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Rätsel­hafte Daten­kette

08.06.2018

Um die komplexe Technologie der Blockchain ist ein wahrer Hype ausgebrochen. Wir erklären die Eckdaten des Systems – und schildern die ersten konkreten Schritte österreichischer ­Betriebe in der Praxis.

Es kommt nicht jeden Tag vor, dass eine so schwer zu verstehende Technologie eine solche Bekanntheit erlangt. Doch der Hype um die Blockchain ist unübersehbar: in Reden von Spitzenpolitikern, auf Titelseiten von Magazinen und in Strategiepapieren von Unternehmen. Es sei die größte Erfindung seit dem Internet, sagen die einen – und in wenigen Jahren werde sie unsere ganze Welt so verändern wie das Internet heute. Dabei sei die Technologie bestenfalls auf dem Stand des Internet der frühen 1990er-Jahre, sagen die anderen. In Wirklichkeit weiß bis heute niemand, ob Blockchain tatsächlich jemals breite Wirkung in der Realität entfalten wird – weil sie so komplex ist, immer noch viel zu langsam für wirtschaftliche Anwendungen und meistens extrem energieaufwendig. Ein gestandener IT-Manager eines großen österreichischen Energiekonzerns, der nicht genannt werden will, meint dazu: „Viele sehen, dass Blockchain eine Lösung ist – aber wir alle wissen noch nicht genau, für welches Problem. Und wir können auch nicht sagen, ob es jemals etwas wird. Im Moment gibt es noch keine einzige Blockchain, die reif für eine Anwendung in der Wirtschaft wäre.“ 

Erste Projekte in Österreich

Allen Kritikpunkten zum Trotz laufen in Österreich gerade die ersten Testphasen in der Praxis an – und es werden ständig mehr. Begonnen hat alles mit der berühmtesten Blockchain-Anwendung, der Kryptowährung Bitcoin. Sie tauchte mitten in der Finanzkrise 2008 auf, angeblich entworfen von einem Menschen namens Satoshi Nakamoto als Alternative zum zentralistischen Bankensystem. In den Folgejahren stieg der Kurs von Bitcoin rasant an, die Kryptowährung wurde zuerst eine Spielwiese von Nerds und Waffenhändlern und später von milliardenschwerden Finanzfonds. Doch während Bitcoin bis heute weit davon entfernt ist, das Finanzsystem zu stürzen, beschäftigen sich inzwischen hierzulande und weltweit ganze Branchen intensiv mit dem System dahinter. 

Viel mehr als Bitcoin

Denn eine Blockchain ist viel mehr als Bitcoin. Man kann sie sich vorstellen wie einen Werkzeugkasten, mit dem Firmen Anwendungen für ihre Prozesse bauen. Das wirklich Verlockende dabei: Eine Blockchain funktioniert wie das Internet dezentral – und sie ist, sagen zumindest ihre Befürworter, absolut fälschungssicher. Genau deswegen ist sie überall dort von großem Interesse, wo unterschiedliche Akteure gemeinsam an einem Prozess arbeiten und ohne Mittelsmänner auskommen wollen: in Banken und Versicherungen, in der industriellen Produktion, im Handel, der Logistik und der Energiewirtschaft. Entsprechend zahlreich sind hierzulande inzwischen die Versuche, die Blockchain zu implementieren.  

Handel und Logistik mit WU Wien

Entgegen den Aussagen von Pessimisten steht Österreich dabei im weltweiten Vergleich keineswegs in den hinteren Reihen. Schließlich startete das Start-up Grid Singularity, heute einer der international maßgeblichen Treiber für industrielle Blockchain-Anwendungen, in Wien. Heute gibt es an der WU Wien einen eigenen Forschungsschwerpunkt zur Kryptoökonomie. Das neu gegründete Austrian Blockchain Center (ABC), initiiert von WU-Professor Alfred Taudes, will ab dem kommenden Jahr mit Geld von der FFG, weiteren Partnern und Unternehmen an konkreten Anwendungen forschen. Mit dabei ist auch der österreichische Handelsverband. Gerade den Handelsfirmen biete Blockchain als Basistechnologie „eine Menge neuer Optionen“, so Verbandschef Rainer Will: „Eine lückenlose Rückverfolgbarkeit entlang der Lieferkette und Kundenbindung auf digitaler Basis, aber auch neue, dezentral organisierte Mitbewerber.“ Auch in der Logistik tut sich was. Die Erste Group hat sich einer von UBS und IBM gestarteten Initiative angeschlossen, die an einer riesigen Blockchain-Plattform namens „Batavia“ arbeitet. Bald soll die Plattform weltweit für Unternehmen jeder Größe offen sein. Im Fokus stehen dabei keineswegs nur Banken, die sich schnellere und billigere Transaktionen erhoffen, sondern auch Logistiker. Beteiligte können dann den Weg der Ware aus dem Lager ins Flugzeug, auf ein Schiff und in den Lkw bis zum Ziel verfolgen – während im Hintergrund Verwaltung und Zahlungen völlig automatisch ablaufen. 

Im Mittelpunkt: Energiewirtschaft

Von besonders großem Interesse ist Blockchain für die Energiewirschaft. Hier sorgt die Energiewende gerade für einen fundamentalen Systemwechsel: von hierarchischer Stromerzeugung zu vielen dezentralen Anlagen und Speichern, die auch massive Schwankungen im Netz mit sich bringen. Da kommen Blockchains, die kleinste Einheiten wie ein Mietshaus oder ganze Kontinente miteinander vernetzen können, wie gerufen. Eine zentrale Rolle für die Stromwirtschaft spielen sogenannte Smart Contracts: kleine Programme, mit denen der menschliche „Chef“ eines Knotens genau bestimmen kann, ab wann sein Haushalt, seine PV-Anlage oder Fabrik Strom bezieht, einspeist, weiterverkauft – oder ganz vom Netz geht. 

Zwei Projekte auf Mieterebene

Auf dieser Basis treiben gerade Energieunternehmen in ganz Österreich Projekte voran – von der Ebene der Endkunden bis zum europaweiten Großhandel. Etwa Wien Energie. Weil die Ökostromnovelle jetzt auch für Mehrparteienhäuser die gemeinsame Nutzung von PV-Anlagen erlaubt, hat der Versorger ein Pilotprojekt im zweiten Bezirk gestartet. Über eine Blockchain soll bald zwischen bis zu 300 Wohnungen ein Handel mit Solarstrom stattfinden, ebenso zwischen ihren Elektroautos, Ladestationen und der großen Strombörse in Leipzig. Auch die Stromtarife sollen „ganz individuell“ werden – und die Stromrechnung eine Wissenschaft für sich. 

Bei einem Mieterstromprojekt der Salzburg AG und des Verbund sind gleich zwei Testebenen geplant. Teil dieser Blockchain sind mehrere mehrgeschoßige Häuser in Köstendorf und in Niederösterreich. Die Technologie für die erste Stufe kommt von der FH Salzburg. Hier soll es nur darum gehen, den Betrieb der privaten Geräte in den Haushalten und die PV-Anlagen innerhalb des Netzes aufeinander abzustimmen. Hier arbeitet die Blockchain nach dem Prinzip (siehe Kasten) des „Proof of Work“, also eigentlich wie Bitcoin, nur viel schneller wegen der geringen Größe. Bei der zweiten Stufe liefert das Start-up Grid Singularity eine Software, die nach dem Konzept des „Proof of Authority“ arbeitet – also viel schneller und energieeffizienter als Bitcoin. Ziel dabei wird sein, dass die Anlagen der Haushalte untereinander mit Strom handeln. „Aber vorerst nur als Test, also rein spielerisch“, heißt es in der Salzburg AG. 

Gridchain: Netzbetreiber testen

Nochmals eine Nummer größer ist Gridchain – ein gemeinsames Pilotprojekt von neun österreichischen Verteilnetzbetreibern mit dem Branchenverband Oesterreichs Energie. In europaweit beachteter Pionierarbeit haben sie eine eigene Blockchain nach dem Konzept von „Proof of Work“ installiert, die schon viel schneller ist als das für die Energiebranche viel zu langsame System bei Bitcoin. Seit Jänner laufen nun über die Knoten der Netzbetreiber Transaktionen zwischen PV-Anlagen, Kraftwerken, Industriebetrieben – mit Echtdaten, aber als Simulation, wie Christoph Märk betont, Leiter für IT und Prozessmanagement beim Vorarlberger Versorger Illwerke VKW: „Zurzeit machen viele etwas mit Blockchain, um zu signalisieren, dass sie ganz modern sind. Bei Gridchain geht es uns vor allem um die Frage der richtigen Anwendung.“ 

Grenzenlose Ladeinfrastruktur

International wird es bei einem anderen Projekt unter Beteiligung der Vorarlberger: Oslo2Rome. Energieversorger aus sechs Ländern wollen damit demonstrieren, wie in Zukunft ein grenzüberschreitendes und trotzdem einfaches Laden von Elektroautos funktionieren könnte. Das ist heute überhaupt nicht der Fall: Es gibt viel zu viele unterschiedliche Techniken, Tarife, Roamingmodelle. Also fuhren acht Elektroautos in mehreren Etappen von Oslo über Berlin und Freiburg in Richtung Amsterdam. Bis Rom kamen sie zwar nicht, da Italiener doch nicht mitmachen konnten, aber bis Bregenz schon – weil die Vorarlberger Elektromobilität als Kerngeschäft definiert haben, wie VKW-Experte Michael Hirschbichler erklärt: „Jeder Autofahrer hatte dabei eine virtuelle Geldbörse als App auf dem Handy, die über eine Blockchain direkt mit den Ladesäulen kommunizieren kann.“

Die darunterliegende Plattform der deutschen Softwarefirma Motionwerk verwendet für Oslo2Rome das System von Ethereum und in Zukunft die Blockchain der „Energy Web Foundation“, die dabei auf das Konzept „Proof of Authority“ setzt – welches ohne das extrem aufwendige „Schürfen“ neuer Blöcke auskommt und deshalb viel schneller ist. Jetzt bereitet VKW die zweite Phase vor und prüft, wie sich die Technik auf das öffentliche System übertragen lässt. Hirschbichler appelliert an dieser Stelle auch an heimische Mittelständler und die Gastronomie, mehr Ladesäulen aufzustellen: „Speziell für Firmen als Partner bieten wir ein ,Rundum-Sorglos-Paket‘, bei dem sie an Ladesäulen mitverdienen. Und außerdem bringt eine Ladesäule ja auch meistens solvente Kundschaft ins Haus.“ 

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