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Ruhe bitte

17.07.2014

Sie steht auf der Liste der aussterbenden Arten, die Sehnsucht nach ihr ist groß: die Stille! Sie ist ein Grundbedürfnis der Menschen und der Ort, wo Neues entsteht. Einige Unternehmer und Unternehmerinnen haben sich an sie erinnert, und moderne Managementtheorien geben ihnen recht.

Unternehmerin Andrea Hensky meditiert mit Katzen

Text: Harald Koisser

„Ich stehe sehr früh auf, mache Atemübungen, dann eine Dreiviertelstunde Meditation, dann eine Dreiviertelstunde Yoga, und dann gehe ich zu Fuß in die Arbeit. Das dauert auch rund eine Dreiviertelstunde.“ Ernst Gugler, Inhaber von Gugler Brand-Digital-Print aus Melk, zelebriert das Innehalten. Morgen für Morgen mit unerbittlicher Konsequenz. „Es ist die produktivste Zeit des Tages“, sagt der Unternehmer, „da bin ich an die Quelle in mir selbst angebunden.“ Dann kommt ohnehin die Zeit des Tempos mit 140 E-Mails pro Tag und vielen Meetings. Gugler hat seine Arbeitszeit als Firmeninhaber auf 40 Stunden die Woche heruntergefahren, eine Ausbildung zum Yogalehrer gemacht und beginnt interne Meetings mit einer Minute Stille. Stille? Im Business? Die kennt man bestenfalls in Form eines Schildchens mit der Aufschrift „Ruhe, bitte“, das an der Schnalle der Konferenztür hängt, was nichts anders bedeutet als: Bitte stört uns nicht bei unserer internen Hektik.

Wer kann sich bitte schön Stille leisten?
„Wer kann es sich leisten, auf sie zu verzichten?“, lacht Heini Staudinger, Schuhproduzent und Steuerrebell im Waldviertel. In seiner Gea-Schuhfabrik hat er vor Jahren schon ein Radioverbot durchgesetzt, „weil alle wussten, wann in Vorarlberg ein Stau war, aber keine Ahnung hatten, wie ein Fehler bei ihrer Arbeit entstehen konnte“. Aber die Stille verordnet Staudinger auch sich selbst: „Wir sind vier Leute in der Geschäftsführung. Zwischen zweien gab es Streit wegen einer Kleinigkeit. Es war offensichtlich. Die Nerven lagen blank. Ich hab davon erfahren und angeordnet: Am kommenden Mittwoch fahren wir nach Kroatien. Ich verordnete vier Tage Urlaub, das ersetzte uns das Konfliktmanagement, und wir wurden wieder zu normalen Menschen.“

Zwischen den Polen pendeln
Der normale Mensch braucht die Stille, weil das Leben antagonistisch aufgebaut ist. Anspannung und Entspannung, Tempo und Innehalten, Licht und Schatten. Niemand mag in einem der Extreme verweilen. Es braucht das sanfte Pendeln zwischen den Polen. Doch es findet in der Ökonomie nicht mehr statt. Hier herrscht dauernde Höchstgeschwindigkeit, das Innehalten ergibt sich oft nur noch aus dem Zusammenbruch und der Stille auf der Intensivstation und in der Insolvenz.
„Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine nette Barbarei aus“, notierte der Philosoph Friedrich Nietzsche, und die Barbarei nimmt Gestalt an: Tiere wie Wale oder Singvögel werden immer lauter, weil sie den zunehmenden menschlichen Lärm übertönen müssen. Jeder vierte Jugendliche leidet an Hörschäden, jedes vierte Kind an Entwicklungsstörungen und jeder zweite Erwachsene an Stresssymptomen. Rund 80 Prozent aller Arztbesuche sind auf Stress zurückzuführen.

Bluthochdruck, Tinnitus, Herzinfarkt. Der Körper findet sein Ventil. Die Ursache ist meist dieselbe: Tempo, Lärm, Stress. „Stress“ gilt für die eltgesundheitsorganisation (WHO) als größte Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts, induziert durch Lärm und Luftverschmutzung. Lärm ist einer der größten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir laborieren am modischen „A burnt-out case“, wie Graham Greene seine 1960 geschriebene Erzählung nannte. Der Romantitel ist in die Diagnosepraxis eingegangen. Burn-out überall – vom Topmanager bis zum Kindergartenkind. Um in Stresszustände zu geraten, muss man nämlich gar nicht mehr in sogenannten Stressberufen arbeiten. Es genu?gt schon, durch Mobiltelefon und E-Mail rund um die Uhr erreichbar zu sein und dem Dauerdruck ausgesetzt zu sein – im Büro, an der Supermarktkassa, in der Schule.

Die Stille: Gedenktage und Gedenkorte
Jede Sekunde prasseln auf den menschlichen Körper zehn Milliarden Datenimpulse ein. Das Auge ist mit greller Internetwerbung und blinkenden Neonlichtern konfrontiert. Die Haut muss mit Menschendichte in der U-Bahn und bei Popkonzerten zurande kommen. Doch Stille, selbst in ihrem eigentlichen akustischen Sinn, wird zu einem Zustand jenseits der Erfahrungswelt des modernen Menschen. Sie verblasst, wird also selbst ganz still, indem sie sich im allgemeinen Lärm auflöst. Dafür werden ihr Gedenktage und Wallfahrtsorte gewidmet. Vor zehn Jahren wurde noch ein internationaler Tag der Stille abgehalten. Es gibt einige Orte der Stille. Ein Raum der Stille befindet sich etwa direkt im Brandenburger Tor in Berlin.

Die akzeptierte Form, in Ruhe gelassen zu werden
„Die Entdeckung der Stille“ verspricht man im Kloster Pernegg im Waldviertel, Niederösterreich, und 1.600 Menschen pro Jahr folgen dieser Einladung. Das weltlich geführte Kloster ist Österreichs größtes und bekanntestes Fastenzentrum. Michael Walter, Inhaber von „Der Walter Berufskleidung“, war schon öfter dort. „Einfach herrlich“, freut sich der Unternehmer, „ich zehre ein halbes Jahr davon. Und es bleibt immer etwas für den Alltag hängen. Ich habe von Jänner bis Juni insgesamt nur zehn Kaffee getrunken.“ Christine Hesky, Inhaberin des Olina-Küchenstudios in Wien, war ebenfalls dort: „Ich habe unglaublich viele Impulse für mein Leben mitbekommen. Ich mache jetzt jeden Tag Yoga und bin viel in der Natur.

Es war sehr beflügelnd, besonders die Rituale.“ Im Alltag hat Hesky die „Katzenmeditation“ entdeckt: „Wir haben jetzt zwei Katzen, und wenn mein Mann und ich ihnen zuschauen, entspannt uns das enorm. Wir machen das nach der Arbeit eine Stunde lang.“ „Fasten ist heute die sozial akzeptierte Form, der Firma und der Familie zu sagen: Ich brauche jetzt eine Woche lang Ruhe von euch“, weiß Klaus Rebernig, Geschäftsführer des Pernegger Fastenklosters. Das Haus wird besucht von Unternehmern, Managern und stressgeplagten Menschen in Sozialberufen. Der fastenbedingte Gewichtsverlust spielt kaum eine Rolle. Die Leute kommen, um inneren Frieden zu finden.

Managementberater Lothar Seifert hat schon in den 1990er-Jahren zu einer täglichen „Stillen Stunde“ geraten, die Journalistin Christa Langheiter bietet heute „Auszeitcoaching“ an, und Manuela Mätzner, mit ihrer Firma „ifub“ auf Betriebsübergaben spezialisiert, findet zunehmend Zuspruch zu ihrem „Sieben-Tore-Programm“, bei dem Menschen in die Stille und zu sich selbst geführt werden. So weit ist es also, dass wir für unsere Auszeit schon Coaching brauchen? „Ich bin mit enormem Stresslevel in die Fastenwoche hineingegangen“, erzählt Hesky, „viele Freunde haben gesagt: Fahr auf einen Bauernhof. Aber das wird nichts. Ich brauche jemanden, der mich behutsam herunterfährt.“

Oasen der Stille ins Leben stellen
Bei Heinz Nussbaumer war es eher nicht behutsam: „Ich war mehr als 20 Jahre lang Außenpolitikchef des ‚Kurier‘ und Sprecher zweier Bundespräsidenten und somit in einer andauernden seelischen und nervlichen Ausnahmesituation. All die Kriege, all die Katastrophen, die Friedenskonferenzen, die Wahlkämpfe!“ Irgendwann hat ihm ein Arzt gesagt, dass er etwas im Leben ändern muss. Grundsätzlich und sofort. „Ich musste also radikal Oasen der Stille in das Leben hineinstellen.“ Nussbaumer reiste stante pede auf den für seine Klöster berühmten griechischen Berg Athos. Den Bundespräsidenten hat er angeschummelt: „Ich habe gesagt, dort gibt es kein Telefon. Ich bin nicht erreichbar.“ Nussbaumer ist heute noch Stammgast auf dem Athos, und er schätzt dort „die hohe Sensibilität und die weiblichen Talente der Mönche, die ich in unserer wirtschaftlichen Umgebung so nicht finde. Der Mann ist gezwungen, seine Weiblichkeit zu entdecken.“

Nicht minder radikal, aber vorausschauender agiert der österreichische Designer Stefan Sagmeister, der in New York mit einem Designbüro reüssiert. Alle sieben Jahre schließt er das Büro – komplett, für ein ganzes Jahr. Die Idee zu diesem konsequenten Sabbatical hatte er, als ihn einmal ein 60-jähriger Freund im Büro besuchte und wunderbare typografische Arbeiten vorlegte. Sagmeister dachte, es wäre viel besser, wenn man schon früher im Leben Zeit zum Nachdenken und für Kreativität hätte. Die Kontemplation dürfe nicht der Pension vorbehalten bleiben. Sie muss im Alltag der jungen Menschen einen Platz haben. Das erste Sabbatical war geboren. Die erstaunten Kunden wurden informiert. Das Designbüro schloss ein Jahr lang die Pforten, „damit meine Arbeit eine Berufung bleibt und kein Job wird“.
Endlich Zeit für alles, wofür man keine Zeit hat
Was passiert in so einem Jahr? „Happy experiments!“ Endlich Zeit haben für all die Dinge, die man gern tun und erforschen möchte, für die man aber nie die Zeit findet. Das ist die Qualität der Stille: Der Blick, das Gehör, das seelische Sensorium – alles schärft sich. Der Mensch beginnt, Nuancen wahrzunehmen – akustisch, taktil, olphaktorisch. In der Stille beginnt die tiefere Empfindung. Nur in der Stille entstehen wirklich neue Gedanken. Im Stress und unter Dauerdruck gibt es keine Innovationen. Da greifen die Leute bloß in die Schublade und holen das Altbewährte heraus. Das können wir somit nicht wirklich wollen: Dauerstress erzeugen und Mitarbeiter in den Zustand der Not versetzen – aus dem schließlich nichts anderes entstehen kann als Notdurft. Das schnelle Absolvieren irgendeiner Routine, damit irgendein Termin eingehalten werden kann, von dem niemand weiß, warum und aus welchem Grund er gesetzt wurde.

„Auszeiten von ein paar Wochen, Sabbaticals von ein paar Monaten, Mütter-, Väter- und Bildungskarenzen, die über Jahre gehen, aber auch Retreats oder Klausuren, die ein paar Tage oder Stunden dauern, gehören zum fixen Inventar unserer kleinen Organisation“, erzählt Alfred Strigl, Chef der Beratungsagentur plenum. „Ich selbst kenne und finde Stille vor allem in der Natur. In der äußeren Natur wie in meiner inneren. Wenn ich gut bei mir selbst bin, wird es still. Wenn ich Dinge tue, mit denen ich selbst gut übereinstimme, wird es still und feierlich.“

In der Stille ist die Zukunft wahrnehmbar
So kommt es, dass auch moderne Managementtheorien die Stille beschwören. Claus Otto Scharmer hat mit seiner „Theorie U“ ein vielbeachtetes Werk zur persönlichen und unternehmerischen Veränderung vorgelegt, in dem er die Stille als Zentrum der Erneuerung präsentiert. Scharmer verweist auf japanische Maler: „Sie ­sitzen eine ganze Woche lang auf einem Sims mit Laternen und schauen nur. Dann plötzlich sagen sie ‚oh!‘ und malen dann sehr schnell.“ So ist es für Scharmer auch unerlässlich, sich mit dem inneren Ort der Stille zu verbinden, weil nur dort „die im Entstehen begriffene Zukunft wahrnehmbar ist“.

Auch in der Gaia-Hypothese, welche die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Biophysiker John Lovelock in den 1960er-Jahren propagierten, wird die Stille als Ausgangspunkt des Lebens betrachtet. Lovelock wurde für seine damals esoterisch anmutende Beschreibung von „Gaia“ (der mythologische Name für die Erde) von der „seriösen“ Wissenschaft noch verachtet. Heute propagiert die Persönlichkeitsberaterin Veronika Lamprecht erfolgreich das Gaia-Prinzip: „Auch Unternehmen mit ihren Teams sind lebendige, einzigartige Organismen und funktionieren nach den natürlichen Zyklen des Lebens. In unseren Breiten spiegeln sich diese Zyklen in den Jahreszeiten und ihren spezifischen Schwerpunkten und Eigenschaften wider. In den Jahreszeiten zeigen sich Wachstum, Entfaltung, Reifung, Abschluss, Innehalten, Loslassen, Sterbenlassen und Neubeginn als ganz spezielle Qualitäten, die nicht beeinflussbar sind und direkt auf unseren Körper und unsere Psyche wirken – und somit auch auf Unternehmen oder andere Organisationen, die von Menschen getragen werden. Gehen wir mit diesen Kräften, dann haben wir ein intensives kreatives Energie- und Kraftpotenzial zur Verfügung. Gehen wir gegen diese Kräfte, dann werden wir über kurz oder lang ausgebrannt, erschöpft, unzufrieden.“ Wenn sie Unternehmen berät, beginnt sie gern mit dem Innehalten. Im Kalender wäre das die Wintersonnenwende. „Es ist die Zeit von Chaos und Stille. Der tiefste Punkt im Zyklus. Das Leben scheint stillzustehen, doch das Neue wartet bloß mit angehaltenem Atem“, sagt Lamprecht.

Michael Walter hält die Luft an, dann atmet er sie langsam durch die Nase aus: kleine beruhigende Atemübung zwischendurch. „Wir Menschen sind maßlos geworden“, sagt er, „wir sind in eine Falle gegangen.“ Herausgeführt haben ihn stille Fastenwochen. „Ich sehe heute vieles gelassener.“ Mehr könne man als Chef auch nicht tun, assistiert Ernst Gugler: „Ich versuche präsent zu sein, hineinzuspüren und Ruhe und Zuversicht auszustrahlen.“ Und am Abend hilft ihm mitunter das Singen von Mantren.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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