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Schöne, neue Wirtschaftswelt?

26.11.2019

Der Klimawandel könnte die Art, wie Wirtschaft funktioniert, grundlegend verändern. Denn Konsumenten, Politik und immer mehr Unternehmen wollen eine Kehrtwende. Ob es wirklich dazu kommt und warum der Kampf nicht in Europa gewonnen werden kann – eine Analyse.

Marc Fähndrich, Europäische Kommission

TEXT STEPHAN STRZYZOWSKI

Der Aufreger von heute ist bekanntlich schon morgen der Schnee von gestern. Entsprechend wenige Themen können sich dauerhaft in den Schlagzeilen halten. Eines dieser seltenen Phänomene ist der Klimawandel. Mit immer neuen Zahlen, Prognosen, Befürchtungen und Forderungen schafft es die Entwicklung die Agenda zu dominieren. Die Berichterstattung vermittelt dabei vor allem eines: Es wird verdammt knapp. Und zwar für nicht weniger als den Fortbestand unserer Spezies. Denn wenn man den Klimaforschern glauben schenkt, drohen verheerende Katastrophen, sollte sich die Erderwärmung nicht schleunigst aufhalten lassen. Hitze, Unwetter, Dürren, abschmelzende Polkappen, Überflutungen und gigantische Migrationsbewegungen sind nur einige der prognostizierten Folgen.

prognostizierten Folgen. Verantwortlich gemacht für das Desaster wird der Mensch. Die wichtigsten Verursacher von Treibhausgas- Emissionen sind die Sektoren Energie, Verkehr, Landwirtschaft, Gebäude und Industrie. Womit das Problem nicht weniger als die Art, wie wir leben, insgesamt betrifft. Wobei sich zeigt, dass der CO₂-Fußabdruck in wohlhabenden Ländern wesentlich höher ist, als in weniger entwickelten Regionen, doch schlägt dort wiederum die enorme Anzahl der Menschen negativ zu Buche. Was sich entsprechend bei den Top 6 Spitzenreitern bei CO₂-Emissionen auf Länderebene widerspiegelt. Es sind China, USA, Indien, Russland, Japan und Deutschland. Während die Emissionen allerdings in manchen dieser Länder bereits sinken, wachsen sie in anderen aufgrund der steigenden Wohlstands sowie der Bevölkerungsexplosion munter weiter.

„Wer mit uns Geschäft e machen will, muss den Klimaschutz respektieren“.  Marc Fähndrich, Europäische Kommission

Doch egal, wer nun wie viel emittiert; der Energieverbrauch muss insgesamt sinken – global. Fakt ist: Klimagase kennen keine Landesgrenzen. Und hier kommt die Wirtschaft als Drehscheibe der wesentlichen Entstehungs-Prozesse von Emissionen ins Spiel. Wie und nach welchen ökologischen Regeln sie agieren darf, wird nämlich entscheiden, ob sich die Emissionen maßgeblich reduzieren lassen.

DRUCK VON ALLEN SEITEN

Entsprechend kritisch fragen immer mehr Konsumenten nach, woher Produkte stammen, wie sie hergestellt wurden und auch, wie ihr CO₂-Fußabdruck aussieht. Zu ihnen gesellen sich nun auch mehr und mehr institutionelle Investoren, die in klimaschädliche Branchen nicht mehr investieren wollen beziehungsweise können. Denn als dritter großer Player tritt immer häufiger die Politik auf den Plan und gibt entsprechende Rahmenbedingungen vor. Beflügelt von Wahlsiegen ökologischer Parteien und getrieben von Jugendlichen, die weltweit für den Klimaschutz auf die Straße gehen.

Es sieht also nach Einigkeit auf einer breiter werdenden Basis aus. Doch wie wirkt sich der Schulterschluss aus? Steuern wir nun wirklich auf eine neue Art zu wirtschaften zu? Auf eine Ökonomie, die sich nicht mehr am Gewinn orientiert, sondern am Gemeinwohl? Auf ein System, in dem der Ressourcenverbrauch mit angemessenen und damit deutlich höheren Preisen verbunden ist?

Der Grundstein sei jedenfalls gelegt, meint Prof. René Schmidpeter, CSR-Experte von der Cologne Business School. Er sieht auch abseits des aktuellen Hypes einen echten Bewusstseinswandel in der Gesellschaft. Darum sei nun auch die Zeit gekommen, um ernsthaft darüber zu diskutieren, welche Rolle die Wirtschaft spielen soll. Im Zentrum sieht der Experte dabei die Frage, ob Unternehmen weiterhin Gewinne maximieren sollen oder ob sich eine ökosoziale Marktwirtschaft durchsetzt, die diesen Namen verdient. Der Ausgang ist freilich noch komplett offen. Fest steht aber, dass die Unternehmen bei einem Changeprozess zu einem neuen System die Chance hätten, wieder die Guten in der Geschichte zu sein. Unter der Voraussetzung, dass sie den Ruf entsprechend ehrlich und vor allem zeitgemäß aufnehmen. Und das tun bereits viele Unternehmen. Alleine 181 der weltweit größten Unternehmen – darunter Giganten wie Amazon, Apple, Boeing und Wallmart – setzen nicht mehr auf das primäre Ziel der Gewinnmaximierung, vielmehr wollen sie Sinn stiften und einen positiven gesellschaftlichen Impact leisten. Kritiker werden berechtigt einwenden, dass der Weg zur Umsetzung dieser Ziele noch weit ist, doch alleine die Formulierung dieses Paradigmenwechsels spricht Bände.

NEUE RAHMENBEDINGUNGEN

Der Ruf nach Veränderung der Rahmenbedingungen hin zu einer nachhaltigen, fairen Wirtschaft scheint also bei Unternehmen durchaus Anklang zu finden. Auch in Österreich, wo respACT, die größte heimische Unternehmensplattform für „Wirtschaft mit Verantwortung“ mit mehr als 300 Mitgliedern, entsprechend klare Forderungen an die nächste Regierung stellt. Denn so global auch das Phänomen des Klimawandels ist, Rahmenbedingungen für Unternehmen sind nach wie vor zu weiten Teilen nationalstaatlich geregelt. „Aus der Verpflichtung Österreichs zu den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (SDGs) erwächst der Politik die Verantwortung, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Transformation bis 2030 ermöglichen, um die Umsetzung der Ziele in Österreich sicherzustellen“, meint Daniela Knieling, Geschäftsführerin von respACT. Laut einem Positionspapier der Plattform gilt es, „Unternehmen als Gestalter der Zukunft zu verstehen, die durch verantwortungsvolle Handlungsmaßnahmen gesellschaftliche Innovation vorantreiben“. Anstatt also darauf zu warten, was der Gesetzgeber beschließt, weist das Netzwerk den Unternehmern eine proaktive Rolle in der Transformation zu.

Bei der Nachhaltigkeits-Plattform ist man sich allerdings auch sicher: Die Lösung sozialer, ökologischer und ökonomischer Herausforderungen benötigt politische Rahmenbedingungen, die Unternehmen darin bestärken, die Chancen zu ergreifen, die eine Implementierung von Nachhaltigkeitsagenden in die Unternehmensstrategie mit sich bringt. Nicht zuletzt, weil die finanziellen, sozialen und ökologischen Kosten der Transformation hin zu einer resilienten Gesellschaft für alle Akteure weitaus höher wäre, sollte deren Umsetzung sich weiterhin verzögern oder nicht umfassend vollzogen werden. Weshalb man sich von der nächsten Bundesregierung eine transparente und partizipative Umsetzung von Nachhaltigkeitsagenden erwartet. Wie die nächste Regierung genau aussehen wird und auf welche Maßnahmen sie sich einigen kann, steht aktuell natürlich noch in den Sternen.

KONKRETE VORGABEN AUS BRÜSSEL

Neu ist die Forderung nach Spielregeln, die eine nachhaltige Wirtschaftsweise fördern, nicht. Schon bevor Massen von Jugendlichen auf die Straße gegangen sind und die Grünen ihr Comeback feiern konnten, sind Nachhaltigkeitsthemen auf der politischen Agenda gelandet. Maßgeblich auf europäischer Ebene, wie Marc Fähndrich, Leiter der Wirtschaftspolitik und Berater für wirtschaftspolitische Koordinierung der Europäischen Kommission in Wien, bestätigt. Allerdings sind die Ziele, mit denen Brüssel Europa jetzt zum Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit machen will, nun ambitionierter ausgefallen. „Ich möchte, dass der Green Deal Europas Markenzeichen wird“, erklärte etwa die designierte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im September. Mit der Kontrolle des Ziels, bis Mitte des Jahrhunderts „Klimaneutralität“ zu erreichen, hat sie ihren Vize Frans Timmermans beauftragt. Eine Herkulesaufgabe. Wie gut die Mitgliedsländer der EU bei dem Plan mitspielen werden, wird sich natürlich erst zeigen. Auch dass die Herausforderungen vor allem für Länder mit großen energieintensiven Industrien wie Polen enorm sein werden und manche deswegen stärker auf der Bremse stehen, ist klar. Auch, weil Einschnitte und Veränderungen den Wählern nicht immer leicht zu verkaufen sind. Wie heikel die Umsetzung von Ökologisierungsmaßnahmen sein kann, musste zum Beispiel Emanuel Macron erleben, der in Frankreich eine Steuererhöhung bei Benzin aus ökologischen Gründen einführen wollte und damit die Gelbwestenproteste heraufbeschwor.

FINANZSYSTEM IM WANDEL

Egal, wie manche Maßnahmen ankommen werden, dass die EU über reine Lippenbekenntnisse weit hinaus ist, zeigt sich konkret etwa anhand des Aktionsplans „Nachhaltige Finanzierung“. Die Europäische Kommission schafft damit gerade einen rechtlichen Rahmen, der die Aspekte Umwelt, Soziales und Governance (ESG) in den Mittelpunkt des Finanzsystems stellt. Ziel der Übung: Ein Übergang der EU-Wirtschaft zu einer umweltfreundlicheren und widerstandsfähigeren Kreislaufwirtschaft. In Anbetracht von Treibhausgasemissionen, Ressourcenverknappung und Arbeitsbedingungen sollen Investitionen nachhaltiger gestaltet werden. Dazu müssen in Zukunft bei Investitionsentscheidungen sogenannte ESG-Faktoren berücksichtigt werden.

Dass die Europäische Union mit solchen Vorgaben als Musterschüler global alleine bleibt und sich am Ende vielleicht sogar als Standort Nachteile einfährt, glaubt Fähndrich nicht. Auch, weil die EU über Abkommen wie Mercosur einen Hebel bei Partnerländern ansetzen kann. „Wer mit uns Geschäfte machen will, muss den Klimaschutz respektieren“, stellt er klar. Die EU könnte zum Beispiel höhere Zölle auf Produkte einheben, die nicht nach gewissen Klimastandards produziert wurden. Bleibt nur noch die Frage, wie sich so eine Vorgehensweise in Einklang mit Regeln der WTO gestalten lässt.

Dass die Globalisierung ein wesentlicher Treiber für Nachhaltigkeit sein könnte, glaubt auch Professor Schmidpeter. „Wenn die weltweit aktiven Konzerne alle auf Nachhaltigkeit setzen, weil die Kunden das wollen, werden ihre Maßnahmen auch global Wirkung zeigen“, meint der Experte. Hemmschuh für solch eine Entwicklung könnten allerdings protektionistische Strategien der großen Player sein.

GROSSE ZIELE

In der EU sind die Nachhaltigkeitsziele jedenfalls bereits auch über das Finanzsystem hinaus gefasst: Bis 2030 soll eine Senkung der Treibhausgasemissionen um mindestens 40 % gegenüber 1990 erreicht werden. Der Anteil von Energie aus erneuerbaren Quellen soll sich auf mindestens 32 % erhöhen, und die Energieeffizienz soll um mindestens 32,5 % gesteigert werden. Dafür müssen die Mitgliedstaaten für den Zeitraum 2021 bis 2030 integrierte nationale Energie- und Klimapläne verabschieden, die bis Ende 2019 übermittelt werden müssen. Bis 1. Januar 2020 müssen sie langfristige nationale Strategien erarbeiten und dafür sorgen, dass ihre langfristige Strategie und ihr nationaler Energie- und Klimaplan kompatibel sind. Mit diesem Bündel an Maßnahmen will die EU bis 2050 klimaneutral werden. Dafür forciert sie auch eine Ökologisierung des Steuersystems. Das Rezept: Steuern auf Arbeit sollen sinken, dafür werden die Kosten für umweltschädliches Verhalten erhöht.

Dass die Themen Klimaschutz und Ressourcenschonung in Brüssel sehr ernst genommen werden, bestätigt auch die CSR-Expertin Alexandra Adler. „Nach der Plastikstrategie und der Orientierung zu Kreislaufwirtschaft stehen unter anderem auch Chemikalien und Finanzen als Instrumente gegen den fortschreitenden Klimawandel im Fokus“, fasst sie zusammen. Unabhängig von nationalstaatlichen Regelungen müssten die Vorschriften dann allerdings noch übernommen werden. Doch Adler befürchtet, dass uns vielleicht die Zeit davonlaufen könnte.

NEUE REGELN FÜR BETRIEBE

Was bedeutet nun die Entwicklung konkret für heimische Unternehmen? Werden gesetzliche Einschränkungen manche Branchen schon bald massiv unter Druck bringen? Man denke etwa an die Flugindustrie, die mit dem Terminus „Flugscham“ sogar eine eigene Wortschöpfung ausgefasst hat. Stehen doch Flugreisen wegen ihrer CO₂-Emissionen massiv in der Kritik. Beim oberösterreichischen Weltmarktführer FACC gibt man sich auf Nachfrage von die Wirtschaft vergleichweise entspannt. Und verweist auf selbst auferlegte Pläne. Die Luftfahrtindustrie hat sich zum Ziel gesetzt, den CO₂- Ausstoß bis 2050 zu halbieren – bei einer prognostizierten Verdreifachung der Passagiere. An der Zielerreichung arbeite die gesamte Industrie – mit eingeschlossen FACC als Technologiepartner der globalen Aerospace-Industrie. Konkret macht die Leichtbautechnologie aus Oberösterreich, die sich in einem Großteil aller Flugzeuge findet, laut FACC das Fliegen grüner. Denn: Leichte Flugzeuge verbrauchen weniger Treibstoff und senken den CO₂-Ausstoß. Zudem laufe auch die Entwicklung neuer Antriebe auf Hochtouren, und auch Elektromobilität werde laut dem Weltmarktführer in der nächsten Dekade eine große Rolle spielen. Von gesetzlichen Einschränkungen im Flugverkehr geht das Unternehmen deswegen aktuell nicht aus. Auch, weil das Transportmittel Flugzeug „nur“ für rund drei Prozent der gesamten weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich sei. Vielmehr hofft man, dass der Blick auch wieder stärker auf andere Branchen gerichtet werden wird. Schließlich müssten alle einen Beitrag leisten. Zumindest in diesem Bereich ist also kein radikaler politischer Eingriff zu erwarten.

GRÜN DENKEN, GRÜN KAUFEN?

Wie weit ist es dann mit dem Verhalten der Konsumenten her? Werden sie es sein, die durch ein bewussteres Konsumverhalten die Wirtschaft radikal verändern? Denn wenn nur genug Kunden nach grünen Produkten und Dienstleistungen fragen, müssten sich die Unternehmen ihrer Nachfrage anpassen. So die Theorie. Doch die Nachhaltigkeitsexpertin Alexandra Adler winkt ab: „Ich halte den Einfluss der Kundinnen und Kunden auf die Unternehmen für überschätzt. Ihre Wünsche werden durch das Marketing von den Unternehmen gemacht. Individuelles Konsumverhalten kann das System nur sehr bedingt reformieren.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich das Konsumverhalten im Großen nicht ändern wird, solange nicht nachhaltige Produkte billiger sind als nachhaltige. Deswegen sieht sie entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen als Schlüssel zum Erfolg. Es brauche eine echte Entlastung nachhaltiger Produktion sowie eine CO₂-Bepreisung als wirksames nationales Lenkungsinstrument. Dadurch könnte ein Innovationsschub ausgelöst werden, der eine Veränderung der Angebote für Konsumenten nach sich zieht. Auch zum Vorteil jener Wirtschaftstreibenden, die das als Chance erkennen.

BIG BROTHERS VOLLE KONTROLLE

Während nun in Europa und Österreich noch über Ökosteuern diskutiert wird, geht es in manchen Regionen der Welt wesentlich schneller voran. Überraschenderweise etwa im vielgescholtenen China, was nicht zuletzt am Leidensdruck aufgrund der dramatischen Umweltverschmutzung liegen dürfte. René Schmidpeter, der unter anderem auch als Gastlektor an Hochschulen wie Nanjing tätig ist, kennt die Unterschiede im Zugang. „Der Westen hat sich auf zahnlose Dinge geeinigt“, meint er. Deswegen hätten sich auch die Rahmenbedingungen bislang nicht grundlegend geändert. Ganz anders sei das in Asien, wo etwa in China Einwegplastik verboten wurde. In Chinas Metropolen gehören auch Roller mit klassischen Zweitaktern der Vergangenheit an. Dafür rollen Millionen von E-Scootern durch die Städte. Ein Segen für die Smog-geplagte Bevölkerung. Chinas Machthaber setzen darüber hinaus auf massive Investitionen, um beim rasanten Städtebau öffentlichen Verkehrsmitteln von Anfang an den Vorrang zu geben und die Ära des Individualverkehrs mit Verbrennungsmotoren für jedermann gleich zu überspringen. Nicht übersehen werden darf an dieser Stelle, wie rigoros Chinas Machthaber ihre Pläne durchziehen und wie strikt sie ihre Landsleute selbst in Umweltfragen unter Kontrolle halten. Auch über ein sogenanntes Sozialkredit-Modell, das auf die unterschiedlichsten digitalen Plattformen zugreift, Anreize setzt oder etwaiges „Fehlverhalten“ ahndet.

Ein System, das effektiv ist, aber in Europa wohl weder gewünscht noch angedacht wird. Die Freiheit von Wirtschaft und liberaler Gesellschaft stünde damit vor dem Aus – zugunsten einer politisch gesteuerten Wirtschaft. In anderen Teilen der Welt ist man dagegen weniger zimperlich. So greift etwa auch Singapur immer stärker in die Wirtschaft und den Lebensstil ein, um ökologische Effekte zu erzielen. Auto-Lizenzen wurden beispielsweise enorm verteuert, an manchen Tagen darf gefahren werden, an anderen nicht. Maßnahmen im großen Stil hat auch Indien gesetzt. Ein CSR-Gesetz zwingt größere Unternehmer dazu, zwei Prozent ihres Gewinns pro Jahr in CSR-Projekte zu investieren. Ob solche Maßnahmen als Role-Model für Europa gelten können, bleibt offen. Doch Schmidpeter ist sich sicher, dass diese Strategien auch unsere Wirtschaft beeinflussen werden. Schlicht, weil sie in den wesentlichen Märkten der Zukunft zum Tragen kommen.

WO CHANCEN LIEGEN

Davon, dass sich aus der Entwicklung Chancen für die Wirtschaft gesamt und die heimische im Speziellen ergeben werden, zeigt sich Marc Fähndrich überzeugt. Ist Österreich doch zweifelsfrei ein Standort, der für Innovation steht und eine hohe Forschungsquote aufweist. Werden diese Kompetenzen auf klimakompatible Projekte ausgerichtet, könnten echte Exportschlager entstehen. Global gedacht sieht Fähndrich Europa in der Rolle eines Vorreiters. Der europäische Binnenmarkt mit seinen 500 Millionen Einwohnern könnte vorzeigen, wie eine ökologische Wirtschaft funktionieren kann und andere damit inspirieren. Dieser Nachahmungseffekt wäre auch dringend nötig. Denn die Weltbevölkerung wird sich laut den Vereinten Nationen 2050 bei rund zehn Milliarden Menschen einpendeln. Doch nur ein ganz geringer Anteil dieser Menschen wird in Europa leben. Die zentralen Herausforderungen werden also in Asien und Afrika liegen. Die wesentliche Frage lautet dedurch, wie sich vor allem in Afrika lebenswerte Strukturen schaffen lassen, welche die Menschen ernähren, allerdings ohne den Anstieg des Wohlstands an einen gigantischen Ressourcenverbrauch zu koppeln. Können also Verkehrskonzepte in Afrika vielleicht gleich das Kapitel des fossilen Individualverkehrs überspringen? Werden beim Ausbau und Aufbau von Infrastruktur gleich erneuerbare Energien eine tragende Rolle spielen? Wesentliche Fragen, bei deren Lösung Europa aktuell nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Während Afrika in Europa vorwiegend als Bedrohung wahrgenommen wird, investieren die Asiaten im großen Stil. Aus Schmidpeters Sicht ein Fehler. „Wir müssten uns in Afrika viel stärker engagieren und uns überlegen, was die Menschen brauchen.“ Damit meint er weniger teure Autos für die Reichen, sondern vielmehr Ernährung und Mobilität für die Masse der Menschen. „Auf diese Fragen müssten wir Antworten finden. Dann hätte Europa Bedeutung in einem neuen System“, meint der Experte. Für das Klima würde ein stärkeres wirtschaftliches Engagement in den Teilen der Welt, wo der Wandel am stärksten spürbar ist, durchaus Sinn ergeben. Zu versuchen, den Klimawandel alleine über Verzicht und Verbote in Europa zu lösen, sei laut Schmidpeter dagegen realitätsfremd.

WAS BRINGT’S DEM KLIMA?

Es gilt vielmehr, nun als Vorbild voranzugehen und gleichzeitig mit massiven Investitionen in Afrika und Asien größtmögliche Wirksamkeit zu erzielen. „In Europa lebt nur rund ein Zehntel der Weltbevölkerung“, gibt der Wissenschafter zu bedenken. In Afrika und Asien sei dagegen die rising economy. Dort werde der Kampf gegen den Klimawandel entschieden. Entsprechend wichtig wäre ein smarter Mitteleinsatz – ausgerichtet auf Effizienz und Innovation anstatt auf ideologische Grabenkämpfe. „Sonst haben wir Fahrradwege, aber keine Wirtschaft mehr“, meint Professor Schmidpeter und pocht auf einen weiteren Punkt: „Nachhaltigkeit ist kein Umweltthema. Es geht um Wirtschaftspolitik.“ Man müsse die beiden Welten in Einklang bringen, um den Standort zu erhalten und wirtschaftlich erfolgreich zu sein, fasst er zusammen. Mit Blick auf die globale Entwicklung wird klar: Nur, wenn die Unternehmen die Marktchancen begreifen und nutzen, werden Ökologie und Ökonomie eine harmonische Synthese eingehen können. Getrennt voneinander wird weder die Wirtschaft florieren, noch wird sie eine lebenswerte Umwelt vorfinden. Es bleibt also viel zu tun.

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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