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Schöpferische Zerstörung

04.06.2019

Manchmal haben wir auch in der Firma unser „Ibiza“. Dann muss man radikal sein. Alles, was verrottet, ist Dünger für das Neue.

DER AUTOR

Harald Koisser schreibt philosophische Bücher und ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“.

www.wirks.at, www.koisser.at

Im Staatsgebäude bleibt gerade kein Stein auf dem anderen. Da hat nicht einfach ein Skandal oder ein Unfall stattgefunden. Es ist nichts, was man kleben oder reparieren kann, nichts, was bloß ein Update braucht. Da ist die Abrissbirne in das Haus gefahren und man kann keine neuen Tapeten über die Schadstellen kleistern, auch wenn das natürlich versucht wird. Es ist etwas Fundamentales. Es ist radikal.

Das Wort „radikal“ kommt vom lateinischen radix, die Wurzel, und man sagt ja manchmal auch, dass man etwas mit der Wurzel ausreißen muss. Napoleon hatte Waterloo, die Bundesregierung hat Ibiza und in der eigenen Firma gibt es leider auch manchmal solche Momente des Gehtnichtmehr. Es ist ein unerquicklicher Zustand, der etwas Absolutes und Endgültiges hat. Es ist ein Bruch, wo kein Pflaster mehr hilft und auch keine Notoperation, nur noch die Einäscherung. Und doch ist es nicht der endgültige Tod.

Der österreichische Nationalökonom Joseph Schumpeter hat in seiner Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung für solche Situationen den Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ gewählt. Diesem Begriff wohnt alle Radikalität und zugleich etwas Tröstliches inne.

Schumpeter versteht die Ökonomie als Abfolge von Innovation, Imitation und Zerstörung. Alte Strukturen werden verdrängt und zerstört, um Platz zu machen für Neues. Solch eine Zerstörung ist seiner Auffassung zufolge weder ein Drama noch ein Systemfehler, sondern schlicht unerlässlich. Die Wechselwirkung von Destruktion und Konstruktion kannte auch Friedrich Nietzsche: „Wer ein Schöpfer sein muss im Guten und Bösen: wahrlich, der muss ein Vernichter erst sein und Werte zerbrechen.“ Der Bruch mit dem Alten, mit Traditionen, Gepflogenheiten, Werten. Der Zusammenbruch einer Idee, eines Produktes, einer Entwicklung. All das ist sehr ungemütlich, aber auch sehr lebendig.

Evolution lebt vom Tod. Nur wenn Dinge sterben, kann etwas anderes leben. Eine Idee stirbt. Ein Produkt stirbt. Etwas ist an das Ende seines Lebenszyklus gelangt. Dann haben Verantwortungsträger die sehr menschliche Neigung, den Tod nicht wahrhaben zu wollen. Das moribunde Produkt wird beatmet, das tote Pferd wird noch geritten. Das Festhalten an Ideen, die nicht mehr greifen, und an Produkten, die ans Ende gelangt sind, bindet Energie im Unternehmen. Nicht sterben dürfen, führt zu einem Zustand des Lebendig- Totseins, der auf das gesamte Unternehmen schlägt.

Es ist ein Fluch unseres Wirtschaftsverständnisses, dass es nur Startimpulse und anschließende Höhenflüge geben soll. Man initiiert etwas und dann soll es wachsen. Und zwar ewig. Das ist der Plan. Das ist nachweislich unrealistisch und lebensfern. So als erwarte man, dass es im Jahr nur noch Frühling und Sommer gibt, Aufbruch und Ausreifen. Aber niemals Herbst und Winter, Erntedank und Tod.

Es gibt wenig Erntedank in Unternehmen. Er wird meist überlagert von Dingen, die gerade beginnen. Keine Zeit für Danke, bloß Zeit für Aufbruch. Winter und Stille? Das ist gar nicht vorgesehen. Und irgendwann kommt „Ibiza“. Die Offenbarung des Offensichtlichen: Da ist der ganz große Wurm drin. Das ist derart daneben, dass man es abbrechen muss. Keine Ahnung, was danach kommt. Aber eines ist gewiss: Jetzt. Ist. Schluss.

Die schöpferische Zerstörung trägt das Heilbringende schon im Namen. Sie ist schöpferisch und gebiert etwas. Die Natur lehrt es. Der Apfelbaum blüht und er trägt Früchte. Die Äpfel werden geerntet, manche fallen zu Boden und verrotten dort. In manchen Jahren kommt es zu überhaupt keinem Ausreifen. Die wenigen Äpfel fallen ab und verfaulen allesamt. Und all die Äpfel, die abfallen, sind niemals verloren. Die Natur verschwendet nichts. Alles, was verrottet, ist Dünger für das Neue. Es gibt nichts Lebendigeres, als den Tod zu akzeptieren. Machen wir es in der Firma wie im Garten. Ernten, was geerntet werden kann, und abschneiden, was abgeschnitten werden muss.

Autor/in:
Harald Koisser
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