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Reicher Süden, armer Osten

05.03.2014

Professor Karl Friedrich Bohler von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena hat eine ­gewagte These aufgestellt: Er führt die Unterschiede in der wirtschaftlichen ­Leistungsfähigkeit von Regionen auf Mentalitäten zurück, die sich über hunderte Jahre gebildet haben sollen. Was es damit auf sich hat, wollten wir genauer wissen.

Interview: Stephan Strzyzowski

Egal ob in den USA, im deutschsprachigen Raum oder in Italien: Es gibt Gebiete, die wirtschaftlich wesentlich besser performen als andere. Sie haben sich wissenschaftlich mit genau diesen regionalen Unterschieden befasst und eine Erklärung dafür gefunden, warum etwa Bayern wirtschaftlich so viel besser dasteht als weite Teile des Nordens und des Ostens in Deutschland. Wie sieht diese Erklärung aus?

Der oberdeutsche Raum vom Mittelgebirge bis zu den Alpen hat ein anderes Profil als der niederdeutsche Raum. Für diesen Raum ist bezeichnend, dass in vergangenen Jahrhunderten Familienbetriebe eine große Rolle gespielt haben und dass damit auch eine selbstständige Betriebsführung verknüpft war. Dieser Raum hatte auf Gemeindeebene, historisch betrachtet, eine recht autonome Verwaltung. Die Menschen dort waren also immer vergleichsweise recht selbstbestimmt.

 

Wie wirkt sich das aus?

Solche Umstände prägen eine Lebensführung, die auf Autonomie und auf Selbstständigkeit ausgelegt ist. Die Menschen lernten, selbst für ihre Geschicke verantwortlich zu sein.

 

Und das war in Nord- oder Ostdeutschland nicht möglich?

Der Unterschied liegt darin, dass die Bauern zwar auch in Bayern lehensabhängig waren, aber es waren ihre Höfe, auf denen sie gearbeitet haben. Sie waren nicht Eigentümer, aber Besitzer, und sie hatten Erbrecht. Das war für Familienbetriebe ganz wichtig! Es geht dabei um die Perspektive, etwas für weitere Generationen zu erschaffen. Im Gegensatz dazu gehörte den Bauern im nordostdeutschen Raum, in Polen, Russland und dem Baltikum, wo es Gutsherrschaften gab, nichts. Der Großteil der Menschen dort musste für die Herrschaft arbeiten und wurde im Gegenzug versorgt.

 

Von welchem Zeitrahmen sprechen wir hier?

Diese Strukturen haben sich bereits im 15. beziehungsweise im 16. Jahrhundert herausgebildet. In dieser Zeit sind große Weichen gestellt worden. Denn wenn man sich den damals deutschen Raum inklusive der Schweiz und Österreich, der natürlich mit dem heutigen nicht zu vergleichen ist, ansieht, haben sich damals sehr unterschiedliche Entwicklungen abgespielt. Genau diese regionalen Entwicklungspfade habe ich analysiert. Wir haben beobachtet, dass es, je näher man zu den Alpen kommt, umso mehr regionale Autonomie und Familienbetriebe gab. Im Gegensatz zur Nordsee, mit Ausnahme der Handelsstädte am Meer, wo es immer weniger gab. Im Norden waren eben sehr viele Gutsbetriebe und im Westen großbäuerliche Strukturen mit abhängigen Tagelöhnern.

 

Und Sie meinen nun, dies sei der Grund dafür, dass Bayern heute wirtschaftlich so viel besser dasteht als zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern?

Ja, weil diese Strukturen keine selbstständige Lebensführung initiieren. Das hat sich bis heute gehalten und zeitigt jetzt deshalb so eine Wirkung, weil das Humankapital jetzt von ganz besonders großer Bedeutung ist. Eine selbstständige Orientierung ist ein Faktor des Humankapitals, der häufig unterschätzt wird. Zu oft wird lediglich auf die Schulbildung geachtet und auf das, was man lernen kann, aber dahinter steht noch etwas anderes. Dahinter stehen Einstellungen und Haltungen, die eine Orientierung vermitteln und eine Mentalität schaffen. Sie bestimmen, wie man sein Leben führen will. Ob man selbstständig etwas daraus machen will oder lieber abhängig beschäftigt sein möchte.

 

Sie sagen also, dass sich in den nördlichen Regionen, wo die Menschen früher als Heuerlinge gearbeitet haben, die Abhängigkeit und Handlungsunfähigkeit über die Jahrhunderte gehalten hat?

Ja. Schlichtweg, weil Landarbeiter und Tagelöhner sich anders verhalten und eine andere Orientierung haben als Bergbauern, die sich immer selbstständig über Wasser halten mussten. Sie waren zudem familienbetrieblich organisiert. Sie konnten eigene Werte schaffen, für die sie verantwortlich waren.

 

Es ging also ganz wesentlich um die Möglichkeit, seinen eigenen Grund und Boden zu bestellen und auch zu vererben?

Richtig. Und ein weiterer Faktor war der Umstand, dass der Grund bei mehreren Kindern nicht geteilt wurde und somit viele Menschen gezwungen waren, ins Handwerk und ins Gewerbe zu gehen. Nach drei Generationen wäre sonst die Hofgröße zu klein geworden. Dadurch entstanden mit der Zeit viele Familienbetriebe. Auch Heimarbeit war sehr wesentlich. Man wurde einfach erfinderisch, und das kommt den Menschen der Region heute zugute.

 

Was ist denn Ihr Befund? Wie lange dauert es, bis sich so eine Mentalität herausbildet beziehungsweise wieder verändert?

Herausgebildet hat sie diese Mentalität in den ländlichen Gebieten innerhalb von 200 bis 300 Jahren. Spannend ist, was dann in der Phase der Industrialisierung passiert ist. Wir haben ja im Norden vor allem Schwerindustrie gehabt, etwa im Ruhrgebiet. In einem Bergwerk war Humankapital relativ überflüssig. Im Süden gab und gibt es Leichtindustrie, wo man vermehrt Facharbeiter braucht. Genau hier setzt meine These an: Das Potenzial, das in der Agrarzeit etwa im bayrischen Raum in der Landwirtschaft angelegt wurde, kann jetzt besonders gut in Betriebsformen genutzt werden, in denen man selbstverantwortliche Facharbeiter benötigt. Diese selbstständige Mentalität kann sich vielmehr dann weiterhalten, wenn sie sich in Handel und Gewerbe ausleben kann. Wenn nicht, dann ist es nach ein paar Generationen vorbei damit.

 

Sie haben erwähnt, dass häufig Bauernsöhne, für die es keinen Hof zu erben gab, ins Handwerk und Gewerbe gingen, die Leute also aus der Not heraus erfinderisch und wandlungsfähig wurden. Wäre nicht gerade heute wieder der Druck da, sich in den Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit anzupassen?

Meine These ist, dass die Findigkeit dort entsteht, wo es von der Mentalität die Orientierung gibt, selber zu kucken, was man machen kann, damit es einem selber besser geht. Ein Landarbeiter stellte sich diese Frage aber nicht. Er stellte sich die Frage, warum ihm der Herr nicht hilft. Denn ein Gutsherr war verpflichtet, für seine Leute zu sorgen. Landarbeiter mussten nicht findig sein, wie es die Nebenerwerbsleute im Süddeutschen Raum sein mussten. Weil ein Herzog von Bayern war nicht verpflichtet, arme Leute in den Dörfern zu versorgen, das mussten die Gemeinden machen und die Familien. Und was Sie unterstellen, dass man überlegt, was man machen kann, wenn es schlechter wird – das setzt Selbstständigkeit in der Orientierung voraus.

 

Und Sie meinen, dass bis heute die Orientierung im nord- oder ostdeutschen Raum so wenig selbstständig ist, dass diese Regionen stagnieren?

Ja, und dazu kommt, dass man noch so viel wollen kann, wenn dafür die Voraussetzungen fehlen. Die Zahlen belegen, dass die Leute, die etwas werden wollen, weggehen. Das hängt auch wieder mit der familienbetrieblichen Struktur zusammen. Man hängt eben viel mehr an seiner Region, wenn man etwas erbt.

 

Ist dieses Phänomen auch außerhalb Europas zu beobachten?

Das gilt zum Beispiel auch für den Norden und Süden der USA, denn die Sklavenhaltung war sogar eine verschärfte Variante der Gutswirtschaft. Man kann bei der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA be­obachten, dass es bis heute Nachwirkungen davon gibt.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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