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Raus aus den K.I.nderschuhen

08.06.2018

Für den neuen T-Systems-CEO Peter Lenz ist die Sache klar: Es gibt keinen Grund, sich vor Künstlicher Intelligenz zu fürchten – nur den Menschenverstand dürfe man nicht ausschalten. Wie sie unsere Welt nachhaltiger machen wird und wie sich ­Unternehmer an das Thema annähern ­können, erklärt er im Interview.

"Damit ein System erkennen kann, worauf es ankommt, braucht es Menschen."

T-Systems positioniert sich als Partner für alle Belange rund um die digitale Transformation. Wie stehen die Unternehmen zu den Herausforderungen? Das Thema wird zur gelebten Realität, bleibt aber sicher auch ein strapaziertes Buzzword. Das liegt daran, dass unglaublich viel darunter fällt. Aber ich sehe, dass die Digitalisierung mittlerweile überall angekommen ist. Bei den Konzernen, in Organisationen und im Mittelstand. Es gibt niemanden mehr, der sich nicht damit befasst.

Viele Unternehmer hatten ja lange eine eher abwartende Haltung. Das ist jetzt vorbei. Es sind aber natürlich nicht alle gleich weit. Es gibt Frontrunner, die bereits hochinnovative Projekte umsetzen, und es gibt Organisationen, bei denen es noch um sehr klassische Lösungen geht. Die Bandbreite ist gerade extrem groß. Aber es ist Mainstream. Das Thema ist angekommen. Die Unternehmen haben erkannt, dass es nicht ohne Digitalisierung geht und dass sie zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden ist. 

Wenn man den Experten Glauben schenkt, ist das, was wir gerade erleben, erst der Gruß aus der Küche. Was glauben Sie: Wann kommt Künstliche Intelligenz voll in die Gänge? Ich sehe die Durchdringung als kontinuierlichen Prozess. Das erkennt man an den vielen Lösungen, die bereits im Feld sind. Die Sensorik verbreitet sich immer mehr, es werden immer mehr Daten gesammelt. Auch solche, von denen noch niemand weiß, was man damit tut. Damit ist die Basis für die weitere Entwicklung von Künstlicher Intelligenz geschaffen.

Wann ist es so weit, dass der Kostenfaktor und die Rechenleistung noch einmal einen Boost erzeugen? Es ist schon so weit. Mit den Datenmengen kommen die Plattformen bereits gut zurecht. Die Frage ist eher, wie man die Daten an einen zentralen Punkt bringt. Dafür muss man schon in den Bereich Edgecomputing, wie es genannt wird. 

Haben Sie ein Beispiel dafür? Beim autonomen Fahren steckt zum Beispiel viel Rechenkapazität direkt im Fahrzeug, und nur mehr die relevanten Daten werden übertragen. Mir den heutigen Netzen schafft man es nämlich gar nicht, die ganzen Daten abzuziehen. Das ändert sich vielleicht mit 5G. Die Computingpower geht also an die Kante, an die Edge. Dort findet die Verarbeitung statt und nur das Relevante wird geschickt und zentral weiterverarbeitet. Einen limitierenden Faktor der Technik gibt es also heute nicht.

Aber einen der Infrastruktur? Die Datenübertragungsmenge ist aktuell tatsächlich ein limitierender Faktor.  

Den technischen Möglichkeiten, die Künstliche Intelligenz bietet, hinkt die Vorstellungskraft der Anwender hinterher. Genau wie die Jurisdiktion. Sind wir noch nicht bereit für Systeme, die schlauer sind als wir? Ich glaube, dass wir die Möglichkeiten, die sich bieten, grundsätzlich positiv sehen sollten. Man kann sich zwar vor allem und jedem fürchten, aber dass wir alle unsere Jobs verlieren, sehe ich nicht. Künstliche Intelligenz und Algorithmen setzen dort an, wo es um extrem große Datenmengen geht, die ein Mensch gar nicht bearbeiten kann. Der Algorithmus braucht kein Wochenende und keine Nachtruhe. Genauso bei der Robotik. Hier kann die Technik mehr leisten als der Mensch. Sie muss aber eingelernt werden. Damit ein System erkennen kann, worauf es ankommt, braucht es Menschen. In der IT-Branche sehe ich also zum Beispiel keine negativen Auswirkungen. Wir brauchen im Gegenteil mehr Fachkräfte denn je. 

Laut einer Studie von PwC sind bis 2030 aber 34 Prozent der österreichischen Arbeitsplätze von Automatisierungsprozessen bedroht. Und unser Bildungssystem produziert längst nicht genug Fachkräfte. Ich würde das nicht so negativ sehen. Menschen sind extrem anpassungsfähig, und es werden auch neue Jobbilder entstehen. Und klar, in Zeiten der Hochkonjunktur sind Fachkräfte natürlich enorm gefragt. 

Künstliche Intelligenz wird auch abseits der Jobfrage sehr kontroversiell betrachtet. Die einen sehen sie als Heilsbringer, die anderen haben Angst vor Kontrollverlust. Wer liegt aus Ihrer Sicht richtig? Ich habe persönlich überhaupt keine Angst davor, dass sich Künstliche Intelligenz verselbstständigt und wir nicht mehr Herr der Lage sind. Für so ein Szenario sehe ich keinerlei Anzeichen. Der Umstand, dass jedes System von Menschen angelernt wird, steht dem aus meiner Sicht ­entgegen.

Wenn aber erst flächendeckend Künstliche Intelligenz, Big Data, IoT und M2M zusammenspielen: Wie sichert man so ein System ab? Bei der Frage nach immer mehr Technik in unserem Leben muss man sich natürlich grundsätzlich überlegen, welchen Nutzen sie bringen soll. Sie darf nicht zum Selbstzweck werden und es soll nicht um Technik-Verliebtheit gehen. Es muss nachvollziehbar sein, was sie mit dem Individuum macht. Was bedeutet die Einführung neuer Technologien für uns? Wir dürfen den gesunden Menschenverstand nicht ausschalten bei der Frage, was zumutbar ist. Dann bleiben wir auch auf der sicheren Seite. Zudem haben wir mit dem europäischen Datenschutzgesetz eine sehr solide Basis.

Was meinen Sie: Hat die Ethik in der Welt der IT den Stellenwert, den sie haben sollte? Das ist schwer zu beurteilen. Ich persönlich halte sie für absolut relevant. Wir bringen ethische Aspekte deshalb auch aktiv ein. Nicht nur dann, wenn die Gefahr auf Verletzungen der Datenschutzrichtlinien bestehen. 

Welche zentralen Vorteile sehen Sie für Unternehmen im Bereich Künstlicher Intelligenz? Sie ermöglicht das Umgehen mit größten Datenmengen und Komplexität. Ihre Systeme können sich selbst weiterentwickeln und intelligent neue Lösungen entwickeln. Und das alles in gleichbleibender oder besser werdender Qualität ohne Unterbrechung. 

Laut einer McKinsey-Studie ist aufgrund von Künstlicher Intelligenz zusätzliches jährliches Wirtschaftswachstum von zehn Milliarden Euro möglich. Wie können sich Unternehmer dem Thema nähern und an der Entwicklung teilnehmen? Wenn ein Unternehmen gerade operativ unter Druck ist, wird die Innovation eher im Kostensparen liegen. Wenn es gerade expandiert, wird es vielleicht darum gehen, wie man weltweite Daten zusammenbringt, um optimal zu steuern. Es kommt also stark darauf an, wo ein Unternehmen steht. Oft hilft es, sich konkrete Erfolgsbeispiele anzusehen und sie dann umzulegen. Dadurch kann man auch Fehler, die bereits begangen wurden, vermeiden. 

Unternehmer sollten also einfach experimentieren? Absolut. Für einen Proof of Concept wird mittlerweile gerne Geld in die Hand genommen. Der Mut dazu ist vorhanden. Die Hochkonjunktur und der Zwang, sich weiterzuentwickeln, begünstigen diese Haltung. 

Gilt das auch für KMU? Klar, sie arbeiten ja vielfach mit der Industrie zusammen und dürfen technologisch nicht zurückbleiben. 

Was werden uns KI und Robotik gesellschaftlich bringen? Es wird weniger Verschwendung geben. Verschwendung von Zeit und von Ressourcen. Man wird etwa nicht mehr ewig Parkplatz suchen müssen. Man wird auch nicht mehr selbst fahren. In der Nahrungsmittelindustrie wird zielgerichteter gesät, gedüngt, geerntet. Alles wird bedarfsorientierter produziert. Auch in der Kühlung wird man frühzeitig wissen, wann man wo eingreifen muss, damit nichts verdirbt. Unsere Welt wird nachhaltiger werden, freie Kapazitäten können genutzt werden und Leerfahrten vermieden. Das wird auch monetäre Effizienz bringen. 

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