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Seda-Einzelstation für die Trockenlegung von Fahrzeugen

Pionier des Autorecyclings

09.10.2019

Noch bevor Umweltschutz im Trend lag, hat das Tiroler Unternehmen Seda auf die Wiederverwertung alter Autos gesetzt. Die Ausrichtung des Hidden Champion war vom Start weg international.

„Kipp das Öl einfach in den Boden – dann kommt es dorthin zurück, wo es hergekommen ist!“ Dieser Satz, den der spätere Unternehmensgründer Josef Dagn als junger Mitarbeiter in einer Werkstatt von einem seiner Chefs gehört hat, ist bei ihm hängen geblieben. So sehr, dass er selbst zum Pionier wurde, was die Entsorgung gefährlicher und umweltschädlicher Stoffe wie Benzin, Diesel, Altöl, Kühl- oder auch Bremsflüssigkeit betrifft. Nur zwei Unternehmen weltweit können ein ähnliches Know-how aufweisen, wie Seda mit Hauptsitz in der 4.400 Einwohner zählenden Gemeinde Kössen in Tirol. „Wir sind die Einzigen, die beim Thema Autorecycling das komplette Portfolio anbieten – von der Trockenlegung bis hin zum Komprimieren“, erklärt Sebastian Raubinger, Marketing- und Vertriebsexperte bei Seda. Geschreddert werden bei Fahrzeugen zum Beispiel die Elektrokabel. Dabei trennt der Kabelschredder Rohstoffe wie Kupfer oder Aluminium von Plastik.
Dass das Umwelttechnikunternehmen heute weltweit 26 Distributoren und sechs Töchterunternehmen hat, ist kein Zufall. „Man muss von Beginn an international denken, alles andere bringt nichts. Österreich ist ein zu kleiner Markt“, sagt Raubinger. Und der Firmengründer selbst ist auch gleich international gestartet. Nachdem er 1967 von seiner Lehre bei Mercedes-Benz zurück in seine Heimat nach Kössen gekommen ist, eröffnet er zuerst eine Tankstelle samt Reparaturwerkstatt. 1983 erfolgte der Sprung über den Atlantischen Ozean. Dagn gründet die Seda Environmental LLC in New York, die ihren Sitz zwei Jahre später nach Florida verlegt hat.

PIONIER BEIM UMWELTSCHUTZ

„Die Umwelt vor gefährlichen Flüssigkeiten aus Altfahrzeugen zu schützen“ – diese Vision hat den Firmengründer von Beginn an angetrieben. Ein großer Meilenstein war 1993 die Entwicklung der weltweit ersten kompletten Altautotrockenlegung, die gleich europaweit verkauft wird. Das Besondere dabei: Zu dieser Zeit war der Stellenwert von Recycling und Umweltschutz noch ein völlig anderer als heute. „Gesetze in Bezug auf das Autorecycling hat es noch nicht gegeben. Wir waren als UnUnternehmen der Zeit voraus“, so Raubinger. Ein Wettbewerbsvorteil, der das Unternehmen in der Folge tatsächlich international nach vorn katapultiert hat.

Sebastian Raubinger, Marketing und Vertrieb Seda „Da wir in einer Nische aktiv sind, müssen wir unsere Mitarbeiter selbst ausbilden.“

GESETZ STÜTZT GESCHÄFTSMODELL

„Als Autorecycling in den Niederlanden im Jahr 2003 über den Gesetzgeber vorgeschrieben wurde, waren wir die Einzigen, die das Knowhow dafür hatten. Man konnte an uns einfach nicht vorbei“, erklärt der Vertriebsexperte. Der staatliche Verband Auto Recycling Nederland (ARN) kaufte mit einem Schlag gleich 220 Trockenlegungsanlagen. Raubinger: „Drei Jahre später haben wir den Exportpreis gewonnen und wurden somit auch offiziell zum Hidden Champion.“

Die angestrebte Recyclingquote pro Auto ist in der EU bei 95 Prozent festgelegt. Welche Rohstoffe ein altes Auto durchschnittlich liefern kann, ist durchaus beachtlich: 690 Kilo Metall, 14 Kilo Flüssigkeiten wie Benzin und Bremsflüssigkeit, 55 Kilo Textilien und Fasern, 65 Kilo Sand, 30 Kilo Altreifen, 35 Kilo Aluminium, vier Kilo Mineralöl und 55 Kilo Kunststoff. Forschung und Entwicklung findet bei Seda im eigenen Unternehmen statt. Als größte Stärke in diesem Bereich bezeichnet Raubinger jedoch die Kooperationen mit einigen deutschen Autoherstellern wie Mercedes. Mercedes verfügt sogar über ein eigenes Recyclingcenter für Test- und Crashfahrzeuge. „Wenn die Hersteller neue Modelle oder Technologien in der Entwicklung haben, werden wir häufig miteinbezogen, um das Thema Recycling zu Ende zu denken“, sagt Raubinger. Der Grund dafür ist einleuchtend. Kommt ein neues Auto auf den Markt, dann landet es in fünf bis zehn Jahren beim Verwerter. „Bis dahin haben wir dann auch das passende Produkt für den Recyclingprozess entwickelt.“

PROBLEMFALL ELEKTROMOBILITÄT

Wo die Entwicklung – zumindest für ein komplettes Recyclingsystem – noch länger dauern wird, ist der Bereich Elektromobilität. „Für die Lithium-Ionen-Batterien gibt es bis jetzt Lösungen in Einzelfällen“, konkretisiert Raubinger. Aktuell sind laut Statistik Austria 2,7 Prozent aller Neuzulassungen in Österreich Elektro- Pkw. Die Internationale Energieagentur schätzt, dass bis zum Jahr 2030 bereits 140 Millionen Elektroautos weltweit die Straßen befahren, wenn die Staaten das Ziel des Klimaabkommens von Paris einhalten wollen. Die starke Zunahme der E-Mobilität – vor allem auch bei den E-Bikes - macht die Frage des Recyclings und der Entsorgung der gebrauchten Lithium-Ionen-Akkus von einem Randthema zu einer großen, in vielen Fällen auch noch offenen Frage. Verschärfend kommt hinzu, dass Lithium-Ionen-Batterien ein Autoleben meist nicht überdauern. Im Schnitt können die Akkus in Elektroautos zehn Jahre verwendet werden, dann fehlt ihnen die Kraft, um ein Elektroauto anzutreiben, und sie müssen getauscht werden.

„Was wir jetzt schon mitentwickelt haben, sind Lagerungs- und Transportboxen für Batterien sowie Equipment zum Trockenlegen und Demontieren von Elektro- und Hybridautos“, so Raubinger. Neu sind auch die Sicherheitsdecken für E-Fahrzeuge. Diese können nicht nur bei Unfällen mit Brandentwicklung eingesetzt werden, sondern auch bei Transporten und Lagerungen von Elektrobatterien mit undefinierter Gefahrenquelle. Raubinger: „Ist die Batterie defekt, kann sie sich auch erst in Stunden oder Tagen entzünden. Die Decke hilft, um das Auto kontrolliert von A nach B zu bringen beziehungsweise zu lagern.“

KOMMT DER BERUF „AUTORECYCLER“?

Was nicht nur Seda, sondern die Recyclingbranche allgemein dringend benötigt, wäre ein eigener Berufszweig. „Bei uns arbeiten Mechaniker, Installateure oder auch Tischler. Da wir in einer Nische aktiv sind, müssen wir uns unsere Mitarbeiter selbst ausbilden“, sagt Raubinger. Immer wieder kursieren Ideen, den Beruf eines Autoverwerters oder Autorecyclers zu etablieren – möglicherweise als Zusatzausbildung zum Kfz- Mechaniker. Am Bedarf dürfte in Zukunft jedenfalls kein Mangel herrschen.

 

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MARKUS MITTERMÜLLER

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