Raiffeisen in Russland: Kleine Fische auf dem großen Markt | Die Wirtschaft Direkt zum Inhalt

Raiffeisen in Russland: Kleine Fische auf dem großen Markt

27.02.2006

Die Firmenkunden von Johann Jonach, Raiffeisen-Generaldirektor in Moskau, sind hauptsächlich russische Konzerne und Betriebe. Ausländische Unternehmen sind in der Minderzahl in dem prosperierenden Land. Interview Eva Stanzl
e.stanzl@wirtschaftsverlag.at

die wirtschaft: Mit dem Zukauf der russischen Impexbank ist Raiffeisen International zur siebentgrößten russischen und größten ausländischen Bankengruppe aufgestiegen. Wie viele österreichische Klein- und Mittelbetriebe mit Russland-Geschäften banken bei Ihnen?

Johann Jonach: Es werden durchaus mehr. Allerdings haben wir nur einen kursorischen Einblick, weil wir ja nicht alle Aktivitäten im Überblick haben, sondern nur die, die über uns abgewickelt werden. Aber bei Veranstaltungen oder Wirtschaftsmissionen sehen wir steigendes Interesse. Viele der österreichischen KMU haben Aktivitäten hier im Handel, einige starten auch Niederlassungen. Wir rechnen damit, dass wir dieses Kundensegment in den nächsten zwei Jahren verdoppeln können.

die wirtschaft: Wie sieht ihre Kundenstruktur aus?

Jonach: Insgesamt betreuen wir 4000 Firmenkunden, davon 1000 Großunternehmen. Der Rest sind KMU. Der Anteil der österreichischen KMU ist allerdings zahlenmäßig ein bescheidener, das sind nicht mehr als 30 oder 40. Alle anderen kommen aus Russland oder sind andere ausländische Investoren. Unter den 1000 Großunternehmen, die wir hier betreuen, sind keine Österreicher, sondern auch das sind vorwiegend russische Konzerne. Der Anteil ausländischer Konzerne in der russischen Wirtschaft beschränkt sich derzeit noch auf vier bis fünf Prozent, denn der Markt ist ja so groß. Zu den größten ausländischen Investoren hier zählen Deutschland, Großbritannien, Italien, Frankreich und Korea. Auch chinesische Investitionen steigen, allerdings eher verhalten.

die wirtschaft: Benutzen europäische Unternehmen Russland als Sprungbrett in andere Länder - wie die Ukraine, Kasachstan oder Georgien - oder ist es umgekehrt? Was kommt zuerst: der große oder der kleine Markt?

Jonach: Russland dient als Sprungbrett in die kleineren Länder. Allerdings nur in jene, die aufgrund ihrer Marktgröße von Moskau aus mitbetreut werden können - etwa die Staaten am Kaukasus oder Weißrussland. Große Länder hingegen, wie Kasachstan oder die Ukraine, werden über eigene Niederlassungen betreut. In der Ukraine zum Beispiel gibt es mehr österreichische KMU als in Russland. Es bestehen Beziehungen, besonders seit der politischen Wende. Das Interesse österreichischer KMU an Weißrussland wird allerdings nicht sehr schnell zu wecken sein.

die wirtschaft: Russland gilt als Hoffnungsmarkt. Was kommt danach?

Jonach: Wir erwarten starkes Wachstum für die nächsten zehn Jahre. Die Erdöl- und die Gaspreise bleiben hoch, die regionale Wirtschaft entwickelt sich, die Kaufkraft steigt. Wir sehen hier auch eine starke Regionalisierung. Früher tat sich nur in den Millionenstädten Moskau und Sankt Petersburg etwas, jetzt geht der Trend weiter in die Regionen. Unternehmen siedeln sich in den zehn Ein-Millionen-Städten des Landes an - in den Ural, nach Sibirien oder nach Südrussland. Das wird KMU noch viele Jahre sehr beschäftigt halten.

die wirtschaft: Wie ist das Procedere, wenn ein Unternehmen in Russland eine Niederlassung aufmachen will?

Jonach: Es ist komplizierter als in Westeuropa oder in den neuen EU-Ländern wegen der strikteren formellen Vorschriften. Auch der Zeitraum für die Einrichtung von Firmen ist länger und kann bis zu zwei Monaten dauern. Firmenkunden kommen zu uns direkt, oder über Raiffeisenbanken in Österreich und eröffnen ein Bankkonto, auf das sie ihr Stammkapital einzahlen. Wir stellen auch Kontakte zu hiesigen Unternehmen und Anwälten her, über die Niederlassungen gegründet werden. Bei Geschäftsanbahnung machen wir eher Bankenbetreuung. Kredite vergeben wir in der Regel erst später, wenn ein Unternehmen schon hier ist und zusätzliche Investitionen tätigen will.

die wirtschaft: Worauf müssen KMU besonders achten?

Jonach: Sie müssen vor allem eingehende Informationen sammeln über die juristischen Gegebenheiten, über die Bestimmungen die gelten zu Steuern und das Zollprozedere, das sich ja noch dazu häufig ändert. Wenn sie mit lokalen Partnern tätig werden, ist außerdem wichtig, dass sie sich eingehend für deren Beruf und bisherige Tätigkeiten interessieren, um mögliche Schwierigkeiten später zu vermeiden. Korruption kommt in dieser Region vor. Die Frage ist, ob man mitmacht, was ich für langfristig schädlich halte.

die wirtschaft: Was für Besonderheiten gibt es im Moskauer Alltag?

Jonach: Es gibt keine Versorgungsengpässe mehr. In den Supermärkten ist das Angebot größer als in Wien, die Waren kommen aus aller Welt. Allerdings ist es teuer: Die Wohlhabenden diktieren den Preis. Es gibt hier 200.000 Dollar-Millionäre und die Stadt hat die größte Anzahl von Milliardären weltweit - mehr als New York. Das prägt: In der Unterhaltungskultur zum Beispiel steht Moskau europäischen Metropolen um nichts nach, nur ist es um einiges teurer. Außerdem befindet sich die Stadt in einem permanenten Stau: Alle haben Autos, aber die Infrastruktur hält nicht mit.

die wirtschaft: Wie viel kostet ein dreigängiges Menü für zwei Personen in einem gehobenen Mittelklasse-Lokal?

Jonach: Mit 100 Dollar pro Person müssen Sie rechnen - ohne Getränk.
(3/06)

Autor:
Redaktion.DieWirtschaft
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