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Familie Heindl: links Andreas, Mitte Walter senior, rechts Walter – jeweils mit ihren Frauen und Kindern. Die vier Töchter sind alle im Unternehmen aktiv.

Schokoimperium mit Lokalkolorit

19.11.2020

Mit einer Praline aus Walnüssen hat vor 67 Jahren alles begonnen bei Heindl. In dem Familienunternehmen trauert man um den Tod von Walter Heindl senior – und blickt dennoch mit großen Plänen nach vorne.

Für ihre Schokomaroni, die seit Anfang September wieder Saison haben, ist die Confiserie Heindl aus Wien heute weithin bekannt. Doch eigentlich war es das Nussbeugel, eine Praline aus Walnüssen, mit dem 1953 alles begonnen hat. Die Pralinen von Walter Heindl kamen so gut an, dass sie einige Greißler in Wien für 20 Groschen pro Stück verkauft haben. 67 Jahre später, im Juli dieses Jahres, ist Walter Heindl einen Tag nach seinem 93. Geburtstag im Kreis der Familie gestorben, bestimmt nicht ohne Stolz auf sein Lebenswerk. Der Konditor hat das Unternehmen, nachdem er als Sudetendeutscher aus seiner Heimat Pressburg vertrieben worden war, gemeinsam mit seiner Frau Maria gegründet, die sich um das Kaufmännische kümmerte. Heute ist die Confiserie Heindl ein Familienbetrieb mit 31 Filialen in Österreich, 270 Mitarbeitern und 23 Millionen Euro Umsatz. Das Sortiment umfasst 180 Produkte, darunter Nougatpralinen, Kokosstangerl, Mozart-Herzen, Sissi-Taler, Schloss-OrthKugeln, Christbaumbehang und Liköre. 2006 kaufte Heindl die Firma Pischinger und bietet seither auch Mandelecken, Oblaten-Torten und andere Produkte der Marke an.

Die meisten Pralinen hat Walter Heindl selbst kreiert. Sein Sohn Walter Heindl junior ist in seine Fußstapfen getreten und hat auch neue Produkte ausgetüftelt, darunter in den 1990er Jahren die Schokomaroni. Das ist der Artikel, der sich im Herbst und Winter laut Andreas Heindl, Geschäftsführer und ebenfalls Sohn von Walter Heindl senior, am besten verkauft: „Wir haben jedes Jahr gigantische Steigerungen bei den HeindlSchokomaroni. Heuer haben wir allein in den ersten Wochen schon 140.000 Packungen verkauft.“ Seit einiger Zeit produziert Heindl auch unter der Marke Pischinger Schokomaroni, die im Gegensatz zum Original länger haltbar sind und vor allem über Supermärkte wie Billa und Spar vertrieben werden.

GUT DURCH DIE KRISE Doch heuer gab es nicht nur Good News. Die Geschäfte mussten im Lockdown geschlossen bleiben – da waren die Lager schon für Ostern gefüllt. Der ausbleibende Tourismus wirkt sich auch negativ aus: In der Innenstadt, wo sich Sissi-Taler und Co. sonst sehr gut verkaufen, gingen die Umsätze coronabedingt um bis zu 85 Prozent zurück. Zunächst halfen staatliche Hilfen wie Kurzarbeit. Jetzt läuft der Betrieb wieder ohne Unterstützung: Da weniger verkauft wird, schiebt man keine Extraschichten – laut Andreas Heindl gleicht das die 20 bis 25 Prozent Umsatzrückgänge wieder aus: „Wir sind gut durch die Krise gekommen und haben es ohne Fremdfinanzierung über den Sommer geschafft.“

Andreas und Walter sind zwei von vier Geschwistern: Erich betreibt eine Palatschinkenkuchl, Ursula ist Malerin. Andreas und Walter haben die Geschäfte 1987 vom Vater übernommen, dem es nicht leichtfiel, das Zepter abzugeben. Andreas: „Mein Vater war gerade 60, und wir wollten die Firma übernehmen. Ich war voller Tatendrang und hab ihm gesagt: Wenn du jetzt nicht übergibst, mach ich mich mit etwas anderem selbstständig.“ Der Vater gab von der Besitzerfirma je 25 Prozent und von der Betreiberfirma je ein Drittel an die Söhne ab. Andreas: „Wir hatten alle drei die Macht und haben die Firma mit dem Hauch meines Vaters im Nacken geführt.“ Seither sei „kein Stein auf dem anderen geblieben“. Zunächst haben die Söhne das Verkaufscenter der Zentrale in Liesing aufs Doppelte vergrößert. Ab 1991 setzten sie alle zehn Jahre einen Neubau um. Ungefähr zu dieser Zeit wollte ein burgenländischer Werbefahrten-Unternehmer Bus touren zur Produktion organisieren. Andreas: „Der hat ganz Wien in die Schokoladenfabrik eingeladen. Jeden Tag kamen 500 bis 1.000 Leute.“ Die Senkgrube musste ständig ausgepumpt werden. Doch der Erfolg war enorm: „Wir haben von Jänner bis März Weihnachtsumsätze gemacht.“

„Wir sind gut durch die Krise gekommen.“ Andreas Heindl

SCHOKOFABRIK UND -MUSEUM Bis 1991 wohnte die Familie in einem Haus neben der Fabrik – ein Traum der Mutter. Doch dann riss man das Haus ab und baute das Schokocenter Süd mit großem Verkaufsgeschäft und Stehkino, wo man Filme über die Produktion zeigte. 2001 baute die Familie wieder eine neue Fabrik, diesmal mit Schokoladenmuseum. Über die Jahre kamen immer mehr Filialen hinzu, sodass es heute allein in Wiens Innenstadt fünf gibt. Auch der Pischinger-Kauf war ein Meilenstein in der Firmengeschichte.

Die großen Sprünge der Söhne machten Walter Heindl senior nervös. Er wollte sie vor unternehmerischem Übermut bewahren. Andreas: „Meine Mutter hat immer gesagt: Macht’s nur Burschen, ihr macht’s das gut. Ich werd’s dem Vater schon sagen.“ Als eine Filiale in der SCS zu haben war, warnte der Vater wieder: Ein Geschäft in der Fressmeile – das konnte in seinen Augen nicht funktionieren. Andreas: „Als wir die Filiale ausgebaut haben, haben viele Leute gesagt: Fein, ein Heindl kommt her! Es wurde ein Bombenerfolg.“ 1994 übergab der Vater den Söhnen die ganze Firma: „Das war der Beweis, dass wir am richtigen Weg waren.“ Bei der 60-jährigen Jubiläumsfeier sagte er, er habe seine Söhne wie die Pferde einer Kutsche an den Zügeln gehalten und versucht, sie zu bremsen, aber sobald sie gelaufen sind, habe er sie gelassen. Bis vor einem Jahr, als er einen Schlaganfall erlitt, kam der Familienmensch noch jeden Donnerstag in die Fabrik, wo man gemeinsam zu Mittag aß.

EIN NEUES PROJEKT Die nächste Generation ist auch schon am Werk. Vier Töchter der Brüder verantworten verschiedene Bereiche im Unternehmen – vom Schokomuseum und den Eigenfilialen bis zum Schokoclub. Nachhaltigkeit wird bei Heindl großgeschrieben. So verwendet die Firma seit 2014 Fairtrade-Kakao. Durch energiesparende Maßnahmen und nachhaltige Investitionen, unter anderem eine Photovoltaikanlage am Firmensitz, spart Heindl 85 Tonnen CO₂ pro Jahr ein. 2021 wären wieder zehn Jahre um und rein statistisch Zeit für einen Neubau – und tatsächlich ist etwas im Busch. Der 58-jährige Andreas Heindl, der auch die anderen Neubauten verantwortet und „jeden Stein und jeden Sessel selbst ausgesucht“ hat, hat schon einen Plan für eine neue Fabrik. Ob er sich 2021 realisieren lässt, hängt davon ab, ob man in der näheren Umgebung ein geeignetes Grundstück findet, das weit mehr als doppelt so groß ist wie das jetzige. Andreas Heindl über sein Herzensprojekt: „Ich fühle mich fit genug, und das würde mir einen Riesenspaß machen. Mein Bruder würde mich unterstützen. Wenn uns das gelingt, haben wir alles richtig gemacht, und die nächste Generation wird Freude mit der Firma haben.“

Autor/in:
Alexandra Rotter
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