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Prognose für 2010 und 2011: Aufschwung mit anhaltender Unsicherheit

24.09.2010

Durch die Abwertung des Euro im 1. Halbjahr begünstigt, sollte der Export des Euro-Raumes in der zweiten Jahreshälfte 2010 weiter expandieren. Gleichzeitig wird sich aber das Wirtschaftswachstum in den USA und in Asien etwas abschwächen. Im Jahr 2011 wird der Aufschwung im Euro-Raum weiterhin verhalten ausfallen.

Zwar dürfte sich die Lage in der Industrie stabilisieren. Die hohen Staatsdefizite und anstehenden Konsolidierungsmaßnahmen, die mäßige Investitionsdynamik, der Reformbedarf im Finanzsektor und die Ungleichgewichte im Euro-Raum bedeuten weiterhin eine Belastung. Für Österreich erwartet das WIFO ein Wirtschaftswachstum von real 2,0% für 2010 und 1,9% für 2011. Die Konjunkturbelebung trägt zu einer Verbesserung der Lage auf dem Arbeitsmarkt und in den öffentlichen Haushalten bei. Bis 2011 dürften die Arbeitslosenquote auf 6,8% und das Budgetdefizit - unter Berücksichtigung der geplanten Konsolidierungsmaßnahmen - auf 3,5% sinken.

Mit einiger Verzögerung gegenüber den USA und Asien hat nunmehr auch im Euro-Raum ein kräftiger Aufschwung der Industriekonjunktur eingesetzt: Begünstigt durch die Abwertung des Euro und die nach wie vor starke Nachfrage aus Fernost entwickelte sich der Export im II. Quartal außerordentlich gut und kurbelte - trotz der Turbulenzen um die hohen Budgetdefizite einiger südlicher Länder im April und Mai - die Binnennachfrage an. Im II. Quartal expandierte die Wirtschaft des Euro-Raums gegenüber dem Vorquartal um 1,0%. Vom besonders lebhaften Wachstum in Deutschland (+2,2%) profitierten auch die Nachbarländer, darunter Österreich, während die Wirtschaft in den südlichen Schuldnerländern des Euro-Raumes weiterhin stagnierte.

Gleichzeitig kühlte sich mit der Rücknahme der expansiven Fiskal- und Geldpolitik die Konjunktur in den asiatischen Schwellenländern etwas ab. Zwar wird mit weiterhin stabilem Wachstum gerechnet, doch trübt das Abflauen der Importnachfrage in Asien die Wachstumsaussichten für die USA ein, denn wegen der hohen Arbeitslosenquote und der Nachwirkungen der Finanzmarktkrise dürfte der private Konsum in den USA nur mäßig zunehmen.

Für den Euro-Raum und die ostmitteleuropäischen Länder zeigen die Frühindikatoren für die zweite Jahreshälfte 2010 weiterhin ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum an. Mit dem Auslaufen des Impulses, der durch die Abwertung entstanden ist, wird die Exportsteigerung im weiteren Jahresverlauf verflachen. Die Verbesserung der Kapazitätsauslastung und der Gewinnlage dürfte auch die Anlageinvestitionen der Unternehmen beleben. Damit wird ein Rückfall in eine Rezession zunehmend unwahrscheinlich.

Dennoch dürfte der Aufschwung im Euro-Raum im Jahr 2011 verhalten bleiben. Zum einen wird der Export langsamer wachsen als 2010. Zum anderen werden die anstehenden Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung die private Nachfrage dämpfen. Dies gilt insbesondere für jene Länder des Euro-Raumes, die mit schwacher Wettbewerbsfähigkeit und den Nachwirkungen von Immobilienpreisblasen konfrontiert sind. Das hohe Staatsdefizit dieser Länder und die ausgeprägten Ungleichgewichte im Euro-Raum bedeuten weiterhin ein Risiko. In Deutschland und seinen Nachbarländern wird die Wirtschaft damit stärker expandieren als im südlichen Euro-Raum.

 

Übersicht 1: Hauptergebnisse der Prognose


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Für Österreich erwartet das WIFO ein Wirtschaftswachstum von 2,0% 2010 und 1,9% 2011. Die Erholung wird primär vom Warenexport getragen, der mit Raten von +12,0% 2010 und +7,3% 2011 gegen Ende 2011 das Niveau von 2008 wieder erreichen wird. Dank der günstigen Exportaussichten ist auch eine Stärkung der heimischen Nachfrage zu erwarten. Die Ausrüstungsinvestitionen werden sich zunehmend stabilisieren, die Bauinvestitionen dagegen über den gesamten Prognosezeitraum schwach entwickeln. Der private Konsum wird mit der Verbesserung der Wirtschaftslage weiterhin stetig wachsen. Aufgrund der niedrigen Reallohnzuwächse und der geplanten Maßnahmen zur Konsolidierung der öffentlichen Haushalte werden zwar die verfügbaren Realeinkommen der privaten Haushalte in beiden Jahren nur geringfügig zunehmen. Die Haushalte haben aber genügend Spielraum, um dies mit einer Verringerung der Sparquote von 11,0% 2009 auf 10,5% 2011 auszugleichen.

Wegen der Konjunkturbelebung und niedriger Zinsausgaben fällt das Staatsdefizit 2010 mit 4,1% des BIP etwas geringer aus als im Frühjahr erwartet. Für 2011 plant die Bundesregierung Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung im Gesamtausmaß von 3,4 Mrd. € (1,3% des BIP), von denen 60% durch Ausgabenkürzungen erreicht werden sollen. Zusätzlich wird ein Konsolidierungsbeitrag von 0,8 Mrd. € von den Bundesländern erwartet. Mit den geplanten Maßnahmen dürfte die Defizitquote auf 3,5% im Jahr 2011 sinken. Sie sind aber noch nicht im Detail bekannt.

Die Prognose trifft daher vorläufige technische Annahmen über die Struktur der Konsolidierungsschritte. Die Prognose ergibt für 2010 und 2011 einen Anstieg der Zahl der unselbständig aktiv Beschäftigten um 0,8% bzw. 0,6%1). Wegen der gleichzeitigen Ausweitung des Arbeitskräfteangebotes wird die Arbeitslosenquote nur geringfügig sinken. Die Beschäftigung nahm allerdings primär in den Dienstleistungsbereichen mit hohem Anteil an Teilzeitbeschäftigung zu, während sie sich in der Sachgütererzeugung erst zuletzt stabilisierte.

Dementsprechend werden die Nettorealeinkommen der Beschäftigten pro Kopf (gemessen am VPI) in beiden Jahren zurückgehen (2010 -0,9%, 2011 -0,2%). Dazu trägt neben der mäßigen Lohnentwicklung der Anstieg der Inflationsrate bei. Im Jahr 2010 verstärkt der Anstieg der Rohölpreise die Inflation. Für 2011 trifft das WIFO die technische Annahme, dass die Anhebung von Abgaben und indirekten Steuern im Zuge der Budgetkonsolidierung 0,4 Prozentpunkte zur Inflationsrate beiträgt. Auch wenn die Kapazitätsauslastung und der Kostendruck
mäßig bleiben, wird sich daher die Inflationsrate (nationaler VPI) 2010 und 2011 auf 1,8% bzw. 2,1% erhöhen.

Autor/in:
Redaktion.DieWirtschaft
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