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Prognose: Turbulent

29.05.2017

Stabilität sieht anders aus. Wenn Karolina Offterdinger, Vorständin der Acredia Versicherung, einen Blick über die Österreichs Grenzen wirft, zeigen sich diverse Baustellen. Worauf heimische Unternehmen aktuell besonders achten müssen, erklärt sie im Interview. 

Vor drei Jahren wurden Prisma Kreditversicherung und OeKB Versicherung erfolgreich zur Acredia zusammengeführt. Das Geschäftsmodell ist nach wie vor, Forderungen von Unternehmen im Ausland abzusichern. Wenn man an die Türkei, Ungarn und England denkt, scheint das politische Umfeld an Stabilität einzubüßen. Wie beurteilen Sie die Entwicklung?

Tatsächlich haben wir es mit anhaltenden globalen Konjunkturproblemen und einem in vielen Ländern veränderten politischen Umfeld zu tun. Für 2017 rechnen wir damit, dass die politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten bestehen bleiben werden. Belastend wirken weiterhin die möglichen längerfristigen wirtschaftlichen Folgen des Brexit, die protektionistischen Tendenzen im Welthandel und auch die geopolitischen Risiken, die neue Turbulenzen auf den internationalen Finanzmärkten nach sich ziehen könnten.

Rechnen Sie mit weiteren EU-Austritten?

Weitere EU-Austritte sind aus heutiger Sicht nicht wahrscheinlich.

In welchen unserer Nachbarländer, die besonders im Fokus der exportorientierten Wirtschaft Österreichs stehen, gibt es vermehrte Ausfälle? 

Hohe Ausfälle verzeichnen unsere Versicherungsnehmer traditionell bei den zwei wichtigsten Handelspartnern Österreichs Deutschland und Italien. Wir können es daher nicht oft genug betonen: Unternehmer müssen auch bei Lieferungen innerhalb der EU ihre Außenstände im Auge behalten und sofort mahnen, wenn eine Zahlung ausbleibt. Im CEE-Raum bemerken wir ein erhöhtes Schadenaufkommen in Rumänien und Kroatien. Wenn wir noch weiter schauen, ist das Land beziehungsweise die Region mit dem höchsten Risiko derzeit die Türkei und der arabischen Raum.

Wie gut sind Österreichs Unternehmen abgesichert? Sind sich die Unternehmer der Risiken überhaupt bewusst?

Nein, österreichische Unternehmer sind sich der Risiken absolut nicht bewusst. Natürlich wird für vieles eine Versicherung abgeschlossen – Betriebsausfall, Brandschutzversicherungen, Haftpflichtversicherungen – aber die größte Position in der Bilanz, die der offenen Forderungen, ist einfach zu oft unversichert. Hier gibt es aus unserer Sicht noch viel zu tun. Darin bestätigen uns übrigens auch die Ergebnisse unserer aktuellen Studie „PRISMA Wirtschaftsbarometer“. Knapp die Hälfte der befragten Unternehmen hatte im vergangenen Jahr einen Zahlungsausfall zu verzeichnen. Dennoch wird die Zufriedenheit mit der Zahlungsmoral als „sehr zufriedenstellend“ bezeichnet. Aus unserer Sicht ein Widerspruch, der im schlimmsten Fall zur Insolvenz führen kann.

Wie hoch ist der Anteil der Ausfälle, der sich durch vorsorgliche Vorab-Prüfung neuer Geschäftspartner verhindern lässt?

Nehmen Sie doch das Beispiel der jährlichen Gesunden-Untersuchung: Auch hier kann man nicht sagen, welche Krankheiten dadurch verhindert wurden. Aber man kann dank Vorsorge rechtzeitig eingreifen und vor allem das Schlimmste verhindern. Genauso ist es mit unserer Dienstleistung – der Vorab-Prüfung.

Wie gelangen Sie zu entsprechend validen Informationen über die Unternehmen im Ausland?

Mit Hilfe unseres internationalen Partnernetzwerkes. Acredia ist der regionale Partner von Euler Hermes für die Risikobewertung und Prüfung österreichischer und südosteuropäischer Länder. Dabei verantwortet Acredia aktuell ein Versicherungsvolumen im Wert von 3,5 Milliarden Euro in sechs ehemaligen jugoslawischen Ländern. Eine eigene Tochtergesellschaft in Serbien unterstreicht die lokale Vernetzung in dieser Region. In unsere Tätigkeit vor Ort halten wir uns an die Devise „Credit is local“: Man kann ein Unternehmen in Kroatien oder Serbien nicht mit denselben Standards bewerten wie ein österreichisches Unternehmen. Wir achten sehr stark auf die lokale Mentalität, lokale Handelsbräuche und das übliche Geschäftsgebaren. Natürlich spielt auch die volkswirtschaftliche und politische Bewertung des Landes eine Rolle, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob und in welchem Ausmaß ein Unternehmen versichert werden kann oder nicht.

Der Ministerrat hat Veränderungen im Privatkonkurs beschlossen. Die Entschuldung soll nach 3 Jahren abgeschlossen sein, auch wenn die Quote von 10 Prozent nicht erreicht wird. Was bedeutet diese Änderung für Unternehmer?

Mit der Privatkonkurs-Reform soll eine leichtere Entschuldungsmöglichkeit für ehemalige Selbständige geschaffen werden, die mit ihrem Privatvermögen haften. Die Änderung betrifft uns als Versicherung im B2B Bereich nur am Rande, denn die Absicherungen von Einzelunternehmern sind relativ selten. Aber natürlich beobachten wir die Entwicklung.

Allerdings sehen wir auch die zwei Seiten dieser Medaille. Die neue Regelung bietet speziell für EPUs eine Erleichterung, sieht aber keine Lösung bzw. Entlastung für jene Unternehmen vor, die Waren oder Dienstleistungen an diese EPUs zur Verfügung stellen und durch die neue Regelung möglicherweise zur Gänze um ihr Geld umfallen. Denn die Kreditprüfung eines Einzelunternehmers mit persönlicher Haftung ist beinahe unmöglich.

Nicht selten basieren Zahlungsausfälle auf Insolvenzen, wobei auffällt, dass es kein einheitliches europäisches Insolvenzrecht gibt. Sehen Sie Anzeichen dafür, dass auf Kommissionsebene ernsthaft an einer Harmonisierung gearbeitet wird?

Das Thema ist nicht neu. „Sanieren statt ruinieren“ ist das Motto, welches die meisten EU Länder bereits in ihrem nationalen Insolvenzrecht bedacht haben. „Sanieren“ ist immer wünschenswert, aber im Falle einer Insolvenz – wenn das Unternehmen also zahlungsunfähig ist – ist es schwer umsetzbar. Der derzeit bestehende Richtlinienentwurf zur vorinsolvenzlichen Restrukturierung muss den gesamten Gesetzgebungsprozess durchlaufen. Erst am Ende des Prozesses können wir sehen, worauf sich die Mitglieder der EU geeinigt haben. Expertenkreise gehen davon aus, dass mit der Wirksamkeit der diskutierten Regelungen erst innerhalb der nächsten zwei Jahre zur rechnen ist.

www.acredia.at

 

Autor/in:
Mag. Stephan Strzyzowski
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