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Sagen, was ist

14.05.2020

Corona ändert die Unternehmenskommunikation. Kleinunternehmer setzen Videobotschaften ab und werden gehört. Vielleicht ja auch in Zukunft.

Diethold Schaar, Inhaber des Landhotel Yspertal, setzt eine Videobotschaft ab, um darauf aufmerksam zu machen, dass er jetzt zu Coronazeiten durch das eher weitmaschige Auffangnetz der Regierung fällt. Ruhig, beherrscht und klar spricht er in die Kamera. Er bezieht Stellung gegen Robert Holzmann, den Gouverneur der Nationalbank, der meinte, nur „gesunde“ Betriebe mit ausreichend Eigenkapital sollten überleben. „Eigenkapital ist mehr als ein Plus oder Minus auf einem Blatt Papier“, deponiert Herr Schaar im Stammbuch der Regierung. Sein Hotel sorgt für ein Viertel der Nächtigungen in der Region.

In einem persönlichen Gespräch erzählte mir Herr Schaar, dass er von jemandem aus dem Parlament angerufen worden sei, der ihm versprochen hat, das Thema im nächsten Finanzausschuss zu behandeln. Auch das Wirtschaftsmagazin Eco des ORF nimmt sich der Geschichte an.

Christoph Haider ist Inhaber des Fitnessclubs FitFAM in Amstetten. Er hat kurz vor Corona aufgesperrt, ist also ein Start-up und angesichts der hohen Investitionen und Leasingraten war der Lockdown für ihn besonders bitter. Als es um die Lockerungen und das Hochfahren der Wirtschaft ging, ist er mit dem Fitnessstudio nicht berücksichtigt worden. Alle durften öffnen, nur er nicht. Auch Christoph Haider setzt eine Videobotschaft ab. Er hält eine achtminütige kraftvolle Rede, in der er sich direkt an den Bundeskanzler wendet. „Sie haben gesagt, Sie kämpfen um jeden Betrieb. Während Sie noch kämpfen, gehe ich pleite.“ Daher würde er sein Studio jetzt aufsperren.

Der darauf einsetzende Medienrummel war enorm. Berichte in allen Online-Tageszeitungen, 200.000 Leute schauen sich das Video auf Youtube an, es wird auf Facebook dreitausend Mal geteilt. Und dann ruft Bundeskanzler Kurz persönlich Herrn Haider am Mobiltelefon an. „Es war ein smartes Gespräch“, sagt Haider, „wie unser Bundeskanzler halt ist.“ Der Anruf von Kurz bei Haider macht abermals die Runde in den Online-Medien. Aufgesperrt hat er sein Fitnessstudio angesichts massiver Strafandrohung nicht, aber das Ziel ist erreicht. „Ich wollte ein Zeichen setzen“, sagt Haider. Jetzt weiß er wenigstens, wann er aufsperren darf und hat als Nebeneffekt viel Aufmerksamkeit und Bekanntheit lukriert.

Das sind zwei Beispiele von vielen, wo Unternehmer sich direkt an die Regierung wenden und diese Botschaften auch tatsächlich gehört werden und Erfolge bringen. Natürlich ist die Politik in Coronazeit besonders aufgeschreckt und Sebastian Kurz wird nicht alle UnternehmerInnen anrufen können, aber es hat sich doch ein kommunikatives Tor geöffnet.

Die Frage ist ja derzeit, was sich wohl alles durch Corona ändern wird. Wenn wir bei den ganz pragmatischen, praktischen Dingen bleiben, ist es die Erkenntnis, dass durch Homework die Firma nicht zusammenbricht, dass viele Meetings auch online möglich sind und dass direkte Kommunikation über Social Media erfolgreich sein kann. Es braucht dazu kein großes Kommunikationsbudget, bloß Klarheit und Kairos, den Gott des richtigen Augenblicks.

In der Werbung galt bisher das Dogma der Emotionalisierung und Positionierung. Ich habe das Gefühl, dass in Zukunft Authentizität und Wahrheit mehr Zustimmung generieren werden. Während die klassische Werbung ein Sperrfeuer an Klischees abfeuert, könnten es KMU mit Echtheit probieren. Vielleicht überlässt man die teure Konstruktion von verklärten Werbewelten gänzlich den großen Firmen mit dem großen Geldbeutel und erzählt als KMU stattdessen von der richtigen Welt, in der man sich befindet.  

Die Botschaften der beiden Herren hatten natürlich auch deshalb so großen Impact, weil es um wahre, existentielle Probleme in einer kritischen Zeit ging. Aber was spricht dagegen, die Idee beizubehalten, und einfach von sich und seinem Produkt zu erzählen. Bisher hat Unternehmenskommunikation dazu gedient, Firmen und ihre Produkte heroisch darzustellen. Tue Gutes und rede darüber, lautete die PR-Formel dazu, was implizit heißt, über das Nicht-so-Gute besser nicht zu reden. Darum ist es so verblüffend anders und viel interessanter, wenn plötzlich Menschen einfach über das reden, was sie tun. Einfach sagen, was ist. Auch wenn man wütend ist.

 

 

Autor/in:
Harald Koisser

schreibt philosophische Bücher und 
ist Herausgeber des Mutmacher-Magazins „wirks“. 
www.wirks.at, www.koisser.at

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