. Ihr habt ja noch nicht wirklich etwas. Wir wissen es nicht.“ In Schottland haben unsere Partner in Glasgow nach dem ersten Meeting gesagt: „Ja, wir wollen euch hier haben und ein Paket für euch zusammenstellen.“ Der Bürgermeister der Stadt hat mich persönlich besucht und beteuert, dass er uns unterstützen wird. Innerhalb einiger Wochen hatten wir eine schriftliche Zusage für eine Förderung in der Höhe von einigen Millionen. Klar, dass wir also dort unser europäisches Hauptquartier errichtet haben. Aber ich war sehr wehmütig dabei. 

Was ist Österreich dadurch entgangen?
Ein Standort, an dem heute 50 Leute arbeiten und an dem mehr Satelliten als in jedem anderen Ort in Europa produziert werden. Das Know-how im Nanosatellitenbereich in Glasgow ist heute weltweit an der Spitze. Und das hätten wir auch in Wien haben können.

Hatten Sie einfach mit Ihrer speziellen Business-Idee Pech, oder hat die Trägheit in Österreich System?
Eine Weltraumfirma in einer neuen Industrie hat es natürlich ein bisschen schwieriger. Allerdings hat sicher auch sehr stark die Haltung mitgespielt: „Der Weltraum ist schon weit weg und gefährlich!“  Doch innovative Ideen werden immer am Rande des Möglichen sein. Die Kultur in Österreich ist leider nicht auf schnelle Reaktionen ausgelegt. Ich habe einige österreichische Entrepreneure getroffen, die ebenfalls Weltraumprojekte aufbauen wollten, und auch sie sind mir sehr träge vorgekommen. Innovatives Wachstum wird aber nicht durch Zögerlichkeit gefördert. Das Resultat ist, dass wir jetzt leider nicht in Österreich, sondern in Schottland jede Woche einen Satelliten bauen. 

Wo wären Sie jetzt, wenn Sie es weiter in Österreich probiert hätten?
Dann hätten wir noch keinen einzigen Satelliten im All. 

Steht noch ein Standort am europäischen Festland zur Diskussion?
Ja, wir sind in aktiven Diskussionen mit einigen Ländern für einen zweiten Standort in Europa. 

Spielt Österreich wieder mit?
Also das Einzige, was ich bislang von Österreich gehört habe: „Naja, das ist schon interessant, aber wir wissen es noch nicht, schauen wir einmal!“

Wer sind denn hier die Bremser?
Wir haben mit Ecoplus, der FFG, der Wiener Wirtschaftskammer, dem Wirtschaftsministerium und diversen anderen Playern gesprochen. Eigentlich mit jedem, dessen wir habhaft werden konnten, aber in Schottland hatten wir im Vergleich dazu schon den Bundeskanzler zu Besuch und sofort eine Zusage vom Bürgermeister. Die unterstützen uns aktiv dabei, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Diese Begeisterung konnten wir hier nicht auslösen.

Michael Häupl hat sich also nicht bei Ihnen blicken lassen?
Bislang nicht, nein. (lacht)

Nun ist auch Großbritannien keine Insel der Seligen. Der Brexit, gegen den die Schotten aktuell stark opponieren, steht bevor. Beeinflusst das Ihr Business, oder haben Sie die Hoffnung, dass Sie davon nicht allzu stark betroffen sein werden?
Als Leiter eines Unternehmens ist Hoffnung ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Und als Unternehmen, das mit Daten aus dem Weltraum arbeitet, muss man sein Ohr ganz besonders nahe an der politischen Entwicklung haben. 

Wieso?
Weil wir besonders exponiert sind. Wir sind etwa namentlich mehrfach im amerikanischen Kongress aufgetaucht. Die ganzen amerikanischen Defence-Firmen beobachten, was wir tun. Da muss man sich schon gut informieren und vorausplanen. Damit das Unternehmen nicht gefährdet ist, falls in einem Land etwas Negatives passieren sollte.

Es gibt also einen Plan B für den Fall, dass Donald Trump findet, dass Ihre Technologie besser bei seinen Streitkräften aufgehoben wäre als bei Ihnen?
Ich hoffe nicht, dass dieser Fall eintritt, aber ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: Die Amerikaner sind sehr vorsichtig, wenn es um Weltraumwissenschaften geht. Das verhindert unter Umständen, dass man seine Satelliten launchen kann. Wir arbeiten deshalb eng mit den amerikanischen Behörden zusammen und haben Generalexportlizenzen ausgehandelt, die es uns erlauben, unsere Satelliten auch aus anderen Ländern zu starten. 

Wieso ist das nötig?
Weil es zum Beispiel einmal ein Embargo von Indien gab, das es unmöglich für amerikanische Firmen gemacht hat, mit indischen Raketen zu starten. Als Russland die Krim annektiert hat, gab es auch ein Generalverbot für jegliche Weltraumtechnologiekooperation mit Russland. 

Die politischen Verwicklungen können also rasch dazu führen, dass Sie Ihre Satelliten nicht mehr ins All bekommen.
Genau, außer man plant entsprechend vor, und das haben wir mit Spire gemacht. Es gibt immer einen Plan A, B, C und D. Wir müssen wirklich sehr vorausschauend agieren. Sonst fällt man rasch gegenüber der Konkurrenz zurück. 

Wie viele Satelliten haben Sie denn aktuell im All?
Wir haben momentan über 30 Satelliten im Weltraum, und wir launchen zwischen vier und acht Satelliten jeden Monat. Mit Ende des Jahres werden wir als knapp 100 oben haben. Sie werden circa zwei Jahre verwendet, das heißt, wenn wir 100 haben, müssen wir jedes Jahr 50 launchen, damit das Netzwerk stabil bleibt.

Und diese Anzahl schießen Sie mit Raketen aus Amerika, Indien und Russland ins All?
Ja, auch von Japan und Neuseeland aus. Es gibt zehn Firmen in diesem Bereich, und wir arbeiten mit allen zusammen. Sie betrachten unsere Satelliten als zahlenden Ballast, der zusätzlich zu den großen Satelliten, mit den Abmessungen eines Kleinwagens, ins All geschossen wird. Unsere flaschengroßen Satelliten sind also zahlende Passagiere.

Wie nützen Sie diese ganzen Satelliten, wenn sie im All angekommen sind?
Die Anwendungsgebiete liegen z. B. im Bereich der Schifffahrt. Reedereien, Häfen, Charter­firmen, Navy und Coastgards nutzen unsere Services, denn 80 Prozent des globalen Welthandels passieren mittels Schiffen. Und diese sollen so präzise wie möglich geortet werden. Dadurch können etwa Häfen wesentlich effizienter ausgelastet werden. Auch die Schiffunternehmen und Versicherungen wollen genau wissen, wo sich die Schiffe befinden. 

Das geht nicht ohne Satelliten?
Sobald ein Schiff circa 50 nautische Meilen vom Land entfernt ist, kann eine Drittperson nur mehr via Satellit erfahren, wo es ist. Das gilt auch für Flugzeuge. Nicht zuletzt wegen des Flugs NH370 gibt es eine internationale Regel, dass alle Flugzeuge alle 15 Minuten ihre Position bekannt geben müssen. Auch dafür braucht man Satelliten.

Und die Regierungen und das Militär haben dafür nicht ausreichend eigene Satelliten im All?
Nein, darum gibt es auch großes Interesse verschiedener Regierungen an den Grund­fähigkeiten von Spire. 

An welchen Anwendungen arbeiten Sie, abgesehen von der Ortung von Schiffen und Flugzeugen?
Wettervorhersagen wesentlich zu verbessern. Sie sollen verläss­lich wie Schweizer Züge werden. Und wir wollen den Zugang zum Weltraum deutlich erleichtern. Wir wollen Space as a Service bieten. Kunden sollen innerhalb von sechs Monaten ihre Anwendung im Weltraum haben können. Und innerhalb von 18 Monaten ein weltumspannendes Service, auf der Basis unserer Plattform. Kurz gesagt: Wir wollen den Zugang zum Weltraum erleichtern. 
 

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