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Schrauben aus Knochen

09.10.2019

Eine mögliche Ersparnis von sechs Milliarden Euro pro Jahr bringt die Innovation des oberösterreichischen Unternehmens Surgebright. Wie ein Hidden Champion Metallschrauben in der Chirurgie ersetzt.

Surgebright hat aus Sicht der Gründer noch jede Menge Luft nach oben. Dr. Klaus Pastl, Thomas und Lukas Pastl (v. l.).

Für Nichtmediziner klingt es beinahe unglaublich. Dass in der Chirurgie Metallschrauben oder -platten eingesetzt werden, um Knochenfragmente nach Brüchen beispielsweise wieder zu fixieren, ist bekannt. Das oberösterreichische Unternehmen Surgebright macht dieses Metall allerdings überflüssig. Es stellt nämlich Knochentransplantate aus menschlichen Spenderknochen her. Diese tragen den Namen Shark Screw und werden vom Körper ohne Abstoßungs- oder Entzündungsreaktion integriert und vollständig in einen eigenen Knochen umgebaut – und sogar durchblutet.

24.000 OPERATIONEN FALLEN WEG

Der wirtschaftliche Effekt, den diese neue Möglichkeit auslösen könnte, ist enorm. „Würden in Europa alle Operationen mit unserem Produkt durchgeführt werden, können über sechs Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden“, rechnet Surgebright-Geschäftsführer Lukas Pastl vor. Wie er auf diese Summe kommt, ist leicht erklärt. Pro Jahr finden allein in Österreich rund 24.000 Metallentfernungen statt – der häufigste orthopädische Eingriff. Diese Operation entfällt durch die Fixationssysteme aus humanen Spenderknochen.

Die Idee dazu ist überraschenderweise bereits knapp 25 Jahre alt. „Mein Vater ist Orthopäde und hat 1995 begonnen, in einer Klinik Schraubenrohlinge herzustellen“, sagt Pastl. Das Projekt musste aus regulatorischen Gründen nach einigen Jahren wieder eingestellt werden. 2007 wurde das Patent dafür angemeldet, die Suche nach einem Produzenten war jedoch nicht erfolgreich. Es dauerte weitere acht Jahre, bis Pastl zusammen mit seinem Bruder Thomas nach dem Wirtschaftsstudium und ersten Gehversuchen im Unternehmertum wieder darauf zurückkam. „Das ist die perfekte Idee. Wir sind jung, wann wenn nicht jetzt?“, war das Motto der Brüder. Diese anfängliche Begeisterung war auch nötig, um die erste Durststrecke bis zum Marktstart im Jahr 2017 zu überwinden.

„Das Bewerbungsgespräch mit unserer ersten Mitarbeiterin haben wir noch in einer Besenkammer geführt“, erinnert sich Pastl. In der Zeit, während der er sich um die behördlichen Anforderungen kümmern musste, hatte das Unternehmen keinen Umsatz. Da das Produkt die Herangehensweise an eine Operation ändert, fehlten zu Beginn natürlich auch die Referenzkunden. „Wir sind daher erst einmal regional gestartet und haben persönliche Kontakte genutzt“, sagt der Geschäftsführer.

IM RÖNTGEN NICHT ERKENNBAR

Mittlerweile wurden bereits 1.200 Schrauben an Krankenhäuser geliefert, 53 Kliniken operieren damit. Allerdings gibt es hier noch viel Luft nach oben, da es in Österreich rund 80 Kliniken gibt, die für Surgebright relevant sind. Beanstandungen gab es laut dem Unternehmen bis dato keine. „Das Transplantat wird vom Körper so umgewandelt, wie er es braucht. Bereits nach sechs Wochen ist das Transplantat von Zellen und körpereigenem Gewebe durchwachsen. Irgendwann sieht man es dann sogar im Röntgen gar nicht mehr“, sagt Pastl.

Der heimische Absatzmarkt soll für Surgebright eine solide Basis werden. Und das ohne große Investments. „Das unterscheidet uns von anderen Start-ups, wir sind organisch gewachsen. Ich bin sehr froh, dass wir es ohne Venture-Capital- Fonds geschafft haben. Es gibt auch andere Lösungen als immer nur die Geldkeule“, meint Pastl. So besteht das Team derzeit aus 13 Mitarbeitern. Damit sollen kommendes Jahr die Märkte im D-A-CH-Raum bearbeitet werden.

Ein internationales Pilotprojekt wurde schon 2018 gestartet. Dazu Pastl: „Um Erfahrungen im Internationalisierungsprozess zu sammeln, haben wir uns Kuwait als Testmarkt ausgesucht.“ Eine der Herausforderungen dabei besteht darin, sämtliche Unterlagen auf Englisch zu übersetzen und die Infos so kompakt darzustellen, dass die Distributoren vor Ort mit den Ärzten kommunizieren können. „Man muss sich bei den Informationen beschränken. Sind sie zu umfassend, kommt es zu Missverständnissen, und dann haben wir den Stille-Post-Effekt“, sagt der Geschäftsführer. Der kuwaitische Markt sei zudem vergleichbar mit dem amerikanischen und so eine gute Vorbereitung für weitere Expansionen.

Das Zulassungsverfahren selbst ist ebenfalls nicht ganz einfach. Da es sich bei dem Transplantat um menschliches Gewebe handelt, erfolgt die Zertifizierung nicht EU-weit, sondern muss in jedem Land separat durchlaufen werden.

KOMPLEXE PRODUKTION

Wie wird die Shark Screw nun hergestellt? Die Schrauben werden aus menschlichen Oberschenkelknochen gefertigt, die vom Deutschen Institut für Zellund Gewebeersatz aus Berlin zur Verfügung gestellt werden. Die Produktion ist komplex und dauert bis zu sechs Wochen. Die Schrauben werden mittels Peressigsäureverfahrens sterilisiert. Dieses gilt als eines der besten Sterilisationsverfahren und deaktiviert die Zellen, wodurch eine Abstoßungsreaktion verhindert und der Knochen als körpereigen akzeptiert wird. Die Anwendungsgebiete für die Shark Screw sind weiter im Steigen. Mehr als 60 Indikationen können schon damit versorgt werden. Die meisten Einsätze finden in der Hand-, Fuß- und Kniechirurgie statt. Die Entwicklung in diesem Bereich geht aber noch weiter. „Wir haben eine eigene F&E-Liste mit derzeit zehn Ideen, die von zwei Mitarbeitern bearbeitet wird“, sagt Pastl. Viele Ideen werden direkt von den Ärzten an Surgebright herangetragen. Ein Projekt, das soeben entwickelt wird, ist die Sehnenfixierung. Dazu der Geschäftsführer: „Auch Bänder können mit Knochenschrauben fixiert werden. Möglicherweise können wir nächstes Jahr mit der Produktion beginnen.“

 

Autor/in

MARKUS MITTERMÜLLER

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