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Run auf den Iran

29.09.2015

Unternehmen fiebern dem Tag entgegen, an dem die EU die Sanktionen gegenüber dem Iran aufhebt. Die Zeit bis dahin wird jetzt genutzt.

 

Text: Alexandra Rotter

Die Vereinbarung nach den Atomgesprächen von Wien im vergangen Juli gab den Startschuss. Alles deutet nun darauf hin, dass die Wirtschaftssanktionen gegenüber dem Iran bald fallen werden – vielleicht schon Anfang 2016 (siehe Kasten). Das bringt österreichische Unternehmen, die traditionell gute Verbindungen zum Iran haben, auf den Plan. Karl Hartleb, stellvertretender Leiter der Außenwirtschaft Austria, weckt Hoffnungen: Er schätzt, dass die derzeitigen Exportleistungen in den Iran „kurz- bis mittelfristig" verfünffacht werden können. Ausgegangen von einem Exportvolumen von 232 Millionen Euro im Jahr wäre dies ein kräftiger Impuls für die Außenwirtschaft.

Experten halten das für realistisch, sofern die Sanktionen auch wirklich fallen. „Österreichische Firmen haben einen guten Ruf im Iran, vor allem, weil das Land neutral geblieben ist und dort, wo es ging, weiterhin Geschäfte gemacht hat", sagt Bijan Khajehpour, Managing Partner bei Atieh International, einem Beratungsunternehmen, das auf Geschäfte mit riskanten Märkten wie dem Iran spezialisiert ist. Er rät, „effektiv Joint Ventures mit iranischen Firmen einzugehen". Solche Kooperationen würden die Zukunft des Iran-Geschäfts bestimmen.

 

Schnelles Reagieren ist gefragt

Profitieren werden jene, die in der Lage sind, schnell zu reagieren und ihren Mehrwert für den Iran zu identifizieren. Den Markt zu studieren ist jetzt eine sehr wichtige Aufgabe. In manchen Branchen, etwa bei Öl, Gas und Petrochemie, wird die iranische Seite laut Bijan Khajehpour Firmen bevorzugen, die eine komplette Lösung inklusive Technologie, Finanzierung, Marktzugang etc. anbieten. Joint Ventures mit internationalen Unternehmen könnten österreichischen Firmen beim Marktzugang helfen. Dass sie schnell handeln müssen, ist vielen Unternehmern bewusst. Georg Weingartner, Wirtschaftsdelegierter in Teheran, bemerkte bereits nach Abschluss des „Joint Plan of Action" im November 2013 verstärktes Interesse aus Österreich. Seit Anfang 2015 registriert er einen „regelrechten Ansturm österreichischer Unternehmen auf den Iran, sowohl was Liefergeschäfte als auch Sondierungen zu Firmengründungen betrifft". Mit den Sanktionen hat das nicht unbedingt zu tun. „Ich sehe den Grund vielmehr in einem allgemeinen Stimmungswandel der Weltöffentlichkeit gegenüber dem Iran." Dieser sei schon durch die Wahl des moderaten Präsidenten Hassan Rohani 2013 eingeleitet worden.

Im ersten Quartal 2015 wurden die Exporte im Vergleich zum Vorjahr um 67 Prozent gesteigert. Weingartner hält eine Steigerung bis 2020 auf 500 bis 600 Millionen Euro jährlich für realistisch, langfristig sei eine Milliarde durchaus vorstellbar. Doch die Zeit drängt. Denn vor allem für asiatische Länder, besonders China, waren in der Vergangenheit die Sanktionen kein Grund, auf Geschäfte mit dem Iran zu verzichten. Was für europäische Firmen spricht: Die iranische Industrie schätzt deren Technologie, Qualität und Verlässlichkeit. Wird die EU-Sanktionsarchitektur schrittweise abgebaut, dürften „mittel- bis langfristig die asiatischen Firmen erhebliche Marktanteile an europäische Firmen verlieren", meint Weingartner. Gute Marktchancen gibt es bei Industrieanlagen, Infrastruktur, erneuerbare Energien, Abfall- und Wasserwirtschaft. Auch den Branchen Pharmazie und Agrarwirtschaft werden gute Chancen eingeräumt.

Bei den ersten großen Geschäften will TCM International dabei sein. Das Unternehmen aus der Fertigungsindustrie mit Hauptsitz in der Steiermark beschäftigt 550 Mitarbeiter weltweit. „Wir dürfen jetzt nicht zu langsam sein, auch wenn unklar ist, welche Sanktionen wann genau fallen", sagt Geschäftsführer Manfred Kainz. „Wir versuchen für die Zeit nach den Sanktionen Kontakte zur iranischen Automobilzulieferindustrie aufzubauen." Kainz war vor 20 Jahren zum ersten Mal im Iran, seit einigen Jahren pflegt er wieder vermehrt Kontakte und schaut sich Betriebe vor Ort an: „Im Iran leben mehr als 70 Millionen Menschen. Iraner sind eine hochgebildete Gesellschaft mit vielen Studenten. Die heutige Jugend ist modern. Und der Iran ist das einzige industrialisierte Land in der Gegend: Da entsteht eine starke Industrieachse." Kainz ist einer jener Unternehmer, die Wirtschaftsminister Mitterlehner und Bundespräsident Fischer am 6. September bei einer Wirtschaftsmis­sion nach Teheran begleiten werden. Eine der größten Hürden liegt beim Geldtransfer und bei der Finanzierung großer Projekte. Weingartner: „Gegenwärtig bieten praktisch nur die Chinesen den Iranern Finanzierungen zum Ausbau von Infrastruktur und Industrie an." Für österreichische Unternehmen wird die Frage der Finanzierungsmöglichkeiten einer der entscheidenden Faktoren für den Erfolg im Iran sein, insbesondere im Projektgeschäft. Interessant ist letzten Endes nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die gesellschaftliche Frage, nämlich die, ob sich das Land durch die vermehrten Geschäfte mit dem Westen auch in Sachen Menschenrechte positiv weiterentwickeln wird. Vielleicht kann eine wirtschaftliche Öffnung auch dabei Impulse setzen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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